Drama hält Europa in Atem

Norddeutsche Wirtschaft besorgt über ungeregelten Brexit

Nach der Ablehnung des Austrittsabkommens mit der EU ist die Frage der Modalitäten des Brexits weiter ungeklärt. Mit Unsicherheiten kann die Wirtschaft nur schwer umgehen - auch die in Norddeutschland.
16.01.2019, 13:05
Lesedauer: 2 Min
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Nach Ablehnung des Austrittsabkommens mit der EU durch das britsche Unterhaus wachsen in der norddeutschen Wirtschaft die Befürchtungen vor einem harten Brexit. Ein ungeregelter Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union zum 29. März würde vor allem die stark exportorientierten Hamburger Unternehmen mit ihren engen Verbindungen nach Großbritannien stark belasten, warnten Handelskammer und Industrieverband Hamburg (IVH) am Mittwoch. Die deutschen Seehäfen mahnten rasche Klarheit über die Modalitäten des Austritts an. "Die ganze Brexit-Geschichte ist ein Trauerspiel", sagte Zentralverbandshauptgeschäftsführer Daniel Hosseus der Deutschen Presse-Agentur.

Zwar habe sich die Hafenwirtschaft an Nord- und Ostsee auf alle Szenarien vorbereitet. "Doch natürlich liegt ein geordneter Übergang im Interesse aller, wenn es denn sein muss. Darauf sollten alle Anstrengungen abzielen", sagte Hosseus. "Ein harter Brexit ist die schlechteste Lösung", sagte der Präsident des Norddeutschen Unternehmensverbands Großhandel - Außenhandel - Dienstleistung (AGA), Hans Fabian Kruse. "Wir setzen weiter auf britische Vernunft und Pragmatismus."

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Bei einem ungeregelten Austritt werde das Vereinigte Königreich "zum Drittland und es fallen Zölle im grenzüberschreitenden Warenverkehr an", sagte die Hauptgeschäftsführerin der Handelskammer Hamburg, Christi Degen. Die Zollformalitäten würden Lieferketten unterbrechen und Just-in-Time-Lieferungen erschweren. "Die notwendigen Zollanmeldungen werden insbesondere kleine und mittlere Unternehmen vor große Herausforderungen stellen, die bislang überwiegend auf dem EU-Binnenmarkt tätig waren", sagte sie.

Exporte nach Großbritannien würden dadurch deutlich teurer, sagte der IVH-Vorstandsvorsitzende Matthias Boxberger. Auch er bedauerte die Entscheidung des britischen Parlaments vom Dienstagabend, das von Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelte Austrittsabkommen abzulehnen. "Es ist fatal, dass das Unterhaus die ausgestreckte Hand Europas ausgeschlagen hat."

Noch schwerwiegendere Folgen erwartet der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower: "Ein "No Deal" bedeutet nicht einfach nur Güterhandel mit Zöllen, sondern dürfte den Handel zwischen der EU und Großbritannien vorübergehend komplett zum Erliegen bringen."

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Für Hamburg ist Großbritannien der fünftwichtigste Handelspartner. 1000 Unternehmen gaben gegenüber der Handelskammer an, Geschäftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich zu unterhalten. 200 Firmen sind dort permanent vertreten. 70 britische Firmen haben Niederlassungen in Hamburg.

Die FDP erwarte vom Hamburger Senat nicht nur "eine klare Strategie für die Ansiedlung britischer Unternehmen in Hamburg, sondern auch die gezielte Vorbereitung der Verwaltung auf einen ungeregelten Brexit", sagte Fraktionschef Michael Kruse. "Sollte es zum Ernstfall kommen, müssen Senat und Verwaltung bestmöglich auf den Ansturm betroffener Unternehmen vorbereitet sein."

Die Landesregierung in Kiel will den Unternehmen in Schleswig-Holstein im Falle eines geregelten Brexit mindestens bis Ende 2020 - also bis zum Ende der im Austrittsabkommen vereinbarten Übergangsphase - Kontinuität ermöglichen. Einen entsprechenden Gesetzentwurf habe das Kabinett am Dienstag beschlossen, sagte Europaministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU). "In diesem Zeitraum soll deshalb das Vereinigte Königreich im Landesrecht weiterhin als Mitgliedstaat der Europäischen Union gelten." (dpa)

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