Corona-Sammelklage

Warum norddeutsche Skifahrer Behörden in Ischgl verklagen

Ischgl und die Folgen: Skifahrer aus dem Bremer Umland klagen gegen österreichische Behörden. Die Ehefrau eines Fischerhuders leidet bis heute unter Corona-Erkrankung
26.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum norddeutsche Skifahrer Behörden in Ischgl verklagen
Von Mathias Sonnenberg

Matthias Weber ist so ziemlich genau das, was man sich unter einem gestandenen norddeutschen Skifahrer vorstellt. Ewigkeiten schon reist er im Winter in die Berge, „das macht einfach irre Spaß“, sagt er. Die gut präparierten Pisten, die klare Luft, das meist gute Wetter, die Bewegung, all das zieht ihn Jahr für Jahr in den Schnee. Und dann ist da natürlich die Clique. Seit 20 Jahren fahren die vier Männer, alle aus der Umgebung Bremens, in den Schnee.

In diesem Jahr waren es sogar zwei Skiurlaube. „Das hat sich einfach so ergeben“, sagt Weber. Ist ja auch nichts, für das er sich entschuldigen müsste. Erst ging es nach Südtirol. Und weil es im Januar so schön war, gab es Ende Februar noch eine Woche Nachschlag in Ischgl. „War eigentlich auch schön“, findet Weber noch heute. Er meint die Tage im Ort. Denn was dann kam, war nicht mehr schön. Mit den Folgen des Urlaubs muss Weber bis heute leben. So sehr, dass er sich jetzt einer Sammelklage gegen die österreichischen Behörden angeschlossen hat.

Die vier Männer infizierten sich in Ischgl mit Corona. Wo genau? „Keine Ahnung“, sagt Weber, von Beruf Banker. Im „Kitzloch“, also jener Après-Ski-Hütte, die bis heute als ein entscheidender Ausgangspunkt der Corona-Infektionen in Ischgl gilt, seien sie jedenfalls nicht gewesen. „Wir haben hier und dort mal ein Bierchen getrunken, mehr eigentlich nicht.“ Die wilden Zeiten seien ohnehin vorbei. Aber auch ohne ausgiebiges Feiern steckten sich die vier Männer an – doch die Verläufe der Krankheit waren total unterschiedlich.

Weber hatte es jedenfalls am wenigsten erwischt. „Ich hatte eigentlich gar keine Symptome.“ Okay, er sei abends müde gewesen, „aber wer ist das denn nicht“? Trotzdem holte er sich in seinem Wohnort in Fischerhude einen Termin beim Hausarzt zum Abstrich. Weil der sich weder Weber noch dessen Frau nähern wollte, musste das Ehepaar die Abstriche eben selbst vornehmen – in Anwesenheit, aber eben mit Abstand des Arztes vor der eigenen Haustür.

„Mitglied im Klub“

Das war am 12. März. Weber weiß das noch so genau, weil er ab dem Tag eine Art Corona-Tagebuch geführt hat. „Beim Gesundheitsamt Verden hatte man mich darum gebeten.“ Zwei Tage später kam das Ergebnis: beide waren positiv. Und Weber „Mitglied im Klub“, wie er selbst sagt. Wird schon nicht so schlimm werden, habe er damals gedacht. Und tatsächlich wurde es das bei ihm auch nicht. Dafür aber bei seiner Frau. „Sie bekam schon am nächsten Tag hohes Fieber.“

Und lag einen Tag später im Krankenhaus Bremen-Ost. 14 Tage habe sie dort bleiben müssen. Zwar nicht an ein Beatmungsgerät angeschlossen, aber ihr sei unentwegt Sauerstoff durch die Nase zugeführt worden. Wenn Weber heute sagt, das sei „unschön“ gewesen, klingt das irgendwie untertrieben. Denn für seine Frau, die er ja erst mit dem Virus infizierte, ist der Leidensweg noch lange nicht vorbei. Und er zeigt, wie gefährlich diese Erkrankung sein kann. Weber ist froh, dass seine Frau heute wieder Sport treiben und sich problemlos bewegen kann.

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Angst macht ihm, dass sie noch immer Wortfindungsschwierigkeiten hat. Und der Geschmacks- und Geruchssinn sehr stark eingeschränkt ist. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum Weber über die österreichischen Behörden sagt: „So einfach kommen die mir nicht davon.“ Und sich einer Sammelklage auf Schadenersatz und Schmerzensgeld angeschlossen hat.

Das hat auch Alexander Hertwig getan. Der Orthopäde aus Lesum gehört wie Weber zu der Ski-Clique und findet noch heute, dass die handelnden Personen in Tirol die Lage völlig falsch eingeschätzt hätten. „Natürlich wissen wir heute mehr als im März“, sagt er. „Aber diese Reaktionslosigkeit der Leute ärgert mich einfach. Erinnern Sie sich noch an das hilflose Gestammel der Verantwortlichen damals im Fernsehen?“, fragt er. Deshalb wolle er mithilfe der Klage auch das Eingeständnis der österreichischen Behörden erzwingen, damals falsch gehandelt zu haben.

Die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen

Um Geld, sagen Weber und Hertwig, gehe es ihnen bei der Klage gar nicht. Es sei ja auch noch überhaupt nicht klar, in welcher Größenordnung ein Schadensersatz oder Schmerzensgeld liege. Und vor allem, wann das Geld mal gezahlt würde. Weber formuliert sein Ansinnen so: „Ich möchte, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Ich will ihnen zeigen, dass sie nicht alles mit einem machen können.“ Sie werfen den Behörden vor, viel zu lange mit dem Lockdown und einer Warnung vor dem Virus gewartet zu haben.

Darauf stützt sich auch die Sammelklage, die vom österreichischen Verbraucherschutzverein (VSV) stellvertretend für die geschädigten Urlauber eingereicht wurde. Demnach hätten die Behörden bereits Anfang März, als die ersten Verdachtsfälle in Ischgl bekannt wurden, vor der Anreise nach Tirol warnen müssen. Zudem hätten die Après-Ski-Bars, in der sich viele Urlauber ansteckten, schneller geschlossen werden sollen.

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Weber hat da eine ziemlich klare Haltung. „Wenn ich mich als Arbeitnehmer falsch verhalte, droht mir ja auch eine Abmahnung oder im schlimmsten Fall die Kündigung.“ Also müsse die Politik vor Ort, die die Fehler gemacht habe, auch die Verantwortung übernehmen. Musste er ja auch, denn Weber steckte nicht nur seine Ehefrau an, sondern auch noch etliche Kollegen. Weil er, wie er sagt, bei seiner Rückkehr aus Ischgl am 7. März die große Gefahr von Corona in Ischgl gar nicht erkannt habe. Völlig arglos nahm er deshalb am 9. März an einem Meeting in der Bank teil – und steckte alle fünf Kollegen an.

Weber und Hertwig aber haben mit Ischgl und dem Skigebiet trotz all der Corona-Erfahrungen nicht gebrochen. Vor der Abreise am 7. März hatten die vier Männer schon für den kommenden Winter Zimmer in dem kleinen Familienhotel reserviert. Und storniert ist die Reise bis heute noch nicht. „Das Skifahren an sich halte ich nach wie vor für ungefährlich“, meint Weber. Und Hertwig sagt: „Die Auflagen werden ja jetzt sehr hoch sein.“ Nur auf Après-Ski wollen sie komplett verzichten.

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