Peter Hanuschke über Vorteile durch arbeitende Asylsuchende Personal wird schon in ein paar Jahren knapp sein

Fachärzte, Ingenieure, Handwerker – der Bedarf an gut ausgebildetem Personal ist in Deutschland da und wird auch weiter wachsen, und zwar enorm: Allein deshalb, weil Deutschland bis 2025 über 6,5 Millionen Menschen weniger im erwerbsfähigen Alter haben wird. Auf der anderen Seite gibt es gut ausgebildete Menschen und solche, die bereit sind, einen Beruf zu erlernen – doch sie dürfen nicht am Arbeitsleben teilnehmen: Sie stecken in Asylverfahren fest und bekommen während dieser Zeit keine Arbeitserlaubnis.
05.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste

Fachärzte, Ingenieure, Handwerker – der Bedarf an gut ausgebildetem Personal ist in Deutschland da und wird auch weiter wachsen, und zwar enorm: Allein deshalb, weil Deutschland bis 2025 über 6,5 Millionen Menschen weniger im erwerbsfähigen Alter haben wird. Auf der anderen Seite gibt es gut ausgebildete Menschen und solche, die bereit sind, einen Beruf zu erlernen – doch sie dürfen nicht am Arbeitsleben teilnehmen: Sie stecken in Asylverfahren fest und bekommen während dieser Zeit keine Arbeitserlaubnis. Im Durchschnitt müssen sie sechs Monate auf eine Entscheidung warten.

Dass da etwas nicht zusammenpasst, haben auch die Arbeitgeberverbände und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erkannt. Sie fordern seit Monaten, dass diese Bestimmungen schnellstens reformiert werden. So hatte etwa DIHK-Präsident Eric Schweizer im Juni in der „Welt“ appelliert, „dass Asylbewerber mit Bleibeperspektive und Geduldete, die hier eine Ausbildung beginnen, diese auch abschließen dürfen ohne Sorge vor Abschiebung.“

Zumindest in diese Sache ist Bewegung gekommen: Seit August gilt unter anderem das neue Bleiberecht für geduldete Ausländer. Unabhängig vom Alter oder irgendwelchen Stichtagen können beispielsweise „gut integrierte“ alleinstehende bislang geduldete Personen, die mehr als acht Jahre in Deutschland leben, eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Voraussetzung: Sie müssen Deutsch sprechen, dürfen nicht straffällig geworden sein und müssen für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen – oder dies in absehbarer Zeit erreichen.

Diese Gesetzesänderung ist sinnvoll, löst aber nicht die aktuelle Situation in den Aufnahme-Einrichtungen, wo jeden Tag Hunderte von neuen Asylbewerbern eintreffen. Auf europäischer Ebene hat Politik, was die Aufnahme von Flüchtlingen angeht, komplett versagt. Und auf nationaler Ebene wird der Druck auch immer größer: Es ist absehbar, dass der Flüchtlingsstrom über Monate und Jahre anhalten wird. Es müssen deshalb jetzt weitere Reformen her, die es Asylbewerbern ermöglichen, ohne großen bürokratischen Aufwand am Arbeitsleben teilzunehmen. Und dabei geht es nicht nur primär darum, Lücken zu schließen und den Bedarf der Wirtschaft zu decken. Es geht dabei um die Menschen, die monatelang auf der Flucht waren und durch Arbeit wieder ein Stück Selbstwertgefühl zurückbekommen können: Wer sich gebraucht fühlt, fühlt sich auch bestätigt.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hat in der „Süddeutschen Zeitung“ noch einmal deutlich gemacht, wie notwendig es sei, dass Asylbewerber nicht viele Monate vom Arbeitsmarkt fern gehalten werden. „Bisher sperren wir sie quasi in den Aufnahme-Einrichtungen ein. Was erwarten Sie denn da für ein Resultat? So erzeugen Sie Streitigkeiten und Vandalismus“, sagte er.

Natürlich wird nicht jeder Asylbewerber umgehend einer Arbeit nachgehen können. Oftmals fehlen einfach ausreichende Deutschkenntnisse. „Deshalb müssen wir rasch in Sprache und Bildung investieren“, fordert auch Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Dass das alles Geld kostet, ist klar: So rechnen beispielsweise die Jobcenter damit, dass sie allein für geschultes Personal, Dolmetscher und Sprachkurse zusätzlich 250 Millionen Euro benötigen. Das hört sich nach viel an – aber dieses Geld wird wieder hereinkommen. Solche Investitionen zahlen sich immer aus.

Leider sind solche Zahlen auch Futter für diejenigen, die grölend vor Aufnahme-Einrichtungen stehen und Asylbewerber verantwortlich machen. Wofür? Egal, aus deren Sicht sind Asylanten an allem schuld. Aber vor allem daran, da ist sich der Mob einig, „dass sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen“.

Wie dämlich diese Denkweise insgesamt ist, lässt sich besonders gut an diesem Beispiel verdeutlichen: „Wir brauchen in den nächsten 20 Jahren viel mehr Arbeitskräfte, als dieses Land hervorbringen wird“, sagt etwa Kramer. Er geht von 500 000 freien Stellen in Deutschland aus. Und Weise sagt: „Die Firmen haben so viele offene Stellen wie noch nie, und es fällt immer schwerer, diese zu besetzen.“ Dass Flüchtlinge deutschen Arbeitslosen mögliche Jobs wegnehmen, sei völlig absurd.

Fakt ist: Es gibt genügend Arbeitsplätze – für alle. Und diejenigen, die lieber rumgrölen als nachdenken, sollten sich eines klarmachen: Spätestens, wenn der nächste Zahn gezogen werden muss, ist die Erleichterung groß, wenn das von einem Arzt übernommen wird. Ob der dann aus Syrien oder sonst wo her kommt, spielt keine Rolle.

peter.hanuschke@weser-kurier.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+