Krise am Persischen Golf

Nach Drohnen-Abschuss: Offenbar US-Cyber-Angriff gegen Iran

Drohnen-Abschuss, Cyber-Attacke, Drohungen: Der Konflikt zwischen Teheran und Washington brodelt weiter. Mit neuen Sanktionen erhöht US-Präsident Donald Trump nun den Druck auf Iran noch weiter - und bietet dem Land zugleich wirtschaftliche Entwicklung und sogar Freundschaft an.
22.06.2019, 08:43
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Nach Drohnen-Abschuss: Offenbar US-Cyber-Angriff gegen Iran

Donald Trump auf dem Rasen vor dem Weißen Haus im Gespräch mit Journalisten.

Ting Shen / dpa

Nach dem Abschuss einer US-Drohne durch den Iran haben amerikanische Streitkräfte einem Medienbericht zufolge einen Cyber-Angriff gegen die iranischen Revolutionsgarden ausgeführt.

Die „Washington Post“ berichtete unter Berufung auf informierte Kreise, der Angriff am Donnerstagabend habe Computersystemen der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) gegolten, die zum Abschuss und zur Kontrolle von Raketen genutzt würden. US-Präsident Donald Trump habe den Cyber-Angriff genehmigt gehabt.

Die IRGC hatten in der Nacht zu Donnerstag eine US-Überwachungsdrohne mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Trump hatte einen für Freitag vorbereiteten Gegenschlag nach seinen Worten wenige Minuten vor dessen Ausführung gestoppt.

Die „Washington Post“ berichtete nun, das US-Verteidigungsministerium habe den Cyber-Angriff vorgeschlagen, nachdem die USA die IRGC für Attacken auf zwei Öltanker im Golf von Oman Mitte des Monats verantwortlich machten. Der US-Angriff auf die Computersysteme sei über Wochen oder gar Monate vorbereitet worden.

Die Zeitung schrieb weiter, der Angriff durch das Cyber-Kommando der US-Streitkräfte habe zwar militärische Kontrollsysteme der Revolutionsgarden im Iran lahmgelegt, aber nicht zu Opfern geführt.

Die „Washington Post“ berichtete, das US-Heimatschutzministerium habe Industrievertreter und Behörden am Samstag davor gewarnt, dass der Iran seine Cyber-Angriffe auf wichtige Branchen wie etwa den Energiesektor verstärkt habe. Der Iran habe das Potenzial, Computersysteme zu stören oder zu vernichten.

US-Sicherheitsberater John Bolton sprach am Sonntag eine klare Warnung in Richtung Teheran aus. „Unser Militär ist wieder aufgebaut, neu und jederzeit einsatzbereit, bei weitem das beste der Welt“, sagte Bolton bei einem Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in Jerusalem. US-Präsident Trump habe den geplanten Angriff auf den Iran nur „zum gegenwärtigen Zeitpunkt“ gestoppt, betonte der US-Sicherheitsberater. „Der Iran darf nie Atomwaffen haben“, so Bolton.

Bolton warf dem Iran auch eine Destabilisierung der gesamten Nahost-Region vor. „Weder der Iran noch andere feindliche Akteure sollten die Vorsicht der USA als Schwäche missverstehen“, sagte Bolton. „Niemand hat ihnen einen Jagdschein für den Nahen Osten ausgestellt.“

Ein Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden warnte derweil die USA und ihre Verbündeten vor den Folgen eines neuen Golfkrieges. „Falls ein Krieg in der Region ausbrechen sollte, würde alles außer Kontrolle geraten, und kein Land könnte dessen Ausmaß und Dauer mehr in den Griff bekommen“, sagte General Gholam-Ali Raschid, Kommandeur der IRGC-Militärbasis Chatam Al-Anbia, am Sonntag. Deshalb wolle der Iran auch keinen Krieg in der Region.

Auch die USA sollten bedenken, dass ein „falsches Handeln“ gravierende Folgen haben könnte, sagte der General laut Webportal der Revolutionsgarden. „Zumindest mit dem Leben ihrer Soldaten sollten die Amerikaner gewissenhaft umgehen und es nicht unnötig gefährden.“

US-Präsident Trump kündigte zugleich neue schwere Sanktionen gegen den Iran an. An diesem Montag würden „bedeutende zusätzliche Sanktionen“ verkündet, schrieb Trump auf Twitter.

Er stellte zugleich in Aussicht, die Strafmaßnahmen wieder außer Kraft zu setzen - als Bedingung dafür hatte er zuvor genannt, dass sich die Führung in Teheran dauerhaft dazu verpflichten müsse, keine Atombombe zu bauen. Trump schrieb, er freue sich auf den Tag, wo die Sanktionen wieder aufgehoben würden - „je früher, desto besser“.

Zu seinem Angebot an Teheran sagte Trump vor Journalisten: „Wenn sie dem zustimmen, werden sie ein wohlhabendes Land haben, sie werden so glücklich sein, und ich werde ihr bester Freund sein.“ In Anlehnung an seinen alten Wahlkampfslogan „Make America Great Again“ („Macht Amerika wieder großartig“) fügte er hinzu: „Wir werden es “Make Iran Great Again„ nennen, ergibt das Sinn? “Make Iran Great Again„, das ist in Ordnung für mich.“

Weiter sagte Trump mit Blick auf die von streng muslimischen Geistlichen kontrollierte iranische Führung, es könne sehr schnell einen Deal geben. Das liege an ihnen. „Aber wenn sie sich dumm benehmen, wird das nie passieren.“

Offen blieb zunächst, welche neuen Sanktionen kommen sollen. Trump sagte, bereits die derzeitigen Wirtschaftssanktionen hätten den Iran hart getroffen, nun würden „viele weitere“ folgen. „Iran ist im Augenblick ein wirtschaftliches Chaos, sie gehen durch die Hölle.“ Die USA würden nicht zulassen, dass der Iran über Atomwaffen verfüge.

Die seit Monaten andauernden Spannungen zwischen dem Iran und den USA hatten sich Ende der Woche gefährlich zugespitzt. Der Iran schoss am Donnerstag zuerst eine Aufklärungsdrohne ab, die nach Angaben aus Teheran den Luftraum des Landes verletzt und auf Warnungen nicht reagiert hatte. Nach US-Angaben flog das unbemannte Flugzeug dagegen in internationalem Luftraum.

Die USA bereiteten nach dem Abschuss der Drohne einen Gegenschlag für Freitag vor, den Trump nach seinen Worten nur zehn Minuten zuvor stoppte. Er begründete das mit der erwarteten Zahl von 150 Todesopfern im Iran. Trump verteidigte seine Entscheidung am Samstag und betonte zugleich, die militärische Option sei „immer auf dem Tisch, bis wir das gelöst bekommen“.

Trump bekräftigte, der Tod so vieler Menschen wäre unverhältnismäßig gewesen im Vergleich zum Abschuss eines unbemannten Flugzeugs. „Ich habe viele Freunde, die Iraner sind“, sagte er. „Ich will nicht 150 Iraner töten.“ Der Präsident fügte hinzu: „Jeder hat gesagt, ich bin ein Kriegstreiber, und jetzt sagen sie, ich bin eine Taube. Und ich denke, ich bin keins von beidem, wenn Sie die Wahrheit wissen wollen. Ich bin ein Mann mit gesundem Menschenverstand. Und das ist es, was wir in diesem Land brauchen.“

Auf die Frage, ob er dem Urteil seines Sicherheitsberaters John Bolton traue, sagte Trump: „Ja, das tue ich. Ich habe John Bolton, von dem ich definitiv sagen würde, dass er ein Falke ist, und ich habe andere Leute, die auf der anderen Seite der Gleichung sind. Und am Ende treffe ich die Entscheidung.“ Kritiker werfen dem Hardliner Bolton vor, Trump in einen bewaffneten Konflikt mit dem Iran treiben zu wollen.

Trump sagte, die Iraner hätten am Freitag auch ein bemanntes US-Flugzeug mit 38 Personen an Bord im Visier gehabt ohne es abzuschießen. „Ich denke, dass es sehr klug von ihnen war, das nicht zu tun. Und wir wissen zu schätzen, dass sie es nicht getan haben.“

Die iranischen Revolutionsgarden hatten mitgeteilt, sie hätten am Donnerstag - nicht am Freitag - neben der Drohne auch ein bemanntes US-Aufklärungsflugzeug vom Typ Poseidon abschießen können.

Der Iran drohte den USA am Samstag mit Konsequenzen, sollten sie den Luftraum des Landes verletzen. Dem Iran sei gleichgültig, was Trump sage oder welche Entscheidungen er treffe, sagte Außenamtssprecher Abbas Mussawi der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim. „Wichtig ist nur, dass wir keine Verletzungen unserer Grenzen dulden und auf jede Gefahr konsequent reagieren werden.“

Hintergrund der Spannungen ist das von den USA im Mai 2018 einseitig aufgekündigte Atomabkommen. Trump will die Führung in Teheran mit härtesten Wirtschaftssanktionen zwingen, einer Neuverhandlung und schärferen Auflagen zuzustimmen. Der Iran lehnt das ab. Solange Trump nicht zum Atomdeal zurückkehre und die Sanktionen nicht aufhebe „wird der Iran nicht mit den USA verhandeln, auch wenn es zu weiteren Spannungen führen sollte“, sagte Präsident Hassan Ruhani.

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