München NSU-Bombenopfer litten jahrelang unter Folgen des Anschlags

München. „Alles verlief wie in Zeitlupe und ohne Ton. Es war wie ein Stummfilm, ein schlechter Stummfilm.
21.01.2015, 00:00
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Von Wiebke Ramm

„Alles verlief wie in Zeitlupe und ohne Ton. Es war wie ein Stummfilm, ein schlechter Stummfilm.“ Sandro D. sitzt im Saal A101 des Oberlandesgerichts München im Zeugenstand und versucht, den wohl schrecklichsten Moment seines Lebens in Worte zu fassen – den Moment, als in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe explodierte. Drei, vielleicht vier Meter neben dem 34-Jährigen sitzt Beate Zschäpe auf der Anklagebank.

Mindestens 22 Menschen wurden beim Bombenanschlag des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) am 9. Juni 2004 verletzt, einige schwer. In den Jahren zuvor hatten die Rechtsterroristen fünf Menschen per Kopfschuss ermordet, fünf weitere Morde sollten noch folgen.

Um 15.56 Uhr ging die Bombe hoch. Der Sprengsatz, gespickt mit mehr als 700 Nägeln, lag in einem Hartschalenkoffer auf dem Gepäckträger eines Damenfahrrads und wurde ferngezündet. Sandro D. stand in diesem Moment mit seinem Freund Melih K. neben dem Fahrrad. Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt auf den Knopf drückten. Eine Überwachungskamera hatte sie mit dem Tatfahrrad gefilmt.

Die beiden Freunde waren in die Keupstraße gefahren, weil sie etwas essen wollten. Als sie zurück zu ihrem Auto gingen, kamen sie an der Bombe vorbei. Sandro D. riss die Explosion von den Beinen, er stürzte auf den Asphalt, erlitt schwere Verbrennungen, sein Trommelfell riss. Auch Melih K. wurde im Gesicht und am Arm verbrannt, sein Trommelfell wurde ebenfalls zerstört. Bis heute leiden beide Opfer unter den Folgen des Anschlags.

„Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um wieder zu mir zu kommen und meinen Alltag hinzukriegen“, erzählt Melih K. Über Jahre hat er unter Schlafstörungen und Albträumen gelitten, zog sich zurück. „Ja, die Psyche“, sagt Melih K. und seufzt. „Tagtäglich, wenn ich mich umziehe, sehe ich die Verletzungen an meinem Körper.“

Die Angeklagte Zschäpe wirkt bei dieser Aussage beeindruckter, ernster als an anderen Verhandlungstagen. Vielleicht ist sie aber auch nur müde. Wer weiß das schon.

Sandro D. und Melih K. berichten, dass die Polizei zunächst sie verdächtigt hatte, die Bombe selbst platziert zu haben. Die Ermittler dachten, der Sprengsatz sei vielleicht zu früh hochgegangen. Sandro D. sagt, dass er deswegen zunächst nicht einmal erfahren habe, ob Melih K. noch lebte.

Die Polizei fragte Melih K. noch im Krankenhaus, wen er hinter dem Anschlag vermutete. Seine Antwort: „Die einzige Möglichkeit, die ich mir denken kann, ist ein Ausländerhasser. Anders kann ich es mir eigentlich nicht erklären.“ Vor Gericht sagt er: „Die Tat war ja quasi selbsterklärend. Ein Anschlag am helllichten Tag: Da Ist doch eigentlich alles klar, da muss man doch kein Ermittler sein.“ Bei diesen Worten gibt es Applaus auf der Zuhörertribüne.

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