Nach dem Urteil im Fall Floyd

Amerika atmet auf

Der dreifache Schuldspruch gegen den weißen Polizisten Derek Chauvin im Prozess um den Tod des Schwarzen George Floyd markiert einen historischen Durchbruch.
22.04.2021, 05:00
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Amerika atmet auf
Von Thomas Spang
Amerika atmet auf

Erleichterung: Demonstranten in Minneapolis feiern das Urteil gegen den weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin, der wegen der Tötung George Floyds in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen wurde.

Stephanie Keith dpa

Courtney Ross hat auf diesen Moment gehofft, aber nicht an ihn zu glauben gewagt. Nach dem Verlesen des dreifachen Schuldspruchs der Geschworenen wird der Mörder ihres Lebensgefährten George Floyd in Handschellen gelegt und abgeführt. Derek Chauvin könnte bis zum Ende seines Lebens hinter Gitter verbringen, falls Richter Peter A. Cahill den Strafrahmen für Mord zweiten Grades, Mord dritten Grades und Totschlag zweiten Grades ausschöpft. Während die Menge vor dem Hennepin County Government Center in Jubel ausbricht und spontan „Drei Mal schuldig“ skandiert, rollen Ross Tränen über die Wange. „Er hat meine Welt verändert. Er hat unsere Welt verändert. Er hat die Welt verändert“, sagt Floyds Freundin Reportern, die mit ihr vor dem Gericht auf das Urteil gewartet hatten.

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Ross rührte einige der Geschworenen mit ihrer Aussage zu Tränen, als sie über ihr Verhältnis zu George sprach, der wie sie drogenkrank war und wegen des Gebrauchs einer 20-Dollar-Blüte in einem Krämer-Laden unter dem Knie des weißen Polizisten endete. Der 46 Jahre alte Floyd war am 25. Mai 2020 in Minneapolis bei einer Festnahme ums Leben gekommen. Videos dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden drückten. Chauvin presste sein Knie gut neun Minuten lang auf Floyds Hals, während dieser flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor der Autopsie zufolge das Bewusstsein und starb wenig später. Rund eine Milliarde Menschen haben dieses Video weltweit gesehen, das die letzten Worte Floyds „Ich kann nicht atmen“ dokumentiert. Es stand im Zentrum der Anklage, die an die sieben Frauen und fünf Männer in der Jury appelliert hatte, „ihren Augen zu glauben“.

Freudentänze nach dem Urteilsspruch

Statt Gewalt und Chaos erlebte Amerika am Abend des Urteils Freudentänze. Dass es keine ungetrübte Freude war, lag an der Nachricht aus Columbus, der Hauptstadt des Bundesstaates Ohio. Während die Welt in Erwartung des Floyd-Urteils die Luft anhielt, bestätigte Bürgermeister Andrew Ginther, dass die Polizei dort ein 15-jähriges schwarzes Mädchen erschossen hat. „Ein weiteres Kind verloren! Ein weiterer Hashtag!“, reagierte Bürgerrechtsanwalt Ben Crump, der die Floyd-Familie vertritt, auf die bittere Kunde aus Ohio. Ungeachtet dessen wertete er den Schuldspruch von Minneapolis als historischen Durchbruch. „Das ist ein Sieg für all diejenigen, die Menschlichkeit über Unmenschlichkeit stellen.“

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Als einen kleinen Fortschritt mit historischer Dimension wertete auch US-Präsident Joe Biden den Ausgang des Prozesses in einer Ansprache aus dem Weißen Haus. Das Urteil könnte „ein Moment des bedeutsamen Wandels sein“, erklärte der Präsident. Noch sei es viel zu selten, dass Polizisten zur Rechenschaft gezogen würden. Es habe eines „Mordes in hellstem Tageslicht“ bedurft, „die Augenbinden wegzureißen.“ Biden, wie zuvor schon seine Vizepräsidentin Kamala Harris, forderte den Kongress auf, endlich die Polizeireformen zu beschließen. „Wir müssen das System reformieren“, sagte Harris, die Rassismus als Problem nicht nur der Schwarzen, sondern aller Amerikaner bezeichnete. „Es hindert unsere Nation daran, unser volles Potenzial auszuschöpfen.“

Polizeipraktiken sollen untersucht werden

Justizminister Merrick Garland kündigte eine umfassende Untersuchung der Praktiken der Polizei in Minneapolis an. Es gehe darum, herauszufinden, ob „die Polizei in Minneapolis ein Muster verfassungsfeindlicher und rechtswidriger Polizeipraktiken verfolgt hat.“ Dazu gehören auch die Umstände des Todes des 20-jährigen Daunte Wright, der wegen einer abgelaufenen Registrierung und einem Duftbäumchen am Hinterspiegel in eine Polizeikontrolle kam. Die Situation eskalierte als ihn drei Beamte wegen eines ausstehenden Haftbefehls aus dem Auto zerrten. Eine Polizistin verwechselte angeblich ihre Dienstwaffe mit dem Taser und erschoss den jungen Mann.

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