Mutmaßlicher Kämpfer der IS-Terrormiliz vor Gericht Nase voll vom „Heiligen Krieg“

Kreshnik B. soll in Syrien für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) gekämpft haben. Seit Montag steht der 20-Jährige in Frankfurt vor Gericht.
16.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Wiebke Ramm

Kreshnik B. soll in Syrien für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) gekämpft haben. Seit Montag steht der 20-Jährige in Frankfurt vor Gericht.

Kreshnik B. wirkt wie ein kleiner, dicklicher Junge, dem das alles ein bisschen peinlich ist. Fast schüchtern sitzt der 20-Jährige auf der Anklagebank des Oberlandesgerichts Frankfurt. Er wollte für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in den „Heiligen Krieg“ ziehen. Wenn Kreshnik B. das deutsche Gesicht der Gräueltaten des IS sein soll, dann ist es ein Milchgesicht mit dünnem Vollbart.

Am Montag hat der Prozess gegen Kreshnik B. begonnen. Er soll laut Anklage Mitglied in einer ausländischen terroristischen Vereinigung sein und eine „schwere staatsgefährdende Gewalttat“ vorbereitet haben. Es ist das erste Mal, dass sich ein mutmaßlicher IS-Kämpfer in Deutschland vor Gericht verantworten muss. Fünf Monate hielt Kreshnik B. es in Syrien aus, am 12. Dezember 2013 kehrte er nach Frankfurt am Main zurück. Noch am Flughafen wurde er festgenommen. Seine Eltern kommen aus dem Kosovo, er ist in Bad Homburg geboren und in Frankfurt aufgewachsen.

Bisher hat Kreshnik B. zu den Vorwürfen geschwiegen. Am Freitag könnte er sein Schweigen brechen. Das Gericht bietet dem Angeklagten einen Deal an: Legt Kreshnik B. ein umfassendes Geständnis ab, kann er auf Milde hoffen. Der Anklagevorwurf der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat würde fallen gelassen und B. als Heranwachsender nach Jugendstrafrecht mit einer Freiheitsstrafe zwischen drei Jahren, drei Monaten und vier Jahren, drei Monaten bestraft. „Sie sind ein junger Mann, der bisher nicht schwerwiegend in Erscheinung getreten ist“, sagt Richter Thomas Sagebiel zu B. Das Gericht wolle ihm daher eine Chance geben. Verteidiger Mutlu Günal will am nächsten Verhandlungstag sagen, ob sein Mandant das Angebot annimmt.

Laut Anklage, die Bundesanwalt Horst Salzmann vorträgt, soll sich Kreshnik B. im Juli 2013 der Dschihadistengruppe IS angeschlossen haben. Diese Terrororganisation sei darauf ausgerichtet, „Mord und Totschlag zu begehen“. B. habe es als seine religiöse Pflicht verstanden, in den „Heiligen Krieg“ (Dschihad) zu ziehen. „Er war bereit, für diese Ziele zu sterben.“

Kreshnik B. fuhr mit dem Bus in den Krieg. Mit sechs Gleichgesinnten soll er am 2. Juli 2013 nach Istanbul und von dort weiter nach Syrien gereist sein. Dort schob er Sanitäts- und Wachdienste, wurde an der Waffe ausgebildet und kämpfte. Er soll sich an mehreren Gefechten gegen das Assad-Regime beteiligt und in der syrischen Provinz Aleppo auch um Unterstützung für den IS geworben haben. Dass B. Anschläge in Deutschland geplant hat, glaubt die Bundesanwaltschaft nicht. Und wohl alle im Saal, die an diesem Tag die beiden Telefongespräche hören, die Kreshnik B. mit seiner älteren Schwester im September 2013 offenbar von Syrien aus führte, glauben das eher auch nicht.

Die Gespräche sind nur mit Mühe zu verstehen. Die Schwester hält nicht damit hinterm Berg, was sie vom „Heiligen Krieg“ ihres Bruders hält. Dieser wirkt wirr, verstört, ängstlich. Er sagt, Mutter und Vater sollten ihn in Syrien abholen. Die Schwester hält ihn für verrückt: „Papa und Mama sollen nach Syrien kommen und ihr Leben riskieren?“ Er sei doch ein schlauer Junge, er werde es schon allein bis an die türkische Grenze schaffen. Ihr Bruder schwenkt um: „Ich will gar nicht mehr nach Deutschland.“ Sie wird sauer: „Guck mal, wie dumm ihr seid. Du bist jung, dumm und naiv.“ Er, noch ein Kind, habe sich in Politik reinziehen lassen, wie all die anderen Kinder. Man gäbe ihnen 50 Euro im Monat, Kleidung und Essen – und er und seine Freunde seien darauf reingefallen. „Ihr seid alle so dumm und jung!“ Sie redet sich in Rage: „Und du willst den ganzen Muslimen erzählen, wo sie leben sollen?“ Ihr Bruder ist kaum zu verstehen, nur ein Satz: „Tötet sie, wo immer ihr sie findet.“ „Kompletter Unsinn“, entgegnet die Schwester.

Die Hartnäckigkeit der Familie hatte offenbar Erfolg. Kreshnik B. ist zurückgekommen. „Er ist froh, wieder in Deutschland zu sein“, sagt sein Anwalt außerhalb der Verhandlung. Und dass B.s Rückkehr auch als Abkehr vom IS zu verstehen sei. Die Gewalt und das Leid, das B. in Syrien gesehen habe, hätten ihn desillusioniert und möglicherweise auch traumatisiert. Anwalt Günal sagt: „Ich kann Sie alle beruhigen: Er ist kein gefährlicher Mensch. Er ist zurückgekommen, weil er, auf gut deutsch gesagt, die Nase voll hatte.“

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