Moria in Flammen

Das Flüchtlingscamp existiert nicht mehr

Seit Jahren sind die Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln heillos überfüllt. Hilfsorganisationen warnen immer wieder vor einer Katastrophe - nun ist sie da.
10.09.2020, 06:14
Lesedauer: 4 Min
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Von Ferry Batzoglou
Das Flüchtlingscamp existiert nicht mehr

Eine Frau mit Mund- und Kopfbedeckung geht vor einer großen Rauchwolke über dem Flüchtlingslager Moria weg.

Petros Giannakouris/dpa

Um genau 22.34 Uhr am späten Dienstagabend rückte die griechische Feuerwehr mit massiven Kräften an, um das sich rasch in Nord-Süd-Richtung ausbreitende Feuer im berühmt-berüchtigten Flüchtlingscamp Moria unweit des gleichnamigen Örtchens auf der Insel Lesbos in der Ost-Ägäis zunächst überhaupt unter Kontrolle bringen zu können.

Es war kein leichtes Unterfangen – und dies nicht nur, weil der im Spätsommer hier so typische Meltemi, ein trockener Nordwind der Windstärke sieben bis acht mit noch heftigeren Böen, über Lesbos hinwegfegte. So wurden die Einsatzkräfte von aufgebrachten Flüchtlingen im sogenannten Hotspot zur Aufnahme und Identifizierung von Flüchtlingen und Migranten auf Lesbos mit Steinen, dick gespaltenen Holzscheiten und allerlei anderen harten Gegenständen beworfen. Ein Feuerwehrwagen wurde beschädigt. Spezialeinheiten der griechischen Polizei (MAT) mussten eingreifen, um der Lage Herr zu werden. Erst durch den Einsatz von Tränengas und Blendgranaten schafften es die Bereitschaftspolizisten, die wütende Menge aus Flüchtlingen und Migranten aufzulösen. Das Camp wurde sofort evakuiert.

„Das war eine Rebellion. Bei einer Rebellion kann alles passieren. Es waren sogar Schüsse zu hören“, berichtete der Staatssender ERT unter Berufung auf Augenzeugen. Noch am Mittwochmittag loderten kleinere Feuerherde im Camp Moria. Dabei konnte am Unglücksort nicht mehr viel verbrennen. Ob direkt im Lager, der von einem Zaun umgeben ist, oder im „Dschungel“, wie das weitläufige Areal zwischen unzähligen Olivenbäumen direkt am Camp genannt wird. Dort hausten vor dem katastrophalen Feuer weitere Tausende Flüchtlinge und Migranten, weil im überfüllten Lager kein Platz für sie war. Zelte, Container, das Büro der Europäischen Asylagentur sowie Gesundheitseinrichtungen sind vollkommen zerstört oder mehr oder minder stark beschädigt. Asche überall. Schon früh war klar: Keiner kann mehr im Lager bleiben. Genau das wollte auch keiner. Das Camp Moria gibt es nicht mehr.

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Noch in der Nacht auf Mittwoch machten sich Hunderte der Flüchtlinge und Migranten zu Fuß auf den Weg in Lesbos’ Hauptort Mytilini, rund sieben Kilometer von Moria entfernt. Ohne Erfolg. Polizeieinheiten versperrten ihnen auf der Landstraße den Weg. Der Grund, den die Behörden dafür angaben: das Coronavirus. Unklarheit herrscht gegenwärtig darüber, wo die Camp-Insassen fortan bleiben sollen. „Wir wissen nicht, was mit den Flüchtlingen und Migranten passieren wird, wo sie bleiben werden. Wir müssen zusehen, wo wir Zelte für sie aufstellen. Sie müssen aber weit weg von der Stadt bleiben – wegen Corona“, sagte Kostas Moutzouris, Chef der Regionalverwaltung Nord-Ägäis, zu der Lesbos gehört. Die Ex-Moria-Bewohner woanders unterzubringen und zu versorgen, und zwar halbwegs organisiert, ist jedenfalls eine Herkulesaufgabe.

Im und am Camp Moria lebten vor dem Feuer rund 12 600 Flüchtlinge. Und dies in nicht nur hygienisch unhaltbaren Zuständen. Ursache für den Ausbruch des Feuers in Moria ist – zumindest indirekt – das Coronavirus.

Laut übereinstimmenden Informationen sollen sich mehrere von insgesamt 35 positiv getesteten Flüchtlingen und Migranten am Dienstagabend der Aufforderung der griechischen Behörden verweigert haben, sich zur Isolation von den anderen Insassen in einen Lagerraum unweit des Camps zu begeben. Darüber sei es zum Streit mit anderen Camp-Bewohnern gekommen. Die Verweigerer hätten anschließend mit Feuerzeugen an verschiedenen Stellen gleichzeitig Feuer gelegt. Die Indizien für eine von Camp-Bewohnern initiierte Brandstiftung seien erdrückend, wie aus Athener Regierungskreisen verlautete.

Die 35 Corona-Fälle wurden bis zum Dienstagabend nach einem Massentest mit 2000 Flüchtlingen im Camp Moria nachgewiesen. Davon wies nur ein Fall Symptome auf, der Rest war asymptomatisch. Die Kontaktverfolgung war gleichwohl noch in vollem Gange. Der Test im Camp war von den griechischen Behörden angeordnet worden, nachdem am 2. September ein 40-jähriger Somalier, der in Moria wohnte, positiv getestet worden war. Das war der erste nachgewiesene Corona-Fall im Camp. Umgehend ordneten die griechischen Behörden vom 2. bis zum 15. September eine strenger Quarantäne an.

Niemand durfte Moria betreten oder verlassen. Ferner wurde die Polizeipräsenz nochmals verstärkt. Das Feuer hat nun alles auf den Kopf gestellt. Von den 35 nachgewiesenen Corona-Fällen im Camp Moria fehlte zunächst jegliche Spur. Am Mittwochabend gab die griechische Regierung bekannt, dass acht der 35 mit dem Coronavirus infizierten Flüchtlinge und Migranten unterdessen mit Hilfe der Polizei lokalisiert worden seien.

Die Angst der griechischen Behörden ist groß, dass die Infizierten ohne jegliche Sicherheitsmaßnahmen das Virus auf Lesbos mit seinen knapp 90 000 ständigen Einwohnern verbreiten könnten. Daher liegt das Hauptaugenmerk der Behörden nun darauf, alle Flüchtlinge von den Ortschaften auf Lesbos und insbesondere dem Hauptort Mytilini fernzuhalten.

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Wie ernst die griechische Regierung unter dem konservativen Premierminister Kyriakos Mitsotakis den Vorfall nimmt, zeigt ein kurzfristig anberaumtes Krisentreffen unter Vorsitz des Athener Premiers am Mittwochmorgen in dessen Athener Amtssitz. Beschlossen wurde dabei, auf der Insel Lesbos mit sofortiger Wirkung und für die nächsten vier Monate den Notstand auszurufen. Am Mittwoch um sieben Uhr in der Früh hob zudem ein militärisches Transportflugzeug vom Typ C-130 vom Militärflughafen in Elefsina westlich von Athen mit 50 Elitepolizisten an Bord in Richtung Lesbos ab. Sie sollen dort ihre Kollegen unterstützen.

Premier Mitsotakis nahm am Mittwoch in einer knapp dreiminütigen Videobotschaft zu dem Vorfall in Moria Stellung: Trotz der widrigen Umstände im Camp könne „nichts die gewalttätigen Reaktionen auf gesundheitliche Kontrollen“ sowie „die Ausschreitungen von derartigem Ausmaß“ rechtfertigen. Der griechische Premier kündigte an, dass ausnahmsweise alle 400 unbegleiteten Kinder und Jugendlichen unter den Flüchtlingen und Migranten Lesbos sofort, noch am Mittwoch, in Richtung griechisches Festland verlassen würden. Sie würden zuvor einem Corona-Test unterzogen. Die übrigen Flüchtlinge und Migranten müssen hingegen auf dem Eiland bleiben. Die Frage ist nur: Wo?

Die Regierung Mitsotakis gab dazu am Mittwochabend bekannt, dass 1000 besonders bedürftige obdachlose Flüchtlinge und Migranten auf einem Fährschiff der Schifffahrtsgesellschaft Blue Star untergebracht werden. Als am Mittwoch die Sonne unterging, loderte das Feuer im Camp Moria wieder auf.

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