Kommentar über Corona-Verbreitung

Eine Frage der Veranwortung

Party-Szene, Großfamilien, freikirchliche Gemeinden: Das Coronavirus verbreitet sich in bestimmten Gruppen intensiv. Jetzt wird es Zeit, dass auch dort Verantwortung übernommen wird, meint Benjamin Lassiwe.
07.06.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe
Eine Frage der Veranwortung

Bei einer Pfingstgemeinde in Bremerhaven kam es trotz eingehaltener Schutzmaßnahmen zu Corona-Infektionen.

MARCUS BRANDT

Es kann grundsätzlich jeden treffen: das Coronavirus. Versteckt unter nichts ahnenden, asymptomatisch Betroffenen kann es Wochen überleben, bis Menschen schwer erkranken und es zum Ausbruch kommt. Und doch ist es auffällig, wo das Virus in den letzten Wochen besonders intensiv aufgetreten ist: Gemeinden von Russlanddeutschen in Frankfurt am Main und Bremerhaven, Großfamilien in Göttingen. Gruppen, deren soziale Kontakte in einem eng begrenzten Umfeld stattfinden, die dafür aber umso intensiver sind.

Sozialarbeit muss gestärkt werden

Wie kann man eigentlich auf die Idee kommen, aus einem gemeinsamen Mundstück einer Shisha zu rauchen, so lange das Virus kursiert? Abgesehen davon, dass Shisha-Bars zum fraglichen Zeitpunkt in Göttingen geschlossen sein mussten. Das geht doch nur, wenn einem alles, was um einen herum geschieht, egal ist. Wenn man in einer Parallelwelt lebt, die sich um die Mehrheitsgesellschaft und deren Probleme – positiv gesprochen – nicht schert. Die Integrationsprobleme, die sich hier in aller Deutlichkeit zeigen, müssen nach Corona angegangen werden: Dort, wo ein Gesetz gebrochen wurde, mit aller Härte unseres Rechtsstaats. Doch auch die Sozialarbeit muss verstärkt werden. Wir können es uns schlicht nicht leisten, in Deutschland Parallelgesellschaften zu haben, deren Ignoranz gegenüber der Mehrheitsgesellschaft so groß ist, dass sie am Ende zu einer Gefahr für das große Ganze wird. Hier wurde ganz offensichtlich zu lange weggesehen. Nur wenn man es schafft, die Großfamilien stärker nicht nur in die Gesellschaft, sondern auch in den Rechtsstaat zu integrieren, wird man derartiges Verhalten vermeiden können.

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Wobei das fehlende positive Verhältnis zu Recht und Gesetz kein alleiniges Problem ausländischer Gruppen ist. Das gilt für alle, die meinen, sich über geltende Regeln hinwegsetzen zu müssen, wenn sie die Straßenbahn oder die S-Bahn ohne Maske benutzen – „es ist doch ohnehin egal“. Das gilt für alle Corona-Leugner, die dem Koch Attila Hildmann folgen und sich zu Demonstrationen ohne Mindestabstand treffen.

Und das gilt für alle, die unter dem Deckmäntelchen einer Demonstration eine Raveparty veranstalten, wie am Pfingstwochenende mit Tausenden Schlauchbooten auf dem Berliner Landwehrkanal. Auch hier ist die Verachtung des Staates deutlich zu spüren gewesen. Dass die Party vor einem Krankenhaus endete, wo gleichzeitig Corona-Infizierte um ihr Leben kämpften, zeigt, dass diese Menschen sich um keinen Deut besser verhalten haben als die Shisha-Raucher von Göttingen. Es ist gut, dass Clubs und Diskotheken weiterhin geschlossen bleiben – denn Party und Verantwortung passen offenbar nicht zusammen. Auch hier wird man sich Gedanken machen müssen, wie man künftig mit einer Szene umgeht, für die schon vor dem Corona-Virus Alkohol- und Drogenmissbrauch zur Folklore gehörten.

Wie es auch gehen kann, zeigt das Beispiel der russlanddeutschen Pfingstgemeinde in Bremerhaven. Auch hier gab es enge Kontakte zwischen Familien in einer gesellschaftlich eher abgeschotteten Gruppe. Doch es gibt einen Unterschied zu Göttingen: Hier traten die Infektionen auf, obwohl im Gottesdienst Schutzmaßnahmen eingehalten wurden. Hier waren es erlaubte familiäre Kontakte, die zu Ansteckungen führten – und keine Feiern mit Besuchern aus ganz Deutschland. Und hier haben die Mitglieder der Gruppe das Problem erkannt.

Oberbürgermeister lobt Kooperation

Die Gemeindeältesten in Bremerhaven haben ihre Gemeindemitglieder aufgefordert, sich testen zu lassen. Was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass die freikirchlichen Christen, in deren Gemeinden das Virus in den vergangenen Wochen ausbrach, eine lange Verfolgungsgeschichte in der Sowjetunion hinter sich haben. Zu Recht hat deswegen der Bremerhavener Oberbürgermeister Melf Grantz auch die Kooperation der Gemeindeältesten der Gemeinde hervorgehoben. Weswegen am Ende ein Fazit bleibt: Das Coronavirus kann im Moment alle treffen. Egal, welcher Religion oder gesellschaftlichen Gruppierung jemand angehört.

Wichtig ist es, Verantwortung zu übernehmen und Abstandsregeln und Schutzmaßnahmen einzuhalten. Und das muss für jeden Einzelnen, für jeden Verein und jede gesellschaftliche Gruppe gelten. Nur so gibt es eine Chance, weiter gut durch die Pandemie zu kommen. Dort allerdings, wo Grundregeln nicht eingehalten werden, müssen Konsequenzen folgen. Denn es kann nicht sein, dass das Fehlverhalten Einzelner am Ende die gesamte Gesellschaft gefährdet. Corona zeigt, wo Staatsferne bedenklich wird.

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