Niedersachsens Bildungssystem

„Hausaufgaben wurden nicht gemacht“

Der FDP-Fraktionsvize und Bildungsexperte Björn Försterling spricht im Interview über Pandemie-Schutz in Schulen und schwarz-rote Versäumnisse.
05.08.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Hausaufgaben wurden nicht gemacht“
Von Peter Mlodoch
„Hausaufgaben wurden nicht gemacht“

Björn Försterling ist seit 2008 Mitglied des niedersächsischen Landtags. Der Bildungsexperte kritisiert die mangelnde Unterstützung der Eltern beim Homeschooling.

Christophe Gateau/dpa

Herr Försterling, Sie haben kurzfristig und plötzlich noch Ihren Hut für die Landratswahl in Ihrem Heimatkreis Wolfenbüttel in den Ring geworfen. Ist es Ihnen im Niedersächsischen Landtag zu langweilig geworden?


Björn Försterling: Nein, keineswegs. Aber mich haben viele Bürger gefragt, wen sie eigentlich als Landrat wählen sollen. Der Wahlkampf schleppte sich so hin; und ich wusste auch nicht, wen ich von den anderen Kandidaten empfehlen sollte. Dann haben wir als FDP eben entschieden, dass wir selbst den Wählern eine Alternative anbieten.

Sie treten am 12. September gegen die SPD-Amtsinhaberin Christiana Steinbrügge sowie die Kandidaten von CDU und Grünen und eine Einzelbewerberin an. Rechnen Sie sich als FDP-Mann überhaupt Chancen aus?


Es ist alles offen. Viele sind bisher unentschieden. Wir wollen mit unserem Wahlprogramm über den Tellerrand hinausschauen, nicht nur so klassische Fragen wie die Sanierung von Schultoiletten oder die Verbesserung des ÖPNV diskutieren. Das will ja jeder, da sind die Unterschiede nicht so groß. Mir geht es gemeinsam mit den Bürgern um die Frage, wie der Landkreis Wolfenbüttel 2030, 2035 aussehen kann. Wie schaffen wir es beispielsweise, künftig Hochwasserereignisse an der Oker oder Innerste zu meistern und zu nutzen. Also einmal die Menschen zu schützen, aber dann auch in den darauf folgenden trockenen Sommern genügend Wasserreserven für unsere Landwirte zu haben.

Auch das absaufende Atommüll-Endlager Asse liegt in ihrem Landkreis. Welche ­Lösung haben Sie dafür?


Ich bin seit 2006 kommunalpolitisch und dann ab 2008 auch landespolitisch mit der Asse befasst. Wir brauchen die Rückholung der Abfälle; aber wir müssen bei diesem Prozess die Bürger mitnehmen. Das ist bei Fragen des Zwischenlagers bisher nicht gelungen. Klar ist: Der zurückgeholte Müll muss irgendwo hin. Und er kann nicht wild durch die Republik transportiert werden. Aber die Menschen vor Ort wollen natürlich, nachdem sie 40 Jahre mit dem Müll unter Tage gelebt haben, nicht die nächsten 40 Jahre mit dem Müll über Tage leben. Da muss man die kritischen Stimmen gegen ein Zwischenlager am Standort Asse ernst nehmen. Das aber passiert seitens der Bundesgesellschaft für Endlagerung gerade nicht.

Noch ist Ihr Job Abgeordneter. Als Bildungsexperte Ihrer Fraktion kritisieren Sie seit Beginn der Pandemie den mangelhaften Schutz der Schulen vor Infektionsgefahren. Macht die SPD/CDU-Landesregierung wenigstens jetzt in diesen Sommerferien ihre Hausaufgaben?


Mein Eindruck ist, dass die Hausaufgaben nicht gemacht wurden. Das werden Ihre Leserinnen und Leser, die ihre Kinder nach den Ferien wieder in die Schule schicken, leider hautnah zu spüren bekommen. Wir starten in das nächste Schuljahr genauso wie in das vergangene Schuljahr – nämlich völlig unvorbereitet.

Was sind die größten Baustellen?


Es gibt immer noch keine flächendeckenden Lüftungsanlagen und Luftreiniger. Das haben wir schon kurz nach Beginn der Pandemie vor 15 Monaten eingefordert. Bei der Digitalisierung hinken wir weit hinterher. Ganze Unterrichtsinhalte sind immer noch nicht digitalisiert. Viele Schüler können individuell nicht mit digitaler Unterstützung lernen, wenn sie zuhause bleiben müssen. Auch Eltern bekommen keine digitale Unterstützung fürs Homeschooling. Hier passiert nichts. Statt Eltern, Schülern und Lehrern alle zwei Wochen Briefe zu schreiben, hätte der Kultusminister sich hier mal Gedanken machen sollen.

Ressortchef Grant-Hendrik Tonne und auch Ministerpräsident Stephan Weil haben immerhin zu Beginn des neuen Schuljahres tägliche Tests für die Schüler angekündigt, um Infektionen nach Urlaubsreisen frühzeitig zu erkennen. Das müssten Sie doch begrüßen.


Das Testen ist auf jeden Fall ein vernünftiger Weg. Die FDP hat immer gefordert, dass wir mehr testen müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Am Ende müssen aber ein Kultusminister und auch ein Ministerpräsident dafür sorgen, das Beschulung stattfindet. Das wird nicht mit zwei Wochen Tests funktionieren.

Warum nicht?


Vor einem Jahr waren nicht die Reiserückkehrer das große Problem, sondern das schlechter werdende Wetter nach den Herbstferien. Auch jetzt besteht die große Gefahr, dass die Delta-Variante nach den Herbstferien bei den unter 18-Jährigen voll durchschlägt und die Politik wieder keine andere Antwort hat, als die Schulen erneut zu schließen.

War das niedersächsische Vorpreschen bei den Impfungen für 12- bis 17-Jährige richtig?


Am Ende müssen das die Jugendlichen mit ihren Eltern und ihren Ärzten besprechen und eine individuelle Entscheidung treffen. Das kann der Staat zum jetzigen Zeitpunkt auf keinen Fall zwanghaft vorschreiben. Das ist originäres Elternrecht. Ich persönlich würde, wenn ich ein Kind zwischen 12 und 17 Jahren hätte, es impfen lassen. Das halte ich für eine sinnvolle Maßnahme. Aber ich kann auch diejenigen verstehen, die ebenso wie die Ständige Impfkommission sagen, dass man erst mehr Daten brauche.

Wenn es mit dem Landratsposten in Wolfenbüttel nicht klappt, werden Sie dann im Herbst 2022 erneut für den Landtag kan­didieren?


Ja, diese Absicht habe ich. Ich habe ja schon am Anfang gesagt, dass mir die Arbeit im Landtag großen Spaß bereitet. Wir stehen bildungspolitisch vor großen Herausforderungen und haben als Freie Demokraten so gute Antworten, dass ich gerne bereit wäre, diese auch persönlich in den Landtagswahlkampf einzubringen.

Für eine FDP-Alleinregierung wird es nicht reichen. Wer wäre denn Ihr Wunschpartner?


Da müssen wir einfach mal abwarten, wie sich die Gemengelage entwickelt, wie sich die einzelnen Parteien aufstellen. Klar ist, dass es keine Zusammenarbeit mit der AfD und keine Zusammenarbeit mit einer Linksfraktion geben wird. Dann schauen wir, mit welchen demokratischen Parteien wir in einer Regierung das Beste für Niedersachsen erreichen können.

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