Kommentar über die Labour Party

Auf der Suche nach einem neuen Weg

Der erste Parteitag von Labour unter ihrem neuen Chef Keir Starmer findet nur online statt. Überhaupt hat er gegenwärtig einen schweren Stand, analysiert Katrin Pribyl.
22.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Auf der Suche nach einem neuen Weg
Von Katrin Pribyl
Auf der Suche nach einem neuen Weg

Labours Parteitag findet nur online statt. Für den neuen Chef Keir Starmer ist es eine Bewährungsprobe.

STEFAN ROUSSEAU

Es wird keine Jubelbilder der Parteimitglieder geben, und es werden auch keine legendären Karaoke-Partys am Abend ausgerichtet, noch wird es zu Debatten am Rande der Veranstaltungen kommen. Der erste Labour-Parteitag unter Keir Starmer findet nicht wie geplant in Liverpool, sondern wegen der Corona-Pandemie online statt. Es stellt die Opposition vor Herausforderungen, denn eigentlich wollte sie den Wandel mit dem seit Anfang April amtierenden Vorsitzenden unter dem Slogan „Eine neue Führung“ publikumswirksam einleiten und endgültig einen Schlussstrich unter die Ära Jeremy Corbyn ziehen.

Stattdessen versucht Starmer nun, per Streaming seine Basis an den Bildschirmen auf die Zukunft einzuschwören. Es werde Zeit, mit dem Siegen Ernst zu machen, wird der 58-Jährige an diesem Dienstag sagen, wie vorab bekannt wurde. Seine Vision für Großbritannien sei simpel: „Ich will, dass dieses Land das beste ist, um darin aufzuwachsen, und das beste Land, um darin alt zu werden.“ Es dürfte in seiner Rede vor allem um persönliche Werte und seine Art von Politik gehen. Reicht das für den nötigen Umschwung in der Opposition?

Lesen Sie auch

Starmer soll Labour aus der Krise führen und vor allem die vom inneren Kulturkampf zerrissene Partei einen. Immerhin, seit seiner Amtsübernahme konnte Labour in den Umfragen aufholen, was zwar nicht zuletzt dem miserablen Krisenmanagement der konservativen Regierung in der Pandemie geschuldet ist. Aber seit Monaten gleicht die wöchentliche Fragestunde im Parlament auch einem Verhör, in dem Starmer die zahlreichen Kehrtwenden von Boris Johnson bloß stellt und den Premierminister mit Detailfragen in die Ecke treibt.

Starmer glänzt, weil er mit akribischen Fragen die Schwachstellen der Regierung seziert. Doch beim großen Thema Brexit scheut der Labour-Chef die Offensive. Schlimmer noch, der Jurist, der 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, ignoriert das Thema weitgehend und überlässt es so den Hardlinern in den Tory-Reihen.

Das mag angesichts der heiklen Ausgangslage einerseits verständlich sein. Insbesondere jene klassischen Labour-Unterstützer im Norden Englands, von denen etliche für den Brexit votiert hatten, wandten sich bei der letzten Wahl in Scharen von den Sozialdemokraten ab. Starmer gilt bei ihnen oft als abgehoben. Will er aber je eine Wahl für Labour gewinnen, muss er die traditionellen Kreise im Norden zurückerobern.

Lesen Sie auch

Andererseits steuert das Königreich auch wegen Labours Passivität auf ein No-Deal-Szenario zu. Warum zeigt Starmer nicht mehr Rückgrat, wenn er doch weiß, dass es die weniger gut Verdienenden sind, die am meisten zu verlieren haben, sollten sich London und Brüssel nicht auf ein Abkommen über die wirtschaftliche Zukunft einigen können? Ja, Starmer hat – auf kurze Sicht – beim Brexit fast nur zu verlieren, weil die Stammwählerschaft gespalten in der Frage des EU-Austritts ist. Trotzdem, zwischen den Stühlen zu sitzen, hilft niemandem.

Wohin steuert Labour nach der desaströsen Wahlniederlage im Dezember? Noch ist das nicht abzusehen. Geprägt von Richtungsstreits zwischen der sozialistischen, vornehmlich jungen Bewegung, die bis heute dem Altlinken Corbyn hinterhertrauert, und den moderaten, eher Richtung Mitte tendierenden Sozialdemokraten, die auf die Tradition als alte Arbeiterpartei pochen, muss Starmer einen neuen Weg finden. Einen Anfang hat er gemacht, indem er glaubhaft gegen die antisemitischen Tendenzen in der Partei vorging.

Schwieriger umzusetzen dürften Veränderungen beim Parteiprogramm sein, immerhin trug er das äußerst linke Manifest vor der Wahl 2019 mit. Derzeit hält er sich vor allem an die Strategie, Johnson und sein Kabinett bei jeder sich bietenden Gelegenheit als „inkompetent“ darzustellen. „Connected“, „verbunden“, heißt die Veranstaltung, die an diesem Dienstag mit einer Ansprache Starmers endet. Ob er mit der Basis tatsächlich gut verbunden ist, wird sich aber aufgrund der fehlenden Bilder von jubelnden oder skeptischen Mitgliedern kaum herausfinden lassen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+