Die Vorsitzende der Frauen Union, Annette Widmann-Mauz, über Quoten, Macht und Karriere in der Politik „Politik wird durch uns besser“

Frau Widmann-Mauz, Sie fordern immer wieder „halbe-halbe“, wenn es um die Verteilung von Regierungsämtern geht. Warum sind gemischte Teams in der Politik noch immer kein Selbstgänger?Annette Widmann-Mauz: Es wird immer noch viel zu oft das klassische Rekrutierungsmuster an den Tag gelegt – das zu durchbrechen ist gar nicht so einfach. Man denkt leider nicht von vornherein an die Frauen, die solche Teams im Wortsinne bereichern können.
21.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Frau Widmann-Mauz, Sie fordern immer wieder „halbe-halbe“, wenn es um die Verteilung von Regierungsämtern geht. Warum sind gemischte Teams in der Politik noch immer kein Selbstgänger?

Annette Widmann-Mauz: Es wird immer noch viel zu oft das klassische Rekrutierungsmuster an den Tag gelegt – das zu durchbrechen ist gar nicht so einfach. Man denkt leider nicht von vornherein an die Frauen, die solche Teams im Wortsinne bereichern können. Männer stellen Teams so zusammen, wie sie es kennengelernt haben. Und verantwortlich dafür war eben meistens ein Chef, ein Vorsitzender oder ein Ministerpräsident. Dabei tut es der Politik gut, wenn sie von gemischten Teams, von Männern und Frauen, gemacht wird. Aber auch verschiedene Generationen und Herkünfte sind wichtig – sie können ihre Lebenserfahrung und ihre Sichtweisen einbringen.

Sie sind stellvertretende Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, waren bei den Koalitionsgesprächen zwischen Grünen und CDU dabei. Auch für die dortige Ressortbesetzung haben Sie „halbe-halbe“ gefordert. Ganz erreicht haben Sie Ihr Ziel nicht: Von zehn Ministerposten gehen vier an Frauen. War es schwierig?

Es war nicht einfach. Geholfen hat dabei das gute Zusammenspiel zwischen den Frauen bei den Grünen und der CDU. Und es war für uns auch ein ganz entscheidender Punkt. Unser Spitzenkandidat Guido Wolf hat sich mutig dafür eingesetzt, es war auch das erklärte Ziel in unserem Wahlprogramm. Letztlich ist es dann eben eine Frage der Glaubwürdigkeit für eine mitregierende CDU, ob sie dem gerecht wird. Am Ende hat es funktioniert.

Für die Grünen ist die Frauenquote ja eine Selbstverständlichkeit. Ministerpräsident Winfried Kretschmann mussten Sie daher wohl kaum überzeugen, mehr Frauen in sein Kabinett zu holen?

Unsere Position hat ihn, so glaube ich, schon beeindruckt, denn wenn es hart auf hart kommt bei der Ämterverteilung, tun sich auch die Grünen schwer. Sie hätten ja auch drei Ministerinnen benennen können – haben sie aber nicht. Und so hat unser Druck, das ist mein Eindruck, ihnen geholfen, zum Beispiel eine Finanzministerin zu stellen. Und uns hat die Position der Grünen in dieser Frage geholfen, eine Wirtschafts- und eine Kultusministerin zu stellen. Außerdem haben wir es gemeinsam geschafft, dass wir das Wahlrecht ändern werden und eine Listenwahl einführen.

Was versprechen Sie sich davon?

Eine Listenwahl ermöglicht es, dass wir eine nachhaltigere Personalpolitik betreiben können.

Kommen so mehr Frauen in den Landtag?

Ja, und zwar durch Listen, die wir dann entsprechend über parteiinterne Quoten besetzen können. Das ermöglicht uns eine kontinuierlichere Personalentwicklung. Wenn, wie das bisher der Fall ist, Abgeordnete ausschließlich über den Wahlkreis ins Parlament kommen, bedeutet das häufig: Sie sind für vier Jahre drin und fallen dann wieder raus. Das macht eine Qualifizierung für entsprechende Ämter schwierig. Und so soll es ja sein: Der erste Schritt ist die Wahl in ein Parlament, der zweite die politische Gestaltung in der Exekutive.

In keinem anderen Bundesland hat die CDU einen so geringen Frauenanteil wie in Baden-Württemberg; es sind nur 22 Prozent. Zum Vergleich: In Bremen sind es 36 Prozent. Woran liegt das?

Es sind wohl die sehr traditionellen Strukturen, die sich in der CDU in Baden-Württemberg über Jahrzehnte gebildet haben. Und Frauen, die sich bei uns engagieren wollen, suchen eben auch Vorbilder. Sie wollen sehen, dass sie nicht allein sind, wenn sie in diesen Männerklub kommen, und etwas bewegen können. Diese Vorbilder fehlten über lange Zeit. Das bessert sich jetzt.

„Mehr Frauen heißt tatsächlich bessere Politik“, sagen Sie. Wäre ich ein unverbesserlicher Mann, was ich hoffentlich nicht bin, könnte ich antworten: „Quatsch, es muss nach Qualität besetzt werden, nicht nach Quote.“

Ich habe damit ja nicht gesagt, dass Frauen die besseren Menschen sind. Ich habe gesagt, Politik wird besser, wenn Frauen mitmachen, weil ansonsten eine Hälfte unserer Gesellschaft komplett ausgeblendet wird. Frauen bringen andere Erfahrungshorizonte mit, sie gestalten ihren Alltag anders und haben deshalb andere Sichtweisen auf Themen.

Geben Sie doch mal Beispiele?

Hätten Frauen nicht in Stuttgart am Verhandlungstisch gesessen, würde es kein anderes Wahlrecht geben. Hätten sie nicht mitverhandelt, hätten wir keine Unterstützung für Familien mit Kindern in der Vorschule. Politik wird durch Frauen anders, und sie wird vollständig.

Frauen geben zu schnell auf, lautet noch so ein angebliches Argument, wenn es um die Bewerbung für eine Führungsposition geht. Hat Macht, hat Karriere auf Frauen weniger Anziehungskraft als auf Männer?

Frauen empfinden nicht jede Karriere als erstrebenswert. Wichtig ist doch zu fragen: In welchen Strukturen wird Führungsverantwortung gelebt? Wie viel Lebensqualität bleibt? Kann ich in einer solchen Struktur gut führen? All das will reflektiert werden, soll heißen: Frauen haben keine Angst davor, Funktionen auszuüben und Ver-
antwortung zu übernehmen. Aber sie hinterfragen die Strukturen, und sie haben andere Erwartungen als Männer. Und deshalb sagen sie eben auch ab und an Nein, weil sie für sich noch andere Prioritäten erkennen.

Nehmen wir Ihre persönliche Politikkarriere: 18 Jahre im Bundestag, viermal hintereinander ein Direktmandat geholt, neun Jahre im Fraktionsvorstand, sieben Jahre gesundheitspolitische Sprecherin. Seit Oktober 2009 sind Sie Parlamentarische Staatssekretärin; zur Zeit an der Seite von Gesundheitsminister Herrmann Gröhe. Haben Sie sich nie geärgert und sich gesagt: Ich kann doch auch Ministerin?

Nein, es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass das für mich ein Ziel sein kann. Die Konstellation muss einfach stimmen. Ich habe mich nie davor gesträubt, Verantwortung zu übernehmen. Es muss dann aber auch der Job sein, den ich mir vorstelle. Und als Parlamentarische Staatssekretärin – also der zweithöchsten Position, die sie nach dem Minister in der Bundesregierung erlangen können – fühle ich mich absolut nicht unglücklich, sondern ganz im Gegenteil: Es ist ein spannendes und gestaltungsreiches Amt.

Würden Sie zusagen, wenn Sie 2017 gefragt würden: Wollen Sie Gesundheitsministerin werden?

Ich beantworte solche Fragen immer erst dann, wenn sie konkret sind.

Frau Widmann-Mauz, Ihre Antwort ist langweilig.

Ich weiß, aber diese Frage müssen Sie der Bundeskanzlerin in der nächsten Legislaturperiode stellen, nicht mir.

Das Interview wurde geführt von Hans-
Ulrich Brandt

Zur Person

Annette Widmann-Mauz wurde 1966 in Tübingen geboren und ist seit 1984 Mitglied der CDU. Seit 2009 ist sie Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium. Außerdem ist sie Mitglied im CDU-Bundesvorstand, war als stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Baden-Württemberg bei den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen dabei und ist seit Herbst 2015 Vorsitzende der Frauen Union.
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