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Knallharte Interessen

Beim Streit um die Erdgas-Pipeline von Russland und Deutschland geht es um wirtschaftliche Interessen. Doch von dem fast fertigen Megaprojekt darf sich Deutschland nicht verabschieden, meint Hans-Ulrich Brandt.
20.12.2020, 05:00
Lesedauer: 1 Min
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Knallharte Interessen
Von Hans-Ulrich Brandt

Vom „bösartigen Verhalten des Kreml“ ist in Washington die Rede, von einem „geopolitischen Erpressungsprojekt“ Russlands und von einer „sterbenden Pipeline“. Moskau wiederum spricht von einem „rein wirtschaftlichen Projekt“ und von „amerikanischen Eigeninteressen“. Die Sprache klingt nach Kaltem Krieg. Und ähnlich unversöhnlich wie die sich einst argwöhnisch belauernden Blöcke West und Ost gebärden sich auch die Protagonisten dieses Streits. Dabei geht es nicht um Raketen, sondern nur um Erdgas. Am Projekt Nord Stream 2 aber arbeiten sich Washington, Moskau – und mittendrin Berlin – mächtig ab.

Es ist ein ungleicher Kampf, weil die USA bisher die Fertigstellung mit einer Sanktionskeule gegen beteiligte Unternehmen verhindert haben. Nun geht es nach einem Jahr Zwangsstopp zwar südlich von Bornholm weiter – gute 100 Kilometer fehlen nur noch. Doch ob eines Tages wirklich Erdgas durch die 1200 Kilometer langen Röhren von Russland nach Deutschland fließen wird, ist die große Frage.

Aber warum dieses Säbelrasseln? Warum drohen die USA so massiv ihrem Verbündeten Deutschland? Und warum wird sich das auch unter dem neuen Präsidenten nicht ändern? Die Antwort: Weil sowohl Donald Trump als auch Joe Biden zunehmend geostrategisch denken. Es geht um wirtschaftliche Führungsstärke, um knallharte Interessenpolitik. Und um die durchzusetzen, sind Sanktionen ein Instrument der Wahl. Trotz aller transatlantischen Beteuerungen muss Deutschland, muss die EU gegenhalten.

Dass sich Berlin selbst verschuldet zwischen alle Stühle gesetzt hat, macht diesen Konflikt nur noch komplizierter. Von Anfang an gab es auch aus Paris, Warschau und den baltischen Staaten heftige Kritik am energiepolitischen Alleingang Deutschlands. Der ist auf EU-Ebene zwar beigelegt worden, aber ein gewisses Unbehagen ist geblieben. Doch auch wenn Nord Stream 2 energiewirtschaftlich umstritten ist, ein zu 95 Prozent fertiggestelltes Megaprojekt darf nicht an einem No der USA scheitern. Auch Berlin, auch Brüssel vertreten legitime Interessen – ob sie den Amerikanern nun passen oder nicht.

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