Gastbeitrag über ein Öko-Siegel für Seefisch MSC hat rote Linien des Naturschutzes überschritten

Das Seefisch-Gütesiegel MSC ist in Verruf geraten. Nötig ist eine grundlegende Reform, fordert Gastautor Kim Cornelius Detloff.
14.08.2018, 16:10
Lesedauer: 2 Min
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Von Kim Cornelius Detloff

Rund 14 Kilogramm Fisch verzehrt jeder Deutsche im Jahr. Immer öfter greifen wir dabei zu zertifizierten Produkten, in der Hoffnung unseren eigenen Beitrag zum Schutz der Meere zu leisten. Der Klassen­primus MSC, der Marine Stewardship ­Council, führt in Deutschland etwa 5000 Produkte, von Lachs über Fischstäbchen bis hin zu Katzenfutter. Damit hält MSC einen Marktanteil von etwa 60 Prozent. Doch ­leider hält das Siegel mit der Silhouette eines weißen Fisches auf blauem Grund bei ­näherem Hinschauen nicht immer das, was es verspricht: den Kauf eines nachhaltigen Produktes.

Wer die komplexen Bewertungsstandards hinterfragt, der merkt, dass beim MSC wichtige Kriterien fehlen, die der Verbraucher von einem Siegel – egal ob Bio, Öko oder Nachhaltigkeit – erwartet. Und das ist der Grund, warum hinter den Kulissen bereits seit Jahren ein bisweilen emotionaler Streit zwischen Fischereibiologen, Naturschützern und dem MSC tobt. Denn nach vermehrter Meinung greift das Siegel zu kurz beim Schutz von bedrohten Arten und Lebensräumen, sagt nichts über Arbeitsbedingungen an Bord der Schiffe und tut zu wenig für die eigene Transparenz und Unabhängigkeit. Es geht verloren, was die Initiatoren des MSC, darunter der WWF, vor 20 Jahren im Auge hatten: die Plünderung der Meere zu stoppen.

Längst hat MSC rote Linien des Naturschutzes überschritten. Sei es, dass in Meeresschutzgebieten mit zerstörerischen Grundschleppnetzen gefischt werden darf, dass viele Seevögel und Delfine auf der Jagd nach MSC-Fisch sterben und selbst Haiprodukte das begehrte Siegel tragen. Der Fehler liegt im System. Denn all das ist möglich, weil der anspruchsvolle Zertifizierungsprozess nicht vom MSC selbst, sondern von privatwirtschaftlichen Zertifizierern durchgeführt wird, die in direkter Abhängigkeit zur Fischereiindustrie stehen, wie auch die ARD-Dokumentation „Das Geschäft mit dem Fischsiegel“ schonungslos zeigte. Kurz gesagt: Der Bock wird zum Gärtner gemacht – und wer beißt schon in die Hand, die einen füttert?

Anfang 2018 hat ein internationales Bündnis von Wissenschaftlern und Verbänden eine grundlegende Reform des MSC gefordert. Der Streit wird öffentlich. Und das ist gut. Denn vermutlich muss der Druck des Lebensmittelhandels und damit der Verbraucher dafür sorgen, dass sich das beliebte Fischsiegel neu aufstellt. Noch ist es eine Beule im blauen Image. Aber ein Weiter so könnte auch das Aus bedeuten. Und damit wäre weder dem Verbraucher noch den Meeren geholfen.

Info

Zur Person

Unser Gastautor Kim Cornelius Detloff ist Meeresbiologe und ­Leiter Meeresschutz beim Nabu-Bundesverband.

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