Angst um Schottland schwächt Gipfel-Gastgeber Großbritannien NATO-Stützpfeiler in Not

London. Das Thema steht auf keiner Tagesordnung, und es wird beim NATO-Gipfel in Wales auch auf den Fluren kaum angesprochen werden. Wenn die Generäle mit den Staats- und Regierungschefs und deren Außen- und Verteidigungsministern am Donnerstag und Freitag Newport zusammenkommen, dann werden sie sich äußerlich unbeschwert geben.
03.09.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von BARBARA KLIMKE

Das Thema steht auf keiner Tagesordnung, und es wird beim NATO-Gipfel in Wales auch auf den Fluren kaum angesprochen werden. Wenn die Generäle mit den Staats- und Regierungschefs und deren Außen- und Verteidigungsministern am Donnerstag und Freitag Newport zusammenkommen, dann werden sie sich äußerlich unbeschwert geben. Dennoch ist leichte Sorge über ihr Gastgeberland zu vernehmen: dem Vereinigten Königreich steht in drei Wochen das Votum über Schottlands Unabhängigkeit bevor. Die Folgen könnten nach Überzeugung führender Militärexperten „enorme Auswirkungen für Europa, für die NATO und für den UN-Sicherheitsrat haben“.

Großbritannien ist ein Stützpfeiler der westlichen Allianz. Wenn eine Mehrheit der Schotten am 18. September jedoch dafür stimmt, das der Norden der britischen Inseln im Jahre 2016 ein eigenständiger Staat wird, dann wird durch den Wegfall der schottischen Regimenter auch die Truppenzahl der britischen Streitkräfte erheblich reduziert. „Der Bruch mit Schottland wäre für den Rest des Vereinigten Königreichs ein erheblicher Verlust, und zwar weit mehr, als der schottische Bevölkerungsanteil von zehn Prozent andeuten kann“, sagt Philipps O‘Brien, Leiter der Abteilung Militärstudien an der Uni Glasgow: „Es würde sich die Frage stellen, in welchem Umfang Großbritannien, eine Atomseemacht, dann noch ihre internationalen Ressourcen erhalten kann.“

Die britischen Atom-U-Boote, vier an der Zahl, liegen seit vierzig Jahren in Schottland nördlich von Glasgow in Faslane, an den stillen Ufern der Mündung des Clyde, umgeben von grünbewaldeten Hügeln. Erklärtes Ziel der Unabhängigkeitspartei SNP ist, die nuklearen Sprengköpfe von einem souveränen schottischen Staat zu verbannen. Ministerpräsident Alex Salmond hat den Wählern eine „gusseiserne Garantie“ gegeben, ein souveränes Schottland zur atomwaffenfreien Zone zu machen. Das Problem für London ist, dass es derzeit keine Alternativhäfen für das britische Trident-Programm gibt.

Der frühere NATO-Generalsekretär George Robertson, ein Schotte, hat ein mögliches Unabhängigkeitsvotum als „katastrophal“ beschrieben. Die „Washington Post“ zitiert ihn mit den Worten, eine Ausweisung der U-Boote aus Schottland könne „einer nuklearen Entwaffnung des Vereinigten Königreichs“ gleichkommen. Vor diesem Hintergrund sei es verständlich, sagt Philipps O‘Brien, dass international wenig Enthusiasmus für Schottlands Unabhängigkeitsdrang zu spüren ist.

US-Präsident Barack Obama hatte im Juni angedeutet, dass ihm die Schottlandfrage durch den Kopf geht. Großbritannien möge doch „ein starker, robuster, geeinter und effektiver Partner bleiben“, sagte der Präsident zum Schottland-Referendum. Im Umkehrschluss: Sollte Schottland die britische Union verlassen, hätten all diese Attribute nicht mehr uneingeschränkt Gültigkeit. Wie wenig verlässlich die Militärmacht Großbritannien für die USA geworden ist, hatte das britische Parlament im vergangenen Jahr bereits mit der Verweigerung zu Einsätzen in Syrien unter Beweis gestellt.

Müssten die Atom-U-Boote aus Faslane abgezogen werden, dann böten sich nach einer neuen Untersuchung des Militärforschungsinstituts Rusi die Orte Milford Haven in Wales und, als geeignetste Lösung, Plymouth an der Kanalküste an. Beide Häfen aber müssten massiv ausgebaut werden. Ein sicherer Standortwechsel bis 2020, wie von der SNP gewünscht, ist laut dem Report höchst unwahrscheinlich. Das britische Verteidigungsministerium kommentiert die Sache nicht. „Wir planen nicht für den Fall der schottischen Unabhängigkeit“, heißt es kategorisch.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+