Um die Jugend wieder zu politisieren

"Omas gegen rechts" organisieren Protestaktionen

„Omas gegen rechts“ gehen in Wien auf die Straße und demonstrieren gegen die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Land. Sie wollen auch die Jugend in Österreich wieder politisieren.
15.06.2018, 22:10
Lesedauer: 5 Min
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Von Ingo Hasewend
"Omas gegen rechts" organisieren Protestaktionen

Die Bewegung „Omas gegen rechts“ organisiert seit mehreren Monaten – hier Ende Januar in Wien – Protestaktionen. Inzwischen hat die Gruppe mehr als 3300 Mitglieder.

dpa

Natürlich ist es nicht besonders charmant, einer Dame im Herbst ihres Lebens zu sagen, sie sei ein Fall für das Museum. Selbst für den mitunter morbiden Wiener Schmäh wäre das eine Spur zu derb. Doch für Monika Salzer ist die Anfrage aus dem neuen Haus der Geschichte Österreichs gleichermaßen amüsant und anerkennend.

Wenn die Ausstellung hinter dem berühmten Balkon der Hofburg am Wiener Heldenplatz am 10. November zum 100. Jahrestag der Republikgründung offiziell öffnet, dann wird ihre Bewegung „Omas gegen rechts“ gerade zwölf Monate alt sein. Und für ihr Symbol – die roten Strickmützen mit weißem Button – könnte es keinen besseren Platz geben als den Ort, an dem die Alpenrepublik sich ein neues Geschichtsverständnis erarbeiten will.

Und, ja auch, an dem Hitler 1938 den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland ausrief. Damit die Geschichte nicht noch einmal so eine fatale Wendung bekommt, geht Monika Salzer streitlustig mit ihren Mit-Omas auf die Straße. Mit auffälliger Symbolik will die 70-Jährige gemeinsam mit anderen älteren Damen ihre Stimme gegen die politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Land erheben.

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Sie verstehen sich als zivilgesellschaftliche und überparteiliche Initiative, aber dennoch sehen sie in der neuen Bundesregierung eine Gefahr für den Zusammenhalt. Deshalb sind sie als kleine Gruppe bei der ersten Demonstration gegen die türkis-blaue Bundesregierung am Anfang des Jahres mit auf die Straße gegangen.

Zu acht waren sie auf dem Heldenplatz mit ihren roten Mützen und haben ihr „Oma gegen rechts“-Lied gesungen. „Das ist gut angekommen“, erzählt Monika Selzer. „,Ihr seid cool‘ haben junge Menschen zu uns gesagt“, sagt sie amüsiert. „Es war einfach etwas Neues.“ In nahezu jedem Zeitungstext über diesen Protestzug wurden sie erwähnt.

Selbst die BBC berichtete über die „Grannies“. Die Gruppe wuchs rasch an. Und dieser enorme Zulauf überrascht Salzer doch ein wenig. „Ich habe die Bewegung am 16. November 2017 als geschlossene Facebook-Gruppe gegründet“, erzählt sie, „und dachte nicht, dass sie solch einen Zuspruch bekommen wird. Mir war aber klar, dass es Interesse geben könnte.“

Teil der öffentlichen Wirksamkeit

Die Gruppe ist immer noch geschlossen, und Administratorinnen entscheiden, ob jemand hinzukommen darf. Aber inzwischen kündigen die Damen ihre Proteste und Veranstaltungen auf der Oma-Homepage an. Schon zwei Wochen nach dem Start waren sie beim Gedenkmarsch für die verstorbene Menschenrechtsaktivistin Ute Bock 200 rotmützige „Omas“.

Mittlerweile hat die Gruppe Kultstatus und mehr als 3300 Mitglieder. Es gibt Ableger in jedem österreichischen Bundesland und sogar Untergruppen in Deutschland, etwa in Berlin, Bremen und Frankfurt. Dass sie sich selbst „Omas“ nennen und dies plakativ demonstrieren, ist ein Teil der öffentlichen Wirksamkeit. Despektierlich sehen sie das nicht.

„Das ist doch ein Ehrentitel“, sagt Salzer. „Außerdem sind wir doch auch lieb.“ Wenn die Damenriege auftaucht und Haltung zeigt, erwartet man Wut vergebens. Die evangelische Pfarrerin im Ruhestand ist selbst mehrfache Großmutter. Es geht ihnen um den Wandel des Begriffs und um einen sinnvollen Einsatz ihrer Zeit. „Die jungen Menschen sind stark eingespannt“, sagt Salzer. „Wir sehen uns als Vertreter dieser Generation.“

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Die 70-Jährige hält inne. „Wir wollen für unsere Enkelkinder etwas Gutes machen, haben keine kleinen Kinder mehr, sind nicht mehr im Job so eingespannt und haben Zeit.“ Alte Menschen sollten doch Aufgaben für sich finden. „Der Satz ,Die sollen es sich gut gehen lassen‘ ist doch Blödsinn.“ Niemandem gehe es gut, wenn er oder sie nichts zu tun habe, sagt die Psychotherapeutin und Seelsorgerin.

Das klingt ein wenig nach netter, unbedarfter Oma von nebenan mit 20 Jahren Krankenhaus-Erfahrung. Salzer ist allerdings Medienprofi. Popularität erlangte die Wienerin durch eine Kolumne in der Boulevardzeitung „Krone“ und ihrem Auftritt in der ORF-Sendung „Dancing Stars“. Gemeinsam mit der Journalistin Susanne Scholl organisiert Salzer die Omas, und die Lust an der Rebellion spielt dabei eine große Rolle.

Es gehe ihnen darum, junge Menschen wieder zu politisieren. So wie sie in den 60er- und 70er-Jahren aktiv waren. Gegen Rassismus, Sozialabbau, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit. Innerhalb ihrer politischen Plattform wird über die „bedrohliche Entwicklung“ ausgiebig diskutiert. Dass sie dafür aus dem Lager der Freiheitlichen angefeindet werden, amüsiert die Organisatorinnen sogar etwas. „Uns älteren Frauen wird die Nützlichkeit abgesprochen“, sagt Salzer.

Für Probleme sensibilisieren

Man bekomme mit, wie plötzlich Grenzen in der Gesellschaft überschritten würden, die viele Jahrzehnte in Stein gemeißelt schienen, betonten die Organisatorinnen zuletzt immer wieder. Deshalb sei innerhalb der Gruppe auch ein wichtige Fragestellung, wie man das bürgerliche Publikum erreichen könne, erklärt Selzer.

Es gehe nicht darum, ein kritisches Bild zu entwerfen, sondern für die Probleme zu sensibilisieren. „Wir bekommen von den Kindern mit, dass die Arbeitsbedingungen schwieriger geworden sind.“ Die meisten Mitstreiterinnen sehen sich dabei durchaus in der Tradition der „Heldinnen, die vor 100 Jahren für die Gleichstellung der Frauen“ gekämpft hätten, erzählt Salzer.

Ermutigt habe sie der Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten im Vorjahr, bei dem sie noch ohne Oma-Status auf die Straße ging: „Der Wahlkampf für Alexander Van der Bellen gegen Norbert Hofer ist von der Zivilgesellschaft getragen worden“, sagt sie. „Immer nur Sündenbock-Mechanismus ist nicht genug für die Politik.“

Auch die SPÖ sei nacht rechts gerückt

Dass die Mitte wegbricht habe man in Österreich schon einmal erlebt. Es sei an der Zeit, dass die Gutmeinenden in der ÖVP etwas sagen. Es finde gerade ein Verrat an den Errungenschaften der Zweiten Republik statt – dem Antifaschismus und dem Humanismus. Sie seien keine Anti-ÖVPlerinnen, betont Salzer. „Ich schätze die Volkspartei, weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg das Land mitaufgebaut hat.“

Doch wenn Kanzler und Parteichef Sebastian Kurz nun mit den Deutschnationalen in der FPÖ, die nicht recht an dieses Land glauben würden, zusammenarbeite, dann sei die ÖVP eben auch rechtsextrem, findet Salzer. Unter Kurz sei sie doch irgendwie zu einer „FPÖ 2.0“ verkommen. Aber auch die SPÖ sei nach rechts gerückt. Deshalb habe man auch den sozialdemokratischen Parteichef und Ex-Kanzler Christian Kern zu ihrem zweiten Jour Fix eingeladen. Ganz ohne Medien. „Wir wollten auch einfach mal nur was für uns tun“, sagt Salzer.

Die Popularität wollen sie nutzen und touren daher seit Wochen mit kleinen Workshops durch Österreich. Eine Handvoll Omas demonstrierte Ende Mai in Berlin auch gegen die AfD mit. Am 20. Juni aber wird es wieder einen größeren Auflauf geben. Dann ruft man am Weltflüchtlingstag zum Flashmob am Wiener Hauptbahnhof gegen die Abschiebepraxis der Regierung auf. Und mittendrin singen dann auch wieder die „Omas gegen rechts“.

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