Fünf Jahre nach der Krim-Annexion

Moskau schafft Tatsachen

Russland investiert viel in die Krimregion, um die dortige Bevölkerung zufriedenzustellen. Auch deutsche und europäische Konzerne profitieren trotz EU-Sanktionen davon.
29.09.2019, 23:07
Lesedauer: 6 Min
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Von Ulf Mauder
Moskau schafft Tatsachen

Baustelle der Großen Moschee am Stadtrand der Krim-Hauptstadt Simferopol. Dort soll die größte Moschee Osteuropas mit 24 Kuppeln entstehen. Der überwiegende Teil der muslimischen Gemeinde sind Krimtataren.

Mauder/DPA

Den Bau der Großen Freitagsmoschee mit den stolzen Minaretten dürfte es auf der Krim im Grunde so gar nicht geben. Eigentlich sollten die Sanktionen der Europäischen Union gegen die Krim nach der Annexion vor fünf Jahren durch Russland gerade solche Großprojekte erschweren. Doch am Rande von Simferopol, der Hauptstadt der Schwarzmeer-Halbinsel, wächst das riesige Gebetshaus.

Baumaschinen brummen – auch von deutschen Konzernen. Naturstein aus Belgien verziert das islamische Gebetshaus. Unter dem Patronat von Kremlchef Wladimir Putin entsteht der Stolz der Krimtataren – jener Bevölkerungsgruppe, die historisch nicht gut zu sprechen war auf Russland. Die Krim, die nach dem Völkerrecht weiter zur Ukraine gehört, erhält ohnehin so viel Unterstützung aus Moskau wie kaum eine russische Region. Und besonders den kritischen Krimtataren will der Machtapparat Wünsche erfüllen, um das seit Jahrhunderten hier ansässige Volk friedlich zu stimmen.

Der Moschee-Bau soll nicht nur Symbol einer freundlichen Kremlpolitik sein. Er kann auch als russische Antwort auf Vorwürfe des Westens gelten, die Krimtataren würden unterdrückt. Die Moschee soll zu den größten in Osteuropa gehören. „15 Jahre haben wir darauf gewartet. 2021 soll sie fertig sein“, sagt Ajdar Ismailow, Stellvertreter des Muftis. Zu ukrainischen Zeiten sei nur geredet worden. Jetzt, unter russischer Führung, gebe es Taten.

"In der Welt gibt es viel schlimmere Orte, Länder in denen Bomben hochgehen"

Ismailow empfängt Besucher im historischen Teil Simferopols, in der mehr als 500 Jahre alten Kebir-Cami-Moschee. Das Kulturdenkmal ist das älteste Gebäude der Stadt. Die Geistlichen um ihn herum wollen nicht, dass die Lage der etwa 300.000 Krimtataren auf der Halbinsel zum Spielball internationaler Politik wird. „Wir haben hier Frieden und Ruhe“, sagt der 42-jährige Ismailow. „In der Welt gibt es viel schlimmere Orte, Länder, in denen Bomben hochgehen.“ Ähnlich wie er äußern sich auch Bürger der russischstämmigen Mehrheit auf der Krim, wo insgesamt rund zwei Millionen Menschen leben. Viele sagen mit Blick auf den blutigen Konflikt in der Ostukraine, dass ihnen ein solcher Krieg erspart geblieben sei. Trotzdem haben auch Tausende Menschen aus Angst um ihre Zukunft nach der russischen Machtübernahme die Halbinsel verlassen.

Während die geistige Führung der Muslime großteils ihren Frieden gemacht hat mit den Russen, hält eine andere Gruppe der Krimtataren im Exil weiter dagegen. Ihre Vertreter nutzen Internet und Satellitenfernsehen zur Stimmungsmache. Von der ukrainischen Hauptstadt Kiew aus kämpft der frühere Krimtataren-Führer Mustafa Dschemiljow gegen die Annexion. Der schmächtige 75-Jährige sitzt im ockerfarbenen Anzug am Schreibtisch. Er spielt mit einem Feuerzeug, während er redet. „Sie ist unsere Heimat“, sagt er über die Krim. Der Abgeordnete im ukrainischen Parlament beklagt ein Klima der Angst. Seine Frau und Anhänger leben noch auf der Krim. Es sei wie einst zu Sowjetzeiten, als sich in der kommunistischen Diktatur niemand traute, offen zu sagen, was ist. Ärger mit dem Geheimdienst wolle schließlich niemand. Dschemiljow weiß, wovon er spricht. Der Raucher mit den tiefen Falten im Gesicht hat lange Zeit in Gefangenschaft verbracht. Der Dissident, der zu Sowjetzeiten aus politischen Gründen im Arbeitslager saß, ist von Russland als Ex- tremist zur Fahndung ausgeschrieben. 2014 erhielt der einflussreiche Krimtatare einen Anruf von Wladimir Putin. Der Kremlchef wollte wissen, was es brauche, um die Tataren auf die Seite der Russen zu ziehen. Dschemiljow erzählt, dass er einen Pakt mit Moskau abgelehnt habe. Kurz danach kam es zur international nicht anerkannten Volksabstimmung – und die Krim trat Russland bei.

Festung Krim

Heute wirft Dschemiljow dem Kremlchef auch mit Blick auf den aufgerüsteten Stützpunkt der Schwarzmeerflotte im Küstenort Sewastopol vor, die Krim zu einer Festung auszubauen – ohne Rücksicht auf die Menschen. Die strategisch günstige Lage der Region konnten die Russen zwar auch zu ukrainischen Zeiten militärisch nutzen. Nach dem Machtwechsel 2014 in Kiew aber drohte ein Verlust dieses Stützpunktes. Das wollte Russland nicht zulassen. Dschemiljow pflegt Kontakte zu offiziellen Stellen in der EU – und in der Türkei, wo die mit Abstand größte Diaspora der Krimtataren lebt. Er kämpft darum, dass für Russland die „Okkupation“ möglichst kostspielig werden soll. Geschätzt 20.000 bis 25.000 haben die Krim wegen der Annexion verlassen, wie Dschemiljow sagt. Er rät dazu zu bleiben. Doch viele, die es taten, halten Dschemiljow heute für einen Verräter, weil er die Sanktionen befürwortet. Er schade seinem Volk, heißt es.

Moskau tut gleichwohl viel, um die Folgen der Annexion so gering wie möglich zu halten – und vor allem dafür, um nicht unheilvolle Erinnerungen hochkochen zu lassen. Die Vorbehalte unter den Krimtataren gegen Russen sind groß, besonders seit ihrer Deportation im Zweiten Weltkrieg. Damals schickte Sowjetdiktator Josef Stalin sie als Verräter in die Verbannung nach Zentralasien, weil sie angeblich mit den Nazis kollaboriert hatten. Auch wegen dieser geschichtlichen Erfahrung boykottierten viele Krimtataren 2014 das Referendum über die Vereinigung. Inzwischen aber habe sich die Mehrheit abgefunden damit, dass andere Gesetze gelten, meint der Vize-Mufti Ismailow in der alten Moschee. Es sei der „schwerste Fehler“ Kiews gewesen, die Rechte der Krimtataren nie voll hergestellt zu haben, sagt er. „Die russische Gesetzgebung hat uns mehr gegeben als die ukrainische.“ Putin habe vor fünf Jahren eine politische Rehabilitierung der lange als Verräter beschimpften Tataren verfügt. Sie bekämen nun anders als früher wieder Grundstücke. Als die Ukraine noch das Sagen hatte, kam es wiederholt zu Konflikten, weil Angehörige der Minderheit um Boden kämpften. Inzwischen stünden 370 Moscheen auf der Halbinsel. Und es würden immer mehr, freut er sich. Nur zögerlich räumt Ismailow ein, dass es unter russischer Führung immer noch Probleme und offene Fragen gebe. Mehr krimtatarischen Unterricht in den Schulen wünscht sich die Volksgruppe zum Beispiel.

EU beklagt Unterdrückung der Krimtataren

Offizielle Stellen der Europäischen Union beklagen dagegen eine Unterdrückung der Krimtataren. Die Schließung ihrer Medien und ihrer Selbstverwaltung – sowie die Verfolgung von Mitgliedern der Gemeinschaft seien schwere Rechtsverletzungen, kritisierte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini im Frühjahr. Ismailow versucht das mit Unkenntnis in Brüssel zu erklären. Er empfiehlt, sich selbst ein Bild zu machen. Und er widerspricht der Darstellung von Menschenrechtlern, Strafverfahren gegen unbequeme Tataren seien politisch inszeniert. In Haft seien Tataren, die sich radikalisiert und verbotenen islamistischen Gruppen angeschlossen hätten, meint er. Statt des tatarischen Medschlis setze sich heute die gewählte Vertretung der Muslime für die Interessen der Menschen ein. Aber ja, es gebe auch eine Gruppe, die für eine Rückkehr der Krim zur Ukraine kämpfe. „Mehrheitsfähig ist das aber nicht.“

Russland indes schafft im Eiltempo Fakten. Seit der Annexion und wegen drohender Blockaden von ukrainischer Seite haben die Russen Kraftwerke und Pumpstationen gebaut. Inzwischen gibt es einen ultramodernen Flughafen, eine Brücke von dem Küstenort Kertsch zum russischen Kernland. Und die Autobahn Tawrida. Es ist Moskaus Charmeoffensive: Alle sollen sehen, dass Russland das Schicksal der Krim am Herzen liegt.

An ihrem Stand auf dem Markt verkauft die Krimtatarin Elmira Obst und Gemüse. An diesem Tag lassen sich nur wenige Kunden sehen. „Wir hoffen auf die Bahnverbindung vom russischen Festland, darauf, dass wieder mehr Reisende kommen“, sagt Elmira. Ende 2019 sollten die Züge rollen. Vieles ist schwieriger geworden, vor allem für Ukrainer. Die Bahnverbindung, die früher die meisten Menschen auf die Krim brachte, ist geschlossen. Schnelle Wege gibt es nur über die Brücke von Kertsch vom russischen Festland oder mit dem Flugzeug in rund zwei Stunden von Moskau aus. Ohne Kontrolle. Doch aus Kiewer Sicht ist das illegal. Wer es sich mit der Ukraine nicht verscherzen und kein Einreiseverbot für das in die EU und in die Nato strebende Land kassieren will, reist über einen der drei Grenzübergänge ein. Bisweilen Stunden warten Menschen etwa in Tschongar, ehe sie die ukrainischen und russischen Kontrollen hinter sich lassen können. Wo noch bis 2014 freie Fahrt war, prägen Stacheldraht und eine von beiden Seiten bewachte Pufferzone sowie bewaffnete Grenzsoldaten das Bild.

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