Die Bremer Turkologin Yasemin Karakaşoğlu über angemessene Reaktionen auf den Terror „Muslime machen sich die gleichen Sorgen“

Frau Karakaşoğlu, oft ist davon die Rede, dass sich Muslime nicht ausreichend von Terroranschlägen im Namen des Islam distanzieren. Was sagen Sie dazu?Yasemin Karakaşoğlu: Davon kann keine Rede sein. Die islamischen Verbände, auch der Rat der islamischen Verbände in Bremen, die Schura, distanzieren sich regelmäßig mit deutlichen Worten, in Fernsehtalkshows, im Internet unter anderem durch Aktionen bei Twitter unter dem Hashtag „#this­isnotmyreligion“ – das ist nicht meine Religion.
13.08.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Muslime machen sich die gleichen Sorgen“
Von Silke Hellwig

Frau Karakaşoğlu, oft ist davon die Rede, dass sich Muslime nicht ausreichend von Terroranschlägen im Namen des Islam distanzieren. Was sagen Sie dazu?

Yasemin Karakaşoğlu: Davon kann keine Rede sein. Die islamischen Verbände, auch der Rat der islamischen Verbände in Bremen, die Schura, distanzieren sich regelmäßig mit deutlichen Worten, in Fernsehtalkshows, im Internet unter anderem durch Aktionen bei Twitter unter dem Hashtag „#this­isnotmyreligion“ – das ist nicht meine Religion. Muslime trauern mit allen anderen um die Opfer von Terror, darunter sind, was oft übersehen wird, auch viele Muslime.

Dennoch hat Ende Juli der Passauer Bischof Stefan Oster in der „Zeit“ gefragt: „Wann endlich kommt der kollektive, der große gemeinsame Aufschrei aller friedliebenden und wirklich ihrem Gott ergebenen Muslime der Welt, dass sie ihren Glauben nicht länger im Namen von Terroristen missbrauchen lassen wollen?“

Friedliebende und Gott ergebene Muslime erleben eine große Ohnmacht gegenüber Terroristen, die im Namen ihrer Religion morden. Die Forderung nach einem „kollektiven Aufschrei“ geht davon aus, dass Muslime eine homogene Gruppe wären. So ist es aber nicht, sie gehören verschiedenen Nationen und verschiedenen Strömungen an, es gibt keine zentrale Instanz, wie etwa den Papst in der katholischen Kirche, die im Namen aller Muslime eine solche konzertierte Aktion anregen oder koordinieren könnte.

Etwas ketzerisch formuliert, ist darunter vielleicht zu verstehen, dass sich in Köln 40 000 Menschen versammeln, um für Frieden, Toleranz und Religionsfreiheit zu demonstrieren, statt für den türkischen Präsidenten Erdogan.

Die Demonstration gegen den Militärputsch in der Türkei und zur Unterstützung des türkischen Staatspräsidenten Erdogan wurde von politischen Organisationen veranstaltet, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland tätig und in der Lage sind, auf diese Weise zu mobilisieren. Die Demonstranten waren keine Repräsentanten der Türken in Deutschland, geschweige denn der türkischen Muslime in Deutschland. Im Übrigen wissen wir nicht, wer von ihnen nicht auch bei Demonstrationen für Frieden, Toleranz und Religionsfreiheit mitwirkt.

Der Vorsitzende der Schura in Hamburg, Daniel Abdin, hat vor wenigen Tagen gesagt: „Ich bin es leid, mich immer rechtfertigen zu müssen, wenn irgendein Idiot auf der Welt bestialisch Menschen ermordet.“ Das kann man einerseits verstehen, andererseits ist es für die momentane Stimmungslage in der Bundesrepublik kein gutes Zeichen. Es sollte auch im Interesse der Muslime liegen, sich zu erklären.

Das tun sie auch. Die islamischen Verbände sind auf vielfältige Weise aktiv, sie beteiligen sich an Präventionsprogrammen gegen Extremismus, sie betreiben Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen, laden in Moscheen ein, nehmen an Friedensgebeten teil. Aber alles das reicht offenbar nicht. Es ist schon eine bizarre Situation, wenn der, der unter Vorurteilen zu leiden hat und nicht zuletzt selbst zum Feindbild islamistischer Terroristen gehört, auch der ist, der diese Vorurteile unablässig entkräften muss.

Erschwert wird die ganze Situation durch große Verständnisprobleme mit der theologischen Grundlage des Islam. Dem Bischof hat die Publizistin Canan Topçu in der „Zeit“ entgegengehalten, dass die „wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Passagen des Korans, die zur Gewalt gegen Andersgläubige aufrufen“, unerlässlich sei, um Ressentiments zu begegnen. Was halten Sie davon?

Ich bin keine Theologin, aber sicher ist es wichtig, den Koran zeitgemäß zu interpretieren. Was das betrifft, gab es lange Zeit ein Defizit, aber inzwischen gibt es eine ganze Reihe islamisch-theologischer Fakultäten – auch in Deutschland –, die sich dem Koran nicht nur als historischem Werk, sondern auch als theologischer Lebensgrundlage widmen, um Gläubigen einen Weg zu weisen, ihre Religion verstehen zu können. Um sich ein Urteil über den Islam zu bilden, reicht es nicht, den Koran zur Hand zu nehmen und sich irgendwelche Stellen herauszusuchen, um etwas zu belegen. Man muss ihn in seinem historischen Kontext sehen und ihn sich erklären lassen. Man darf auch nicht vergessen, dass Terroristen nicht in erster Linie religiös motiviert sind, sondern sich die Religion zunutze machen, um Macht auszuüben, Gewaltvorstellungen auszuleben und vermeintlichen Idolen nachzueifern.

Ein Teil der Bevölkerung scheint dennoch das Gefühl zu haben, dass der Terrorismus im Namen des Islam gewissermaßen nach Deutschland importiert worden ist, das Land also ein Problem hat, für das es sozusagen eigentlich nicht zuständig ist.

Terrorismus im 21. Jahrhundert kennt keine Grenzen und ist nicht auf den Bezug zu einer Religion zu reduzieren. Dass er sich weltweit ausbreitet, ist eine Folge der Globalisierung, davon sind alle Nationen und Religionsangehörigen gleichsam betroffen. Man sollte sich davor hüten, polarisierend Gegensätze aufzubauen, die für Terroristen keine Bedeutung haben: Alteingesessene gegen Neuzugewanderte, ethnisch Deutsche gegen Neudeutsche, Muslime gegen Christen. Muslime machen sich die gleichen Sorgen, sind von terroristischen Anschlägen in gleicher Weise betroffen und darüber hinaus noch erschüttert, was im Namen ihres Glaubens geschieht. Sie sind ebenso Zielscheibe der islamistischen Terroristen und stehen dennoch unter Generalverdacht.

Richtet sich der Terror der Dschihadisten nicht gegen alle Andersgläubigen?

Er gilt denen, die die Terroristen als andersgläubig definieren, in einer völlig pervertierten Rezeption des Islam. Damit sind nicht etwa nur Christen und Atheisten gemeint, sondern auch alle Muslime, die ihre Religion anders auffassen und leben als die selbsternannten Gotteskrieger. Das gilt also für die übergroße Mehrheit der Muslime. Bei Anschlägen in der Türkei sind über 95 Prozent der Opfer Muslime, darauf nehmen Dschihadisten keinerlei Rücksicht.

Ein Argument, das man hierzulande auch oft zu hören bekommt: Der Islam gehört zu Deutschland, wir sind von unserer Religionsfreiheit überzeugt. In der Türkei sieht es anders aus. Wie kann man hier in Anspruch nehmen, was man im eigenen Land nicht praktiziert? Wie begegnen Sie dem?

Diese Frage kenne ich seit meiner Kindheit: Darf man das etwa in der Türkei? Dazu kann ich nur sagen, dass die Türkei bezogen auf Religionsfreiheit kein Vorbild für Deutschland sein kann, zurzeit schon gar nicht. Die Bundesrepublik hat ihre eigenen Maßstäbe, wie jeder andere Staat auch. Auch die Türkei kann sich nicht eins zu eins mit Deutschland messen. Warum auch? Auf die Türkei zu blicken, Intoleranz zu beklagen und sie daraus für sich abzuleiten, hat nichts mit der Bundesrepublik zu tun, wie ich sie kenne und schätze, beispielsweise wegen ihrer stabilen Demokratie und ihrem weit- und umsichtigen Grundgesetz. Im Übrigen ist für Muslime in Deutschland die Türkei nicht per se das „eigene Land“.

Das kommt offenbar nicht überall an. Das gesellschaftliche Klima leidet, das Verständnis scheint nicht zu-, sondern abzunehmen. Wie lernen wir, besser zu differenzieren?

Wir müssen der Versuchung widerstehen, schnell alles einordnen und Schuld zuweisen zu wollen, wozu wir vielleicht gerade dann versucht sind, wenn wir uns unsicher fühlen. Wir dürfen nicht müde werden, unverdrossen unseren demokratischen Umgang miteinander zu praktizieren und uns mit unserem Gegenüber auseinanderzusetzen. Wir müssen im Gespräch bleiben, statt uns auseinanderdividieren und polarisieren zu lassen. Das ist der einzige Weg, diese Gesellschaft gemeinsam weiterzuentwickeln. Es ist mühsam, aber wir müssen bereit sein, unser Wissen von den Vorgängen in der Welt und unsere Vorannahmen dazu immer wieder zu überprüfen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Zur Person

Yasemin Karakaşoğlu ist Turkologin und Erziehungswissenschaftlerin. Seit 2011 ist die 51-Jährige eine der Konrektoren der Uni Bremen. Sie hat in Hamburg und Ankara studiert und zählte zum Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.
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