Messerangriff von Paris

Mühsame Suche nach den Motiven

Ein Mitarbeiter der Polizei greift in der Polizeipräfektur mitten in Paris seine Kollegen mit einem Messer an. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen eines terroristischen Hintergrunds.
04.10.2019, 18:49
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Von Birgit Holzer
Mühsame Suche nach den Motiven

Großeinsatz nach dem Messerangriff: Polizei und Feuerwehr rückten am Donnerstag sofort nach dem Attentat aus. Am Freitag waren die Ermittler damit beschäftigt, die Hintergründe der Bluttat zu durchleuchten. Allerdings liegt das Motiv des Attentäters weiterhin im Dunkeln.

HARTMANN/Reuters

Paris. Ein höflicher, zurückhaltender Mann war Mickaël H., beliebt bei seinen Kollegen der Pariser Polizeipräfektur. Als angenehmen Zeitgenossen beschreiben auch die Nachbarn den Vater zweier Kinder. Umso unbegreiflicher scheint es, dass der 45-Jährige, der seit 16 Jahren beim Nachrichtendienst der französischen Polizei für Datenüberwachung und -auswertung zuständig war, am Donnerstagmittag mit einem Küchenmesser aus Keramik auf mehrere Kollegen losging.

Zunächst verletzte er in einem Büro im ersten Stock der Polizeihauptdienststelle auf der Pariser Seine-Insel Île de la Cité zwei Polizisten und einen Verwaltungsbeamten aus seiner Diensteinheit tödlich. Im Anschluss tötete er im Treppenhaus auf dem Weg nach unten eine Polizistin und fügte einer Mitarbeiterin der Personalabteilung schwere Verletzungen zu. Per Helikopter wurde sie in die Notaufnahme gebracht, zu ihrem Zustand wurde zunächst nichts Weiteres bekannt. Im Vorhof des Gebäudes stellte ein junger Polizist dann den Angreifer, forderte ihn vergeblich dazu auf, sein Messer niederzulegen, und tötete ihn schließlich mit einem Kopfschuss. Insgesamt spielten sich die tragischen Ereignisse innerhalb weniger Minuten ab.

In der Folge wurde die Polizei-Dienststelle im Zentrum von Paris großräumig abgesperrt. Präsident Emmanuel Macron, der ein „wahres Drama“ beklagte, Regierungschef Édouard Philippe und Innenminister Christophe Castaner eilten zum Tatort, ebenso wie Bürgermeisterin Anne Hidalgo. „Paris beweint heute Nachmittag die Seinen nach dieser schrecklichen Attacke“, twitterte Hidalgo. Sie denke an die Familien und Angehörigen der Opfer.

Ermittler durchsuchten noch am Donnerstagnachmittag die Wohnung des Täters im Pariser Vorort Gonesse und stellten unter anderem seinen Computer sicher, der nun ausgewertet wird. Mickaël H.s Frau, die wie ihr Mann hörbehindert ist, kam in Untersuchungshaft. Französischen Medienberichten zufolge soll sie ausgesagt haben, dass dieser in der Nacht vor der Bluttat geglaubt habe, er höre Stimmen, und verstört gewesen sei.

Der Mann, der in Fort-de-France auf der französischen Karibikinsel Martinique geboren wurde, war vor 18 Monaten zum Islam konvertiert. Er besuchte regelmäßig die Moschee, doch Anzeichen einer Radikalisierung gab es zunächst nicht. Dennoch leiteten die Antiterror-Spezialisten der Staatsanwaltschaft am Freitagabend Ermittlungen ein. Grund seien die bisherigen Erkenntnisse zu dem Vorfall. Der Polizeipräfekt von Paris sagte, er schließe „keine Hypothese“ aus.

Innenminister Castaner zufolge hatte es „keinerlei Auffälligkeiten im Verhalten“ des Täters oder auch nur das geringste Warnsignal gegeben. Der Mann war im Nachrichtendienst beschäftigt, dessen Mitarbeiter alle fünf Jahre einer Überprüfung unterzogen werden. Die französische Presse schrieb am Freitag allerdings von einem möglichen internen Konflikt und einer „beruflichen Frustration“ von Mickaël H., der in der Hierarchie aufsteigen wollte und einen Übersetzer für Gehörlosensprache eingefordert hatte. Er gehörte zur Kategorie C des öffentlichen Dienstes mit dem geringsten Verantwortungsniveau und der niedrigsten Bezahlung. Seine Frau soll laut Medienberichten ausgesagt haben, er habe sich über mangelnde Wertschätzung seiner Vorgesetzten beklagt. Seine früheren Kollegen reagierten tief bestürzt auf die Vorfälle. „Unser gesamtes Personal ist im Herzen getroffen von dem, was hier passiert ist“, sagte Innenminister Castaner.

Die Bluttat ereignete sich genau einen Tag, nachdem Tausende Polizisten in Paris für bessere Arbeitsbedingungen allgemein, aber auch gegen die anstehende Rentenreform der Regierung demonstriert hatten. Laut Organisatoren gingen am Mittwoch 27 000 Beamte auf die Straße, um unter anderem auf den großen Druck aufmerksam zu machen, dem sie ausgesetzt seien. Seit den Terroranschlägen 2015 hat sich die Situation verschärft, auch die monatelangen Proteste der „Gelbwesten“ zwischen Ende 2018 und Frühjahr 2019, bei denen es wiederholt zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, galten als große Belastung für die Beamten. Andererseits wurde den Einsatzkräften auch überzogene Gewalt vorgeworfen.

Seit Jahresbeginn nahmen sich rund 50 Polizisten in Frankreich das Leben. Allerdings sprach der Generalsekretär der Polizeigewerkschaft SGP-Police FO, Yves Lefebve, von einem „rein menschlichen Drama“, das nichts mit dem Beruf zu tun habe: Es hätte „in jedem Unternehmen, an jedem Arbeitsplatz“ passieren können.

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