Wissenschaftler hatte Benachteiligung der uigurischen Minderheit angeprangert

Peking verhaftet prominenten Ökonomen

Peking. Ilham Tohti ist kein Dissident. Der 44-Jährige ist Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer an der Nationalen Minderheiten-Universität in Peking und hatte die soziale Situation der Uiguren in seiner Heimatprovinz Xinjiang untersucht.
17.01.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Peking verhaftet prominenten Ökonomen
Von Felix Lee
Peking verhaftet prominenten Ökonomen

Ilham Tohti

FREDERIC J. BROWN, AFP

Ilham Tohti ist kein Dissident. Der 44-Jährige ist Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer an der Nationalen Minderheiten-Universität in Peking und hatte die soziale Situation der Uiguren in seiner Heimatprovinz Xinjiang untersucht. Seine Ergebnisse waren erschreckend: Obwohl sich die chinesische Führung damit rühmt, die Rechte der muslimischen Minderheiten zu schützen, würden Uiguren systematisch von den Behörden benachteiligt. Es gebe für sie kaum Jobs. Und wenn sie eingestellt würden, verdienten sie sehr viel weniger als die zugezogenen Han-Chinesen. Diese Missstände hatte Tohti mehrfach thematisiert. Das passte Chinas Führung nicht. Nun haben Sicherheitskräfte ihn festgenommen. Sie werfen ihm nicht näher definierte „Verbrechen“ vor.

Rund 30 Beamte waren am Mittwoch in seine Pekinger Wohnung eingedrungen. Sie verschleppten den bekannten Wissenschaftler nach einer sechsstündigen Razzia an einen bislang unbekannten Ort. Auch seine Mutter nahmen sie mit. Sie beschlagnahmten zudem Computer, Handy und sogar die Doktorarbeiten seiner Studenten, berichtet Tohtis Ehefrau Guzaili Nu‘er. Bei vergangenen Festnahmen sei er nach stundenlangen Verhören noch am selben Abend entlassen worden, sagt Guzaili. „Diesmal ist die Lager sehr viel ernster.“

Tohti und seine Familie sind Uiguren aus der westchinesischen Provinz Xinjiang. Sie ist als Chinas „Unruheprovinz“ bekannt. Vor der Annektierung durch die Volksrepublik war die Gegend viele Jahrhunderte überwiegend von muslimischen Uiguren bewohnt. Mit neun Millionen machen sie auch heute noch immer knapp die Hälfte der Einwohner aus. Doch sie fühlen sich politisch, kulturell und religiös von der chinesischen Staatsmacht unterdrückt und von den zuziehenden Han-Chinesen an den Rand gedrängt. Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen.

Tohti lebt zwar seit vielen Jahren nicht mehr in Xinjiang. 2006 gründete er eine Webseite mit dem Ziel, zu einem besseren Verhältnis zwischen Uiguren und Han-Chinesen beizutragen. Die chinesischen Behörden warfen ihm daraufhin vor, er würde mit dem Portal den „Separatismus“ fördern. 2008 wurde er bereits einmal verhaftet. Nachdem es Anfang Juli 2009 in der Provinzhauptstadt Urumqi zu schweren Unruhen mit mehr als 150 Toten kam, warf der Provinzgouverneur von Xinjiang Tohti vor, mit der Webseite den Unmut geschürt zu haben. Auf Druck unter anderem der US-Regierung kam er wenige Wochen später wieder frei, steht seitdem aber immer wieder unter Hausarrest.

Zur Frage, ob seine Festnahme im Zusammenhang mit dem Anschlag von Ende Oktober auf dem Platz des Himmlischen Friedens steht, wollten die Behörden keine Angaben machen. Direkt unter dem symbolträchtigen Bild von Mao Zedong am Eingang zum Kaiserpalast war am 28. Oktober ein Auto in eine Menschengruppe gerast. Bei den Wageninsassen handelte es sich nach Polizeiangaben um drei Uiguren. Zwei Touristen rissen sie mit in den Tod. Die Behörden sprachen später von einem „Terroranschlag“ radikaler Islamisten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+