Pandemie-Beschränkungen verschärft

Ramadan im Nahen Osten: Zuckerfest ohne Feiern

Zum Ende des Ramdan verschärfen die Länder des Nahen Ostens ihre Corona-Beschränkungen. Während in Jordanien Panzer die Straßen abriegeln, zweifelt man in Irak an den offiziellen Infektions- und Todeszahlen.
24.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ramadan im Nahen Osten: Zuckerfest ohne Feiern
Von Birgit Svensson
Ramadan im Nahen Osten: Zuckerfest ohne Feiern

Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums entnimmt in Bagdad für einen Corona-Test eine Blutprobe von einer Frau.

Ameer Al Mohammedaw

„Das war absolut himmlisch, wieder mal an einem Abend draußen zu sein“, sagt eine glückliche Susanne Brunner am Telefon in Amman. Zuerst sei sie auf Reportage in der Stadt gewesen und danach bei Freunden im Garten zum Abendessen. „Einen Abend draußen hat es seit März nicht mehr gegeben, wir waren komplett eingesperrt.“ Doch die Freiheit währte nicht lange. Nur zwei Abende durften die drei Millionen Einwohner der jordanischen Hauptstadt vor die Tür, Einkaufen für die bevorstehenden Feiertage am Ende des Ramadan, Familie und Freunde sehen. Wenn das Zuckerfest an diesem Sonntag beginnt und drei Tage dauert, sind sie wieder eingesperrt. „Das Resultat“, so Susanne Brunner, „kein Mensch blieb am Mittwoch und am Donnerstag zu Hause, es sah in der Stadt aus, als wäre das Fest schon jetzt, Menschenmengen überall“.

Massiver Lockdown

Neun Wochen lang sitzt die Nahost-Korrespondentin des Schweizer Rundfunks nun in Amman fest. Niemand darf raus, niemand rein. Jordanien verzeichnet den massivsten Lockdown in der ganzen Region. Buchstäblich von einer Stunde auf die andere wurde am 16. März alles geschlossen. Brunner kam gerade von einer Reportagereise aus Israel zurück, als Panzer in Amman einrollten und alles abriegelten. Die Zufahrtsstraßen zum Rest des Landes sind seitdem unpassierbar, nur Warentransporte sind erlaubt und Touren mit Sondergenehmigungen. Damit solle die Ausbreitung des Virus’ in dem Land verhindert werden, begründete Brigadegeneral Mukhles al-Mufleh die Maßnahme. Und König Abdullah gab seinem Premierminister weitreichende Kompetenzen, mit aller Härte gegen Covid-19 vorzugehen.

Jordanien schloss seine Landgrenzen zu Ägypten, Israel und dem Irak und suspendierte alle Flugverbindungen. Wer trotzdem einreist, muss 17 Tage in Quarantäne. Die anderen dürfen tagsüber Einkaufen gehen, abends und nachts aber herrscht totale Ausgangssperre. Bereits Mitte März hat Jordanien die Veröffentlichung aller Zeitungen gestoppt, Journalisten, die über die scharfen Maßnahmen im Land berichten, sind unlieb. Wer Kritik über die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen übt, muss mit Repressionen rechnen. Dabei steht das Land am Jordan mit 700 Infektionen und neun Corona-Toten (Stand 22. Mai) gut da. Die Regierung in Amman wertet dies als Erfolg ihres rigorosen Durchgreifens.

Lesen Sie auch

Auch Nachbar Irak macht weiter die Schotten dicht. Während in den letzten beiden Wochen des Fastenmonats Ramadan die Ausgangssperre gelockert wurde und die Menschen von 5 Uhr morgens zwölf Stunden lang ausgehen durften, hat die neue Regierung in Bagdad nun für die Festtage eine komplette Sperre verhängt. Wie Mohammed Dhia aus der irakischen Hauptstadt per Skype berichtet, werden die Iraker nun zehn Tage lang vollkommen zu Hause eingesperrt. Besonders in den bevölkerungsreichen Bezirken im Nordosten der Hauptstadt habe man steigende Corona-Zahlen festgestellt, weil die Menschen sich nicht an die Beschränkungen hielten. Dhia, der für die französische Nachrichtenagentur AFP arbeitet, zieht die offiziellen Zahlen der Infektionen und Toten in seinem Land in Zweifel. Demnach gibt es 3724 an Corona Erkrankte und 134 Tote (Stand 20. Mai). Als die britische Nachrichtenagentur Reuters vor drei Wochen von nahezu 10.000 Infektionen sprach, wurde ihr die Lizenz für drei Monate entzogen und ein Bußgeld für die Verbreitung von „Falschnachrichten“ verhängt. Mohammed Dhia hofft nun, dass die ansteigenden Temperaturen im Irak – das Thermometer klettert derzeit schon auf 45 Grad – das Virus töten werden.

Das mit über 100 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land im Nahen Osten, Ägypten, schließt die Türen von Geschäften, Einkaufshallen, Restaurants und Parks, Nachtklubs und allen anderen Vergnügungsstätten von 17 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Nur tagsüber können die Menschen während der Festtage auf die Straße.

Drakonische Strafen

Mit Strafen von bis zu 4000 ägyptischen Pfund und Gefängnis werden Zuwiderhandlungen bestraft. Der monatliche Mindestlohn im Nilland liegt bei 1200 ägyptischen Pfund, derzeit etwa 70 Euro. Flüge von und nach Ägypten bleiben bis auf Weiteres suspendiert. Ob 680 Todesopfer (Stand 21. Mai) in diesem Riesenland realistisch sind, wie von den Behörden bekannt gegeben, darf bezweifelt werden. In einer 18-Millionen-Stadt wie Kairo hat das Virus eine seltene Ausbreitungsmöglichkeit. Allerdings tut die Regierung alles dafür, dass ihre Zahlen nicht in Zweifel gezogen werden. Laut der internationalen Organisation „Reporter ohne Grenzen“ führen Ägypten und Saudi-Arabien die Liste der schlimmsten Haftbedingungen für Journalisten an. Saudi-Arabien verzeichnet mit fast 68.000 Infizierten und 364 Toten die am meisten von Corona betroffenen Menschen in der Region.

Danach folgt Katar. Das Emirat am Golf führt jetzt zu den Festtagen eine Maskenpflicht ein und droht mit drakonischen Strafen. Nach Angaben des Innenministeriums drohen Geldstrafen bis zu einer Höhe von umgerechnet knapp 51.000 Euro oder maximal drei Jahre Gefängnis. Die Maskenpflicht gelte für alle Menschen, die das Haus verlassen, teilte das Innenministerium am späten Donnerstagabend in Doha mit. Ausgenommen seien Personen, die allein in einem Fahrzeug unterwegs seien. Nach offiziellen Angaben sind mehr als 28.000 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. 14 Menschen seien an den Folgen der Krankheit verstorben.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+