Gastkommentar über Organspenden

Organspenden: Widerspruchsregelung ist keine Lösung

In Frankreich und Lettland sind die Spenderaten nach der Einführung der Widerspruchsregelung bei der Organspende gesunken. Wir müssen, wie Spanien, die Strukturen verbessern, fordert Kirsten Kappert-Gonther.
14.12.2018, 19:26
Lesedauer: 2 Min
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Von Kirsten Kappert-Gonther

Kürzlich habe ich gelernt, dass auch über 90-Jährige noch Organspender sein können. Das Thema geht also wirklich alle an. Es ist schwierig darüber nachzudenken, weil es dabei immer auch um die Beschäftigung mit dem eigenen Tod geht. Gleichzeitig geht es um das Leben, denn Organspende rettet Leben. Darum ist es so wichtig, dass wir in Deutschland die Organspenderate erhöhen.

Um herauszufinden wie das gelingen kann, bin ich gemeinsam mit anderen Abgeordneten des Deutschen Bundestags nach Spanien gereist, um vom Organspendeweltmeister zu lernen. Die Organspenderate ist dort um ein Vielfaches höher als bei uns. Das Erfolgsrezept: Organisation, Ausbildung und Freiwilligkeit. Dabei gilt dort die Widerspruchsregelung nur auf dem Papier, praktiziert wird eine Zustimmungslösung. Das Vertrauen der Bevölkerung ist das A und O für die Akzeptanz und die guten Zahlen.

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Eine Studie der Universität Kiel hat belegt, dass die Ursache der geringen Organspenderaten in Deutschland in der zu seltenen Identifikation und Meldung potenzieller Organspender liegt. Dort ist also der Hebel. Ein Gesetzentwurf, der diesen Hebel betätigt, liegt bereits vor. In den Kliniken sind zahlreiche strukturelle Verbesserungen vorgesehen. Es ist davon auszugehen, dass dieses Gesetz Wirkung entfalten und sich die Organspenderate deutlich erhöhen wird.

Darüber hinaus muss das Wissen um Organspende stärker in der medizinischen und pflegerischen Ausbildung verankert werden. Und wir brauchen ein Organspenderegister. Alle erwachsenen Menschen werden regelmäßig informiert und gebeten sich einzutragen. Der Eintrag geschieht freiwillig, wird selbst vorgenommen und kann jederzeit geändert werden. Es muss moralisch als gleichwertig gelten, ob ich mich dafür oder dagegen entscheide, im Fall der Fälle Organspenderin zu sein.

Kürzlich fand eine nachdenkliche, eine bemerkenswerte Debatte zu dem Thema im Deutschen Bundestag statt. Über die Fraktionsgrenzen hinweg wurden wertschätzend Meinungen und Haltungen zu dem komplexen Sachverhalt ausgetauscht. Klar ist, jede Neuregelung muss sich an den Grundrechten und der Menschenwürde messen lassen, dazu zählt auch der postmortale Schutz.

Die Widerspruchsregelung ist keine Lösung. In Frankreich und Lettland sind die Spenderaten nach Einführung der Widerspruchsregelung sogar gesunken. Und wann gingen die Organspenden in Spanien nach oben? Als die Strukturen verbessert wurden. Das müssen wir auch tun, denn Organspende rettet Leben.

Info

Zur Person

Unsere Gastautorin Kirsten Kappert-Gonther ist seit 2017 Bremer Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist seit 2002 Mitglied von Bündnis90/DieGrünen.

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