Nordirland und die alten Konflikte

Der Zorn der Vergangenheit

Seit Ostern eskaliert regelmäßig die Gewalt in Nordirland. Die Sorge um den fragilen Friedensprozess in der ehemaligen Bürgerkriegsregion steigt. Der Brexit ist nur einer der Gründe für die Ausschreitungen.
22.04.2021, 05:00
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Der Zorn der Vergangenheit
Von Katrin Pribyl
Der Zorn der Vergangenheit

Junge Menschen stehen neben einem Feuer in einer Straße in Belfast. In der britischen Provinz Nordirland kommt es seit Wochen zu nächtlichen Krawallen.

Liam Mcburney

Diese Geschichte beginnt mit Joel Keys, der für eine bessere Zukunft stehen könnte und das vermutlich auch tut in einer Gegend, die gefangen von den Schatten der Vergangenheit ist; der Gewalt ablehnt, aber immer wieder in sie hineingerät, allein weil er in einem von vielen Seiten vergessenen Viertel Belfasts lebt; der noch nicht einmal geboren war, als in Nordirland mit dem Karfreitagsabkommen offiziell Frieden geschaffen wurde vor 23 Jahren – und alle zunächst hofften, dass es nur noch besser werden könne nach all den Toten, den Bomben, dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg.

Am Abend des Karfreitags vor zwei Wochen treibt den Protestanten Keys die Neugier an. Der 19-Jährige ist mit dem Fahrrad unterwegs, hört Lärm und folgt den Sirenen der Polizeiwagen. Plötzlich steckt er mitten im Chaos. Ein paar Dutzend Jugendliche und junge Männer, höchstens 20 Jahre alt, werfen Ziegelsteine, Feuerwerkskörper und Benzinbomben auf Polizisten, wedeln mit Fackeln, heben Gullydeckel aus dem Boden und schleudern sie in Richtung der Beamten. Wie bei einem sonntäglichen Fußballspiel stehen Hunderte Erwachsene an der Seitenlinie und feuern die Teenager in ihrer Rage an.

„Die meisten ­Jugendlichen sind gelangweilt und leicht manipulierbare Opfer für ­Paramilitärs“, sagt Joel Keys, Augenzeuge der Krawalle.

„Die meisten ­Jugendlichen sind gelangweilt und leicht manipulierbare Opfer für ­Paramilitärs“, sagt Joel Keys, Augenzeuge der Krawalle.

Foto: KATRIN PRIBYl

Joel Keys erkennt einen der Randalierer, ruft dessen Mutter an, will den 13-Jährigen aus den Tumulten herausholen. Dann werden beide verhaftet – und mit ihnen sechs weitere. Stunden später soll Keys ohne Anklageerhebung entlassen werden. Als der Nordire mit seinem Bekannten vor der Wache steht, fragt er ihn noch, welchen Grund dieser der Polizei für die Krawalle genannt habe. „Die Grenze in der Irischen See“, lautet die simple Antwort des 13-jährigen Teenagers aus der Unionisten-Gemeinde. So sei ihm das im Vorfeld aufgetragen worden.

Joel Keys runzelt die Stirn, als er sich an das Gespräch erinnert. „Als ob diese Kids die Details des Nordirland-Protokolls kennen.“ Es geht um die im Austrittsabkommen zwischen Brüssel und London vereinbarte Regelung, die sichtbare Grenzkontrollen zwischen der Republik Irland und der zum Königreich gehörenden Provinz im Norden verhindern sollte – und deshalb de facto eine Grenze zwischen Nordirland und dem britischen Mutterland in der Irischen See festlegte, inklusive Kontrollen beim Warentransport.

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Seit an Heiligabend von einem triumphierenden Premierminister Boris Johnson die Einigung mit der EU verkündet wurde, wächst oben im Norden die Nervosität unter den protestantischen Unionisten, die möglichst eng mit London verflochten bleiben möchten. Es herrschen Angst vor dem Verlust der britischen Identität, Sorge über ein Erstarken der katholischen Nationalisten, Ärger über das angebliche Zweiklassensystem der Polizei, die republikanische Politiker nach einer Beerdigung eines ehemaligen IRA-Terroristen nicht wegen Verstößen gegen Corona-Regeln belangte. Aber vor allem sei es Wut auf die eigenen Politiker, die viel verurteilen, aber wenig gestalten – „die Leute sind frustriert“, sagt Keys. Es entstehe der Eindruck, dass die andere Seite, der Feind aus dem katholischen Lager, gewonnen habe. „Wir wurden von ­Boris Johnson unter den Bus geworfen.“

Handelt es sich hier um die alten Wunden, die wieder aufreißen? Davor hatten Experten seit dem EU-Referendum 2016 gewarnt. Der Brexit, da ist man sich in dem Landesteil einig, stellt nur ein Glied in einer langen Kette von Problemen dar, die seit Ostern allabendlich zu Ausschreitungen eskalieren. „Die meisten Jugendlichen sind gelangweilt und deshalb leicht manipulierbare Opfer für die Paramilitärs und andere kriminelle Organisationen, für die sie die Drecksarbeit machen“, sagt Keys, der plant, ab Herbst in London Politik zu studieren. Mit Drecksarbeit meint er: Chaos verbreiten, Misstrauen gegenüber Polizei und Regierung streuen.

Das Tor am Lanark Way, das die Shankill Road des Protestantenviertels von der Springfield Road im katholischen Teil trennt, bleibt derzeit meist geschlossen. Die Situation ist insbesondere in der Unionisten-Gemeinde angespannt entlang der meterhohen sogenannten „Friedensmauern“. Ein paar Brecheisen und Pflastersteine liegen auf den verlassenen Gehsteigen als Überbleibsel der Gewaltnächte. Sie dienen auch als Warnung. In großen Lettern steht auf der Shankill-Seite des Tors geschrieben: „Die, die heute ein Risiko eingehen, sind die Geschichtsschreiber von morgen.“ Müll fliegt durch die Trostlosigkeit dieser Gegend. Nur wenige Meter von hier zündeten kürzlich Vermummte einen roten Doppeldeckerbus an. Manche sprechen in Belfast bereits von den „beängstigendsten Zeiten“ seit dem Karfreitagsabkommen 1998. Stellt dies ein Wendepunkt in Nordirland dar?

"Die größte ­Herausforderung steckt in der Perspektivlosigkeit vieler junger ­Menschen“, meint Connor Patterson, der Chef Handelskammer Newry.

"Die größte ­Herausforderung steckt in der
Perspektivlosigkeit vieler junger ­Menschen“, meint Connor Patterson, der Chef Handelskammer Newry.

Foto: KATRIN PRIBYl

Conor Patterson schüttelt den Kopf. Nicht, dass er etwas verharmlosen wolle: „Aber die Dinge waren so sch... damals.“ Der 57-Jährige ist Gründer eines Businessparks und Chef der Handelskammer in Newry in der Grafschaft Armagh. Kein Landstrich hat unter dem Bürgerkrieg so gelitten wie dieser. Auf drei Zivilisten kam ein Soldat. Anschläge gehörten zwischen 1969 und 1996 zum Alltag. Hier lagen die „killing fields“ während der „Troubles“, wie die Briten den Konflikt bemerkenswert beschönigend bezeichnen. Als wäre ein Guerillakrieg, der in 30 Jahren mehr als 3500 Menschen das Leben gekostet hat, lediglich „Ärger“.

Nun sitzt Patterson in einem Konferenzraum eines Zweckbaus, erzählt von heute, von Hoffnung, dem wirtschaftlichen Aufschwung, Hunderten neuen Arbeitsplätzen, echtem Fortschritt. Und er zeigt Filme von Newry, als er hier aufwuchs – und wie es selbst noch aussah, als er 1995 nach Studium und Promotion in Irland und London in die Heimat zurückkehrte. Die protestantischen Loyalisten, die im Zeichen der Krone Nordirland als Teil des Königreichs verteidigten, standen den katholisch-irischen Republikanern entgegen, die ein wiedervereinigtes ­Irland anstrebten. Die Paramilitärs der IRA (Irisch-Republikanischen Armee) und der Loyalisten wie der Ulster Volunteer Force (UVF) oder der Ulster Defence Association (UDA) töteten wahllos, kopflos.

Überall in den Grenzregionen und in Belfast Wachtürme, Kasernen und Zäune. Bomben, Straßensperren, Barrikaden. Hinrichtungen und Schikane. Autos stauten sich auf beiden Seiten an den schwer gesicherten Kontrollposten. In Bessbrook am Rande der Grenzstadt Newry lag einer der bedeutendsten Militärstützpunkte der britischen Armee. Die Anlage durchschnitt wie ein stählernes Riesenbeil die saftig grünen Wiesen. „Dieser Ort war der am stärksten militarisierte Teil Westeuropas.“

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Mit dieser Botschaft zog Patterson in den vergangenen Jahren durch Europas Hauptstädte. Präsentierte die Filme, redete mit Premierministerin Theresa May und als diese vom Hof gejagt wurde, sprach Patterson mit Boris Johnson, der ihm in jovialer Art versicherte, es gebe kein Problem. Aber natürlich gab es eines, seit Großbritannien beschlossen hatte, den Weg eines harten Brexit zu gehen und damit Zollunion sowie den Gemeinsamen Binnenmarkt zu verlassen. Die Entscheidung machte eine Grenze unvermeidlich. Die Frage lautete nur, wo sie am Ende entlanglaufen würde. Johnson wählte die Irische See.

Patterson kramt eine Broschüre hervor, die er gerne an Handelspartner auf dem Kontinent verteilt. In ihr bewirbt er den jetzigen Sonderstatus sogar, etwa dass man bei einer Investition in Nordirland freien Zugang zum britischen Markt erhält. „Es ist nicht alles schlecht.“ Und der Brexit nur eine Herausforderung von vielen. Die größte steckt seiner Meinung nach in der Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen, die „kein Licht am Ende des Tunnels sehen“. Insbesondere Vertreter von lokalen Gemeinden auf Unionistenseite wären gefragt, die Kinder in Programme einzubinden und einen Ausweg, „ein Licht“, aus dieser toxischen Situation aufzuzeigen.

So sieht es auch Dianne Little. Sie nennt es „Missbrauch“, was derzeit in Belfast und anderen Gegenden passiert. „Die Paramilitärs nutzen diese verletzlichen Kinder aus.“ Die 54-jährige Protestantin lebt im nordirischen Grenzland nahe Enniskillen. Mehr Grüne Insel als hier geht nicht. Schafe und Kühe grasen, die Gegend prahlt auf einer Tafel mit „außergewöhnlicher Schönheit“. Diese trügt beinahe über die tief verwurzelten Schwierigkeiten hinweg. Die Gemeinden sind gespalten, auch 23 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen. Dieses habe fast zu so etwas wie „einem negativen Frieden“ geführt, sagt die selbstständige Projektmanagerin. Ohne die Schlagzeilen über die Bedrohungen und Gewalt, die bis heute andauerten, wolle die Welt glauben, dass alles gut sei in Nordirland. Doch die Lage bleibt fragil, kleinste Zwischenfälle reichen aus, um zu einer Eskalation zu führen. „Nordirland ist wie ein Streichholz.“

Little versucht, Begegnungen der beiden völlig separierten Gemeinden zu fördern. Im vergangenen Jahr etwa brachte sie Bauern und Bürger aus beiden Lagern zur Kartoffelernte auf dem Feld zusammen. „Wir hatten so viel Spaß.“ Es sind Mini-Schritte nach vorne, die jedoch in Wahlkampfzeiten regelmäßig zunichte gemacht werden. Dann rufen Politiker ihren Anhängern gerne die blutige Vergangenheit ins Gedächtnis, instrumentalisiert und befeuert sowohl von der protestantischen Unionistenpartei DUP als auch von der irisch-republikanischen Partei Sinn Féin.

Beide stehen am jeweils äußersten Rand des Spektrums. Und werden oft nur deshalb von den Bürgern gewählt, weil die Menschen die jeweils andere Seite von der Macht fernhalten möchten. Ein Teufelskreis. „Wollen diese Parteien wirklich Frieden? Wie würden sie dann wiedergewählt werden?“ Dianne Little stöhnt auf. „Jeder ist äußerst anfällig für die Rhetorik der jeweiligen Führung, sie hat eine massive Verantwortung.“ Innerhalb der politischen Elite arbeite man gerade so zusammen, aber auf der lokalen und regionalen Ebene sehe es dagegen düster aus. Da sei gemeindeübergreifend kaum etwas passiert, um zu versöhnen, Begegnungen und Respekt zu schaffen.

Stattdessen besuchen bis heute 95 Prozent der Kinder Schulen, die nach Konfessionen getrennt sind. Hinzu kommen segregierter Wohnungsbau und Sport. „Solange Kinder isoliert und getrennt auf ihrer Seite aufwachsen, werden wir keinen Frieden erleben.“ Das alles habe zu einem Vakuum geführt. Viele rufen bereits nach einem internationalen Eingreifen, auch Little. „Wir brauchen Hilfe von außen, um die Segregation zu beenden.“ Irlands Vizepremier Leo Varadkar bügelt die Frage danach beinahe ab. „Wir sollten das 23 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen nicht benötigen.“ Vielmehr sei jetzt eine „sehr enge Zusammenarbeit“ zwischen den beiden Regierungen in London und Dublin erforderlich.

Man kann nicht behaupten, dass solche Aussagen besonders ermutigend wirken. Für Dianne Little spiegeln sie auch nicht die Realität vor Ort wieder, wo traumatisierte Menschen ihre Nachbarn auf der anderen Seite nicht kennen, obwohl sie ähnliche Sorgen teilen. Während die Politiker von Sinn Féin mit einem Referendum über die Wiedervereinigung mit der Republik Irland in den nächsten fünf bis zehn Jahren flirten, wächst die Angst in den protestantischen Gemeinden Nordirlands. „Die Menschen sind nicht bereit für einen so großen Schritt, nicht bevor Integrationsarbeit stattfindet“, sagt Little mit sorgenvoller Stimme und will sich kaum vorstellen, wie das ausgehen könnte. „Der Brexit ist gar nichts verglichen mit einem ­Referendum über die Wiedervereinigung ­Irlands.“

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