Vor dem Brexit-Referendum Niemand will neue Grenzen auf der grünen Insel

Wenn Großbritannien aus der EU austreten würde, was würde das für Nordirland bedeuten? Die Menschen, die jahrzehntelang unter Gewalt und Terror gelitten haben, sind froh, dass es keine Grenzen mehr gibt.
21.06.2016, 06:56
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Niemand will neue Grenzen auf der grünen Insel
Von Katrin Pribyl

Wenn Großbritannien aus der EU austreten würde, was würde das für Nordirland bedeuten? Die Menschen, die jahrzehntelang unter Gewalt und Terror gelitten haben, sind froh, dass es keine Grenzen mehr gibt.

Doch müssten nach einem Brexit nicht wieder Kontrollen zu Irland – der dann einzigen Landgrenze der EU zum Königreich – errichtet werden? Die Folgen eines Austritts wären in dem Landesteil wohl schmerzlicher als irgendwo sonst, doch bislang können es sich die Nordiren noch nicht so recht vorstellen, dass es wirklich so weit kommen könnte.

Die beiden Frauen spazieren gemächlich über die Brücke mit der alten, hübschen Steinmauer auf beiden Seiten. Die untergehende Sonne färbt den Fluss, der den See Upper Lough MacNean mit dem Lower Lough MacNean verbindet, tiefblau, und das Grün der Hügellandschaft blendet den Betrachter in seinen satten Farben. Wohin zu Fuß? Una O‘Reilly antwortet nicht, greift stattdessen in ihre Handtasche und zieht ein halbfertiges Mützchen hervor, an dem ein Faden wie eine Nabelschnur noch mit dem Wollknäuel verbunden ist. Jeden Dienstag um halb acht geht die Britin zum Häkeln nach Irland.

Von Belcoo, dem 486-Seelen-Dorf im Vereinigten Königreich, bis nach Blacklion, dem kleinen Dorf in der Republik Irland, sind es 152 Schritte. Kein Schild, keine offensichtliche Markierung zeigen an, dass man gerade einen souveränen Staat verlässt und einen anderen betritt. Doch das Bild an der fast 500 Kilometer langen Landgrenze des Königreichs mit einem EU-Staat könnte sich bald ändern.

Ein Brexit – für viele Bewohner Nordirlands klingt das wie ein Rückfall in „schlechte alte Zeiten“, als die Region einer Kriegszone glich. Während des Nordirland-Konflikts, den sogenannten „Troubles“, waren an der Grenze schwer bewaffnete Soldaten, Wachposten und Zollbeamte stationiert, die Menschen, Pässe und Autos kontrollierten. Lange Wartezeiten, viel Papierkram und gewaltsame Zusammenstöße gehörten zum Alltag. Der Terror zog sich durch die 70er-, 80er- und Anfang der 90er-Jahre: Die katholische, republikanische Seite, die eine Abtrennung von Großbritannien und eine Vereinigung mit der katholischen Republik Irland anstrebte, und die pro-britisch orientierten protestantischen Unionisten standen sich in bitterer Feindschaft gegenüber. „Zum Glück ist das alles vorbei“, sagt Harold Johnston.

Lesen Sie auch

Johnston führt einen Laden in Blacklion. Dieser präsentiert sich bis obenhin vollgestopft mit T-Shirts, Hemden, Hosen, Wolle und einigen Antiquitäten. Der Ire im Alter von „in den 70ern“ zeigt auf die Kreuzung, nur wenige Meter von der Brücke und seinem Geschäft entfernt. „Da standen mehr als 40 Wachen und mehrere Offiziere“, erinnert er sich. „Zwei Bomben explodierten hier, besonders schlimm war der Anschlag im Jahr 1974.“ Keiner habe sich richtig wohl dabei gefühlt, nachts auszugehen.

„Das haben wir doch hinter uns gelassen, niemand will zurück in diese Zeiten“, findet Dymphna Stewart. Sie wohnt im nordirischen Belcoo und betreibt das kleine Postamt im irischen Blacklion, dessen grünes „An Post“-Schild am Eingang des Dorfs darauf hinweist, dass man sich nun in der Republik befindet. Zahlreiche Briten kaufen hier ihre Briefmarken, wenn sie Grußkarten und Pakete in alle Welt verschicken wollen, weil es deutlich günstiger ist. Stewart bezeichnet einen möglichen EU-Austritt als „Albtraum“, sie will auf jeden Fall für den Verbleib stimmen. So viele Menschen lebten auf der einen Seite und arbeiteten auf der anderen. „Es würde mich verrückt machen, mehrere Male pro Tag angehalten zu werden.“

Nordirland-Ministerin Theresa Villiers besteht jedoch darauf, dass es keine neuen Grenzkontrollen oder -Befestigungen geben werde. Viele sind empört darüber, dass sich ausgerechnet die Konservative dem Brexit-Lager angeschlossen hat. Gerade Nordirland profitierte massiv von Fördermitteln der EU, viele Bauern auf beiden Seiten erhalten überlebenswichtige Subventionen – auch in der ländlichen Gegend um Belcoo und Blacklion, wo die Landwirtschaft zur wichtigsten Einnahmequelle zählt. Zudem wurde der Friedensprozess der vergangenen zwei Jahrzehnte mit Millionen Euro aus Brüssel begleitet.

Wenn nun das Thema Migration im Fokus der hitzig geführten Debatte um die EU-Mitgliedschaft steht, fragen sich die Menschen in der Region, wie das denn überhaupt zusammengehen soll: offene Grenzen zum EU-Mitgliedstaat Irland bei gleichzeitiger Forderung, den Einwanderungsstrom nach Großbritannien zu kontrollieren. „Grenzen wären eine absolute Katastrophe“, sagt Raymond Doherty, der die Bar im preisgekrönten Restaurant MacNean in Blacklion leitet. Zum Dinner reisen jeden Abend mehr als 80 Besucher an. „Die Wirtschaft ist schwach hier, ein Brexit würde der Tourismus-Industrie erheblichen Schaden zufügen“, sagt der 62-jährige Brite aus Belcoo. Dabei erhole sich diese doch gerade erst.

Auf der anderen Seite des Restaurants steht das Market House, wo dienstags nicht nur der Handarbeitskurs stattfindet, sondern auch die Touristeninformation untergebracht ist. Rund eine Million Euro erhielt das „soziale Zentrum“ in Blacklion aus Brüssel. Es werden Fotos von den nahen Marble-Arch-Höhlen, Häkelerzeugnisse der Frauengruppe und gälische Souvenirs verkauft. Das Seenland lockt jährlich tausende Angler, Radfahrer und Urlauber an.

Zwar ist mehr als die Hälfte der Nordiren laut Umfragen für den Verbleib, doch viele Menschen sind noch immer unentschlossen. Könnte ein Brexit neue Unruhen auslösen? Restaurantchef Raymond Doherty winkt ab: „Der Friedensprozess steht auf einer soliden Grundlage.“ Una O‘Reilly fragt dagegen scherzhaft, ob sie bald einen Pass mit sich führen muss, um zum Häkelkurs zu gehen. Ihre Freundinnen lachen auf und zucken dann die Schultern. „Könnt Ihr euch das vorstellen?“, schiebt Una O‘Reilly nach. Die Damen lachen nicht mehr. Dann widmen sie sich wieder dem Häkeln.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+