Brandkrise in Australien

Nationale Katastrophe als Chance

Australien überdenkt angesichts der verheerenden Buschbrände seine zurückhaltende Klimapolitik. Ex-Ministerin Julie Bishop fordert eine Führungsrolle ihres Landes.
06.01.2020, 18:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Barbara Barkhausen und Subel Bhandari

Tote Kängurus säumen die Straßenränder, Tausende Häuser sind nur noch ein Haufen Asche. 24 Menschen sind bisher ums Leben gekommen, eine halbe Milliarde Tiere verendet, acht Millionen Hektar zerstört worden. Die Bilanz der Feuerkrise in Australien ist beispiellos. Und der Sommer auf der Südhalbkugel ist noch lange nicht zu Ende. „Die physischen und mentalen Narben werden uns jahrelang begleiten“, sagte Frank Jotzo beim Sender ABC, der das Zentrum für Klima- und Energiepolitik an der Australischen Nationaluniversität in Canberra leitet. Jede Fahrt oder Wanderung im Wald werde eine Erinnerung sein. „Der Frühling wird Angst vor dem Sommer bringen.“ In seinen Augen sind die durch Dürre ausgelösten Buschbrände zu einer nationalen Krise geworden, in der aber auch eine Chance stecken könnte. Sie könnte zum „Wendepunkt für Australiens Klimapolitik“ werden und es den Regierungspolitikern ermöglichen, ihre „zerstörerische Haltung gegenüber dem Klimawandel zu verwerfen“.

Tatsächlich verfolgt Australien bisher keine mutigen Klimaziele. Zwar hat das Land sich zu den Zielen des Pariser Abkommens bekannt. Um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, will man die eigenen Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2005 jedoch nur um 26 bis 28 Prozent reduzieren. Mitte Dezember war Australien eines der Länder, die sich bei der Klimakonferenz in Madrid gegen weitreichendere Klimaschutzmaßnahmen stellten. Zu sehr hängt der Kontinent an seiner Kohle- und Gasindustrie. Diese liefere wertvolle Arbeitsplätze, betont die Regierung. Erst im Juni ist im Zentrum des Bundesstaates Queensland eine der größten Kohleminen des Landes genehmigt worden. Bisher zeigt Premier Scott Morrison von der Liberal Party of Australia keine Anzeichen, von seiner Pro-Kohle-Politik abweichen zu wollen. Der Premier kündigte an, dass ein Fonds in den nächsten zwei Jahren mindestens zwei Milliarden australische Dollar (1,2 Milliarden Euro) bekommen soll – Geld für die von den Bränden betroffenen Menschen.

Immer wieder spielt Morrison die Feuerkrise herunter. Solche Katastrophen habe es „schon immer“ in Australien gegeben, kommentierte der Premierminister, während Experten sich einig sind, dass das Ausmaß der Brände beispiellos ist. Grünen-Chef Richard Di Natale verglich Morrison mit dem ehemaligen britischen Premier Neville Chamberlain, der sich wegen seiner Appeasement-Politik gegenüber Hitler einst politische Naivität und strategische Blindheit vorwerfen lassen musste. „Kriegsschiffe, die Menschen von unseren eigenen Ufern evakuieren, sind nicht normal“, sagte Di Natale. Die Brände sollten ein Weckruf für jedes einzelne Mitglied des politischen Establishments sein. „Wir brauchen dringend Maßnahmen, um den Zusammenbruch unseres Klimas zu bekämpfen“, sagte Di Natale.

Selbst konservative Politiker wie Ex-Außenministerin Julie Bishop fordern, dass Australien beim Klimawandel eine Führungsrolle einnehmen sollte. Der frühere Feuerwehrchef des Landes, Greg Mullins, sieht sogar eine moralische Pflicht. „Ich mache mir Sorgen um meine Enkel und deren Enkel“, sagte er. Wenn die Situation jetzt schon so schlimm sei, was stehe den nächsten Generationen bevor?

Hunderte Millionen Tiere sind nach vorsichtigen Schätzungen von Wissenschaftlern allein im Bundesstaat New South Wales an der Südostküste getötet worden. Bilder von verkohlten Kängurus treffen die Leute ins Mark. Für den Lebensraum und die Population der Koalas – wie Kängurus sind auch sie nur in Australien heimisch – sieht es nicht gut aus. So schilderte es Sue Ashton, die Chefin des landesweit einzigen Koala-Krankenhauses in Port Macquarie, das in einem der australischen Brandgebiete liegt. Ashton schätzt, dass es landesweit Zehntausende Tiere nicht geschafft haben.

Auf der Känguru-Insel, einem beliebten Urlaubsziel im Süden des Landes, ist nach Schätzungen von Wildschützern die Hälfte der Tiere verendet oder wird es wohl noch. Darunter ist möglicherweise die Hälfte der etwa 50 000 Koalas. Es gibt keine Nahrung mehr, viele der Tiere, die nicht im Feuer umgekommen sind, werden verhungern, wie ein Parkbesitzer der Zeitung „Adelaide Now“ berichtete. Für die Tierwelt werde es Jahre dauern, bis sie sich erhole.

In Australien trifft es aber auch Tiere, von denen viele Menschen in Deutschland noch nie gehört haben: etwa die Schmalfußbeutelmaus oder das Kaninchenkänguru. Der Ökologie-Professor Euan Ritchie von der Deakin Universität sagte, es sei zu früh, um zu bilanzieren, welche Folgen die Brände für die einzelnen Tierarten haben. „Wir sorgen uns sehr um viele Regenwald-Arten, die typischerweise keine Feuer erleben und deswegen nicht besonders widerstandsfähig sind.“

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