US-Präsident gedenkt der Opfer in Hiroshima / Ergreifende Szenen im Friedenspark Obama will Welt ohne Atomwaffen

Hiroshima. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Barack Obama 2009 in einer damals wegweisend erscheinenden Rede in Prag seine Vision einer atomwaffenfreien Welt vorgetragen. Nicht zuletzt für diese Rede erhielt der US-Präsident ein halbes Jahr später den Friedensnobelpreis.
28.05.2016, 00:00
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Hiroshima. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Barack Obama 2009 in einer damals wegweisend erscheinenden Rede in Prag seine Vision einer atomwaffenfreien Welt vorgetragen. Nicht zuletzt für diese Rede erhielt der US-Präsident ein halbes Jahr später den Friedensnobelpreis. Sieben Jahre später gab er ausgerechnet bei seinem Besuch am Freitag in Hiroshima selbstkritisch zu, dass er dieses Ziel in seiner nun endenden Amtszeit nicht mehr erreichen wird. Und schlimmer noch: „Wahrscheinlich nicht einmal mehr in seiner Lebenszeit“, gestand er. Und doch bat er die Welt um Zuversicht. „Wenn wir uns weiter mit aller Kraft bemühen, können wir die Möglichkeit einer neuen Katastrophe verhindern.“

Es ist das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident nach Hiroshima gereist ist, um am offiziellen Mahnmal der Opfer der US-Atombombenabwürfe vor knapp 71 Jahren zu gedenken. Am 6. August 1945 hatten die US-Streitkräfte ihre erste Atombombe abgeworfen. Sie explodierte etwa 600 Meter über der Innenstadt von Hiroshima, fast genau über der Stelle, an der Obama am Freitag seine Rede hielt. Von den 350 000 Einwohnern Hiroshimas starben auf einen Schlag wahrscheinlich 80 000 Menschen, bis zum Ende des Jahres erlagen weitere 60 000 ihren Verletzungen oder der radioaktiven Stahlung. Drei Tage nach dem ersten Abwurf zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe mit wahrscheinlich etwa 70 000 Toten.

„Der Tod kam vom Himmel, und die Welt veränderte sich“, begann Obama seine Rede. „Heute verbringen die Kinder dieser Stadt ihre Tage in Frieden.“ Im Friedenspark der japanischen Hafenstadt legte Obama einen Kranz mit weißen Blumen nieder. Für einen kurzen Moment hatte er die Augen geschlossen, als er vor dem Mahnmal auf den Boden schaute und innehielt.

Wie zuvor angekündigt entschuldigte sich Obama nicht im Namen seines Landes für den Abwurf der Atombomben – auch nicht bei den Opfern. „Wir gedenken aller Unschuldigen, die während dieses Krieges ums Leben gekommen sind“, betonte er stattdessen. Er warnte in seiner fast zwanzigminütigen Rede vor allem vor den Folgen eines neuen Nuklearkriegs. „Die Welt trägt die Verantwortung, dass sich ein solches Leid nicht noch einmal ereignet“, beschwor er. Die Staaten mit Atomwaffen müssten den Mut aufbringen, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen. Dazu gehöre auch die USA selbst. „Wir müssen Lehren aus Hiroshima ziehen.“

Japans Premierminister Shinzo Abe nickte zustimmend. „Es ist unsere Pflicht, eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen“, sagte Abe im Anschluss an die Rede des US-Präsidenten. „Egal, wie lange das dauert oder wie schwer das auch sein mag.“ Kritiker des rechtskonservativen Premiers hatten im Vorfeld befürchtet, Abe könnte Obamas Hiroshima-Besuch dafür nutzen, Japan als Opfer des Zweiten Weltkriegs zu stilisieren und nicht als Täter. Doch mit seinem sonst üblichen Geschichtsrevisionismus hielt sich Abe zurück. Stattdessen bedankte er sich bei ­Obama. Der US-Präsident habe „eine schwierige, aber wundervolle Entscheidung getroffen.“

Friedensforscher kritisieren Obama für die aus ihrer Sicht sehr enttäuschende Abrüstungsbilanz. Zwar ist die Zahl der weltweiten nuklearen Sprengköpfe in den letzten sieben Jahren tatsächlich von 23 300 auf nun 15 850 gesunken – zu Zeiten des Kalten Krieges waren es noch rund 70 000. Den Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri zufolge haben die USA ihren Bestand einsatzbereiter Atomsprengköpfe in dem Zeitraum jedoch gerade einmal von 2700 auf rund 2000 gesenkt.

Das hielt die bei Obamas Rede anwesenden Überlebenden der Hiroshima-Atombombe nicht davon ab, den Besuch des US-Präsidenten trotzdem zu begrüßen. Der US-Präsident war nach seiner Rede unter anderem auf den 91-jährigen Sunao Tsuboi zugegangen, um ihm die Hand zu reichen. Tsuboi hatte als damals 20-Jähriger den Atombombenabwurf nur knapp und mit schweren Verletzungen überlebt.

„Obama hat das Herz, mit anderen mitzufühlen“, wurde Tsuboi am Abend im japanischen Fernsehsender NHK zitiert. „Als er so herzlich mit mir sprach, hat er meine Hände immer mehr gedrückt. Ich dachte für einen kurzen Moment, er lässt gar nicht mehr los“, sagte Tsuboi lachend. Er habe Obama mitgeteilt: „Die Welt wird sich an Sie als jemanden erinnern, der den Überlebenden zugehört hat.“

„Die Welt trägt die Verantwortung, dass sich ein solches Leid nicht noch einmal ereignet.“ US-Präsident Barack Obama
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