Umweltschutz Neue Ökobewegung in Deutschland

In Deutschland erwächst in den letzten Jahren eine neue Ökobewegung. Umweltschutzvereine zählen viele neue Mitglieder und die Hoffnung ist groß etwas bewegen zu können.
19.01.2019, 20:56
Lesedauer: 9 Min
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Von Christina Peters

Die Demonstranten rennen über die Autobahn, vorbei an Hundertschaften und Wasserwerfern der Polizei. Es geht einen steilen Hang hinunter. 2000 in Weiß gekleidete Menschen setzen sich dann, lärmend wie ein Schwarm Möwen, auf die Gleise des Stromkonzerns RWE, die den Braunkohle-Tagebau Hambach mit Kraftwerken verbinden. Die Kohle-Gegner verbringen dort eine kalte Oktobernacht 2018. Lara Eckstein ist eine von ihnen.

„Dieses Gefühl, wenn wir da sind, können die Kohlezüge nicht mehr fahren, dann können die Bagger nicht mehr baggern“, sagt die 28-Jährige aus Berlin, um zu erklären, warum sie Urlaub nimmt für den Protest. „Ende Gelände“ nennen sich die Aktivisten, „Kohleausstieg jetzt“ lautet ihre Forderung. „Das Gefühl, weil wir da sind, steigt weniger CO₂ an diesem Wochenende in die Luft.“

Déjà-vu in Deutschland

Im vergangenen Herbst sind im Rheinland wiederholt Bilder von Aktionen entstanden, die aus einer wilderen Zeit zu stammen scheinen: aus Jahrzehnten wütender Kämpfe um ein Atommüll-Lager im Wendland, im niedersächsischen Gorleben, und um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in Bayern. Es wirkt wie ein Déjà-vu der Umweltbewegung, die in den Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts das Image Deutschlands als Öko-Vorreiter mit prägte. Die Namen Wackersdorf und Wyhl in Baden-Württemberg, wo ein Atomkraftwerk geplant war, stehen für Orte, wo Landesregierungen Bauprojekte nach langen Kämpfen zwischen Polizei und Demonstranten aufgaben, weil sie politisch verbrannt waren.

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Heute nun der Streit um die Rodung im Hambacher Forst und um die Kohle: Bis in die „New York Times“ schaffte es im Herbst die Räumung der Baumhäuser der Besetzer, die seit Jahren dort ausharrten. Zehntausende demonstrieren in den folgenden Wochen und Monaten für Kohleausstieg und Klimaschutz etwa in München, in Köln und Berlin. Parteipolitisch erlebten die Grünen 2018 in Umfragen einen Höhenflug.

„Ich glaube, da gärt gerade etwas“, sagt Frank Uekötter. Der Westfale, der im britischen Birmingham lehrt, ist 48 und Umwelthistoriker. „Es gibt ein Rumoren in der Gesellschaft, da fühlt man sich ein bisschen an die späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahre erinnert.“

Damals zogen Zehntausende durch die Straßen mit Transparenten wie „Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“, weil Schwefeldioxid aus Abgasen zu saurem Regen wurde und Bäume schädigte. Die Sorgen erzeugten einen Druck in der Gesellschaft, der die Grünen 1983 in den Bundestag einziehen ließ. Die schwarz-gelbe Regierung verschärfte die Vorschriften zum Entschwefeln bei Kraftwerken. 1984 folgte ein Gesetz für Auto-Katalysatoren.

Und jetzt? Wenn man in einem Jahrzehnt zurückblicke, werde man vielleicht sehen, dass etwas begonnen habe, sagt der Historiker. „Ich glaube, da passiert gerade etwas.“

Die Ungehorsamen

Am Tag vor der Gleisbesetzung lehnt Lara Eckstein – braune Augen, rote Mütze, pragmatische Art – hinter einem Polizeigitter am Bahnhof Düren, wenige Kilometer vom Tagebau und dem Hambacher Forst entfernt. „Ich fände es ja auch schöner, wenn wir uns einfach zum Spaziergang treffen könnten“, sagt die 28-Jährige.

Seit Stunden warten Hunderte eingezäunt auf dem Asphalt zwischen Parkplatz und Dönerbude. Die Polizei will die Personalien der Gruppe prüfen, die mit einem eigens gemieteten Zug angereist ist. Straftaten seien angekündigt. Zivilen Ungehorsam nennen es die Aktivisten, den Ansatz, aus moralischen Beweggründen auch Gesetze zu verletzen.

Folge man immer nur den Anweisungen der Polizei, hätte man Bürgerrechte und Gleichberechtigung auch nicht erkämpft, argumentiert Eckstein. Jetzt geht es um Deutschland als Braunkohleförderer und um die Zerstörung des Klimas. „Wir haben hier einfach eine Verantwortung, etwas dagegen zu tun“, sagt Lara Eckstein.

Rund 6000 Menschen zählen die Organisatoren

Ebenfalls angereist sind ein 52-Jähriger, der sich an die Proteste im Wendland erinnert, ein Autonomer, der in einem Bauwagen lebt, und eine junge Versicherungsverkäuferin, die einen erfundenen Namen nennt. „Ich komm’ vom Dorf“, lacht sie. „Wenn die wüssten, dass ich hier bin...“ Rund 6000 Menschen zählen die Organisatoren insgesamt an diesem Wochenende.

Lara Eckstein wurde in Bangladesch zur Aktivistin. Dort traf sie während eines Praktikums Dorfbewohner, denen der ansteigende Meeresspiegel die Felder versalzt. „Wenn du uns helfen willst, sorg’ in Deutschland dafür, dass der Klimawandel aufhört“, hörte sie dort.

Dann sah sie die Tagebaue, kaum eine Autostunde von ihrem Geburtsort entfernt. Notierte, dass das ‒ unter anderem wegen Beschädigungen umstrittene ‒ Bündnis aus Kapitalismuskritikern und Klimaschützern Proteste organisierte. Irgendwann machte Eckstein mit. Neben ihrem Bürojob beteiligt sie sich an der Berliner Ortsgruppe von „Ende Gelände“, beantwortet an diesem Wochenende geduldig Reporterfragen.

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Ist Lara Eckstein Teil einer Umweltbewegung? „Ich verstehe mich als Gerechtigkeitsaktivistin, aber deshalb eben auch als Klimaaktivistin“, sagt sie. „Die Bäume sind mir wichtig, die Fledermäuse auch. Aber mir geht es vor allem um die Menschen.“

Die Kläger

Fragt man Jürgen Resch, ob er Teil einer Umweltbewegung ist, sagt er: „Ja, natürlich.“ Er sagt es so, als fände er die Frage absurd. Der 58-Jährige mit den weißen Haaren und der kantigen schwarzen Brille ist gerade zur Tür seines Büros in einem Altbau am Hackeschen Markt hereingeeilt, den Rollkoffer in der Hand. In weniger als einer Stunde muss er zum Flieger nach Stuttgart, am Tag darauf nach Mainz.

Wie in Reschs Kalender taucht auch in den Medien-Schlagzeilen eine Stadt nach der nächsten auf: Orte, an denen Fahrverbote für Dieselautos drohen oder angekündigt werden, weil die Deutsche Umwelthilfe ‒ kurz DUH ‒ vor Gericht gezogen ist. Resch ist seit rund 30 Jahren Geschäftsführer des Vereins mit rund 350 stimmberechtigten Mitgliedern, der Kommunen verklagt, weil dort mehr Schadstoffe in der Luft gemessen werden, als erlaubt sind.

Seit im Raum steht, dass Hunderttausende Autobesitzer bald ganze Stadtteile und sogar Autobahnteile nicht mehr befahren können, wird die DUH scharf angegriffen. Das Geschäftsmodell und die Spender werden infrage gestellt. Aber in vielen Jahren Luftreinheitsklagen ‒ zu Feinstaub, zu Stickoxiden ‒urteilten Gerichte bis zur höchsten Instanz: Der Verein hat angesichts der Gesetze und Obergrenzen Recht.

So wie Resch die Rolle seines Vereins beschreibt, klingt es nach Notwehr. „Wenn der Staat sich nicht mehr an seine eigenen Gesetze hält, dann gerät etwas ins Wanken.“ Von seinem Konferenztisch blickt er auf den Berliner Fernsehturm. Manchmal dreht er beim Reden am Ehering. „In einer lebendigen Demokratie müssen klageberechtigte Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe dazu in der Lage sein, rechtswidriges Verhalten des Staates vor Gericht zu bringen.“

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Die Besetzer und die Kläger: Umweltgeschichtler Uekötter sieht in ihnen zwei Seiten einer Medaille. Das lange umstrittene Recht, als Verband vor Gericht zu ziehen, ist eigentlich der Inbegriff dafür, wie erfolgreich die Umweltbewegung war. Und jetzt markiert es für manche auch ein Ende der Fahnenstange.

„Das wäre nicht unser Modell, in jeder Stadt zu klagen“, sagt zum Beispiel Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschlands. Der Nabu ist in mancher Hinsicht ein Gegenentwurf zur DUH: 1899 als Bund für Vogelschutz gegründet, über 600 000 Mitglieder, lange unpolitisch verglichen mit dem 1975 gegründeten BUND. Und erst recht mit anderen, für teils krasse Aktionen bekannten internationalen Organisationen wie Greenpeace. Aber auch Tschimpke mahnt: „Wenn man Gesetze oder Grenzwerte einführt, dann muss man die auch einhalten oder sich zumindest sichtbar darum bemühen. Und niemand kann ihnen verbieten, das einzufordern.“

35 sogenannte Verbandsklagen pro Jahr reichten deutsche Umwelt- und Naturschutzverbände im Schnitt von 2013 bis 2016 ein, für den Schutz von Sumpfpflanzen beim Straßenbau etwa und gegen die Auswirkungen von Kraftwerken oder Nutztieranlagen. Rund jedes zweite Verfahren endete ganz oder teilweise erfolgreich, wie eine Auswertung zeigt.„Die Dosis macht das Gift“, sagt Uekötter. Rechtlich sei eine große Klagewelle wie beim Diesel auch im Naturschutz möglich. Aber die meisten Verbände gingen diesen Weg nicht: „Eine Umweltbewegung, die nur noch auf rechtliche Bedingungen und Experten starrt und nicht mehr die Gesellschaft überzeugen will, die ist nicht zukunftsfähig.“

Die Gesellschaft

Geht man auf die Suche nach dem, was die Gesellschaft denkt, kann man auch beim Umweltbundesamt nachhören. Alle zwei Jahre stellen Forscher im Auftrag der Behörde die offene Frage, was die zwei wichtigsten Probleme Deutschlands sind. 2016 antwortete jeder Fünfte mit Umwelt- oder Klimaschutz, nur Zuwanderung und Sicherheit wurden öfter genannt. 2012, nach dem Atom-Desaster von Fukushima, war es jeder Dritte, der sich Sorgen machte. Die Zahlen für 2018 stehen noch aus.

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„Eigentlich sind es immer Katastrophen und Skandale, die da wirken“, sagt Nabu-Chef Tschimpke. „Es gibt Wellen und zwischendrin wieder Jahre, wo es wieder abebbt. Aber das Thema ist so relevant, dass es nie komplett verschwindet.“

2015 erreichte der Dieselskandal die Schlagzeilen, 2016 wurde der Streit um das Unkrautmittel Glyphosat lauter. 2018 brachte der Dürresommer einen Vorgeschmack, was Klimawandel bedeuten könnte. Dennoch: Aus ­Nabu-Sicht gab es 2018 bei den „Riesenproblemen“ keinen Fortschritt ‒ trotz Klagen. Für die Bewegung hat das Vorteile: „Wir haben eine besondere Aufmerksamkeit dieses Jahr, weil die Politik diese Themen nicht angeht und die Ziele verfehlt. Die Menschen spüren, dass es so nicht weiter funktionieren kann“, sagt der 63-jährige Tschimpke.

Mitgliederzahlen stark angewachsen

Die Mitgliederzahlen der beiden größten Umweltvereine, Nabu und BUND, wuchsen zuletzt um mehrere Zehntausend pro Jahr ‒auf über eine Million kamen sie zusammen im Jahr 2017, dazu eine Viertelmillion Förderer und Spender. 2000 Ortsgruppen zählt jeder der beiden.

Die Umweltbewegung lasse sich jedoch heute nicht nur an Mitgliedern festmachen, sagt Historiker Uekötter. Wenn sie einen Aufschwung erlebe, dann nicht nur in Form von Protesten. Aktivisten organisieren auch Kleidertausch-Aktionen und Reparaturwerkstätten. Einander helfen und selber machen statt zu konsumieren, lautet das Motto. Ob Klima, Insektensterben oder Plastikmüll: Meist geht es nicht nur um Grenzwerte, sondern um Grundsätzliches in Wirtschaft und Leben.

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Uekötter glaubt, Umwelt als eine soziale Bewegung sei längst auch ein Lebensgefühl, eine Art sich zu ernähren und mit anderen Menschen umzugehen – verständnisvoller, sanfter, solidarischer. „Eine neue Umweltbewegung wird vielleicht gar nicht so sehr als Umweltbewegung erkennbar sein, sondern eher eine Art Bewegung für ein besseres Leben, wo ökologische Qualität Teil ist von einem viel größeren Programm“, sagt Uekötter.

Info

Zur Sache

Wichtige Eckdaten deutscher Umweltschutzbewegungen

1899: Der heute mitgliederstärkste deutsche Umweltverband, der Naturschutzbund Deutsch­land (Nabu), wird von der Fabrikantengattin Lina Hähnle als Bund für Vogelschutz gegründet.

1962: In den USA erscheint das Buch „Der stum­me Frühling“ („Silent Spring“) von Rachel Carson, das die Gefahren von Pestiziden für die Um­welt beschreibt. Das Buch löst eine Debatte über Umweltgifte auch in Deutschland aus.

1970: Am 22. April gehen in den USA beim ökologischen Aktionstag Earth Day Millionen Menschen auf die Straße. In Deutschland legt Hans-Dietrich Genscher (FDP), als Innenminister für Umweltfragen verantwortlich, 1970 ein „Sofortprogramm zum Umweltschutz“ vor.

1975: Im badischen Wyhl beginnen Bauarbeiten für ein Atomkraftwerk, woraufhin empörte Gegner den Bauplatz besetzen. Zusammenstöße zwischen der Polizei und Bürgern eskalieren in den Jahren darauf auch an anderen Baustellen großer Energieprojekte, etwa 1976 bei der „Schlacht um Brokdorf“ und 1977 bei der „Schlacht um Grohnde“.

1975: Der heute zweitgrößte Mitgliederverband, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), wird gegründet.

1977: Der Widerstand gegen das „Nukleare Entsorgungszentrum“ in Gorleben beginnt. Das Wendland wird für Jahrzehnte zum Mittelpunkt des Anti-Atom-Protests.

1983: Bei der Bundestagswahl im März ziehen die Grünen, die seit den späten Siebzigern als Kommunal-Listen antraten und 1980 als förmliche Partei gegründet wurden, mit 5,6 Prozent der Stimmen erstmals in den deutschen Bundestag ein.

1986: Die Atomkatastrophe von Tschernobyl löst im April europaweit Angst aus. Im Juni wird ein Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet.

1995: Der erste Castor-Transport rollt ins Gorlebener Zwischenlager, die Anti-Atom-Proteste im Wendland flammen wieder auf.

Am 30. April besetzen Greenpeace-Aktivisten die Bohrinsel Brent Spar, die der Öl-Konzern Shell im Nordatlantik versenken will. Nach Medienspektakel und Boykott-Kampagne kapituliert Shell im Juni und lässt die Plattform an Land entsorgen.

2011: Im japanischen Fukushima kommt es zur Reaktor-Katastrophe. Am 30. Juni 2011 beschließt der Bundestag den Atomausstieg bis 2022 ‒ nachdem die Bundesregierung 2010 die Laufzeiten der Atomkraftwerke noch verlängert hatte.

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