Enzyklika ruft zu Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit auf

Papst Franziskus übt harte Kritik am Kapitalismus

Rom. In seiner am Donnerstag offiziell im Vatikan vorgestellten Enzyklika „Laudato si‘“ hat Papst Franziskus zu Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit aufgerufen. Das in der deutschen Version 222 Seiten lange päpstliche Rundschreiben ist das erste in der Geschichte der katholischen Kirche, das ganz dem Thema Umwelt gewidmet ist und trägt den Untertitel „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“.
19.06.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Julius Müller-Meiningen

In seiner am Donnerstag offiziell im Vatikan vorgestellten Enzyklika „Laudato si‘“ hat Papst Franziskus zu Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit aufgerufen. Das in der deutschen Version 222 Seiten lange päpstliche Rundschreiben ist das erste in der Geschichte der katholischen Kirche, das ganz dem Thema Umwelt gewidmet ist und trägt den Untertitel „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“.

In seiner ersten eigenhändig verfassten Enzyklika, einem ursprünglich nur an die Bischöfe gerichteten päpstlichen Rundschreiben, will sich Franziskus ausdrücklich „an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt“. Er greift Erkenntnisse der modernen Klimaforschung zu Treibhauseffekt und Umweltzerstörung auf und fordert eine „ökologische Umkehr“. Das Verhalten der Menschheit sei „selbstmörderisch“ und drohe in Katastrophen zu enden.

Für die Arbeit an dem Dokument hatte der Papst zahlreiche Experten zu Rat gezogen, darunter auch den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung, Hans-Joachim Schellnhuber. „Alles, was in der Enzyklika steht, stimmt mit der modernen Klimaforschung überein“, sagte Schellnhuber bei der Vorstellung. Offenbar war im Vatikan vor der Veröffentlichung vergeblich versucht worden, eine so dezidierte und kritische Stellungnahme zur Klimaerwärmung und zur Abkehr von fossilen Energieträgern noch zu verhindern. Detailliert geht Franziskus auf Fragen wie Wasserknappheit oder den Sinn von Emissionszertifikaten oder Genmanipulation ein.

Wesentliche Teile der Enzyklika enthalten eine harte Kapitalismuskritik. Man müsse anerkennen, dass „ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt“, schreibt Franziskus. So weist er auf die besondere Beeinträchtigung von Entwicklungsländern durch die Umweltzerstörung hin und kritisiert „zwanghaften Konsumismus“, „eine mit dem Finanzwesen verknüpfte Technologie, die behauptet, die einzige Lösung der Probleme zu sein“ oder die „Rettung der Banken um jeden Preis“.

Die Wirtschaftsmächte rechtfertigten weiterhin das aktuelle weltweite System, in dem „Spekulation und Streben nach finanziellem Ertrag“ vorherrschten. Franziskus schlägt ein Ende des Wachstumsstreben im Westen vor. Es sei die „Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren“ und beim Aufschwung in anderen Erdteilen mitzuhelfen.

Schließlich greift Franziskus das von Benedikt XVI. übernommene Konzept einer integralen „Ökologie des Menschen“ auf. Die Verteidigung der Natur sei nicht mit der „Rechtfertigung der Abtreibung“ vereinbar. Auch die Gender-Theorie mit ihrem Versuch, den „Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen“ entspreche einer Logik, die sich über die Schöpfung aufschwingen wolle. Der Text ist in sechs Kapitel aufgeteilt, zu dem auch eine theologische Begründung des Gebots des Erhalts der Schöpfung sowie zwei Gebete zum Schluss zählen.

Umweltschützer begrüßten das Schreiben. „Die erste Umweltenzyklika bringt die Welt einen Schritt näher in Richtung Abkehr von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien“, sagte Kumi Neidoo, Direktor von Greenpeace. Zuvor hatten mehrere US-Politiker der Republikaner Franziskus für sein Schreiben kritisiert und gefordert, der Papst solle sich nicht um Politik kümmern.

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