Ermittlungen gegen französische Polizisten

Polizeigewalt: Medien veröffentlichen Untersuchungsbericht

Bei den Ermittlungen gegen drei französische Polizisten, nach dem Tod eines Menschen bei einer Polizeikontrolle, veröffentlichten Medien nun den Untersuchungsbericht, der heftige Debatten auslöst.
26.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Birgit Holzer
Polizeigewalt: Medien veröffentlichen Untersuchungsbericht

Im Juni protestierten Polizisten in Frankreich – wie hier in Nizza – in mehreren Städten gegen die Ankündigungen des damaligen Innenministers Christophe Castaner, Polizeigewalt mit „Null-Toleranz“ zu begegnen.

VALERY HACHE

Es ist ein Freitagvormittag im Januar, als Cédric Chouviat in der Nähe des Pariser Eiffelturms in eine Polizeikontrolle gerät, weil er auf dem Roller fahrend mit dem Handy telefoniert. Als er deswegen angehalten wird, kommt es zu einem Schlagabtausch zwischen den vier Beamten und dem 42-jährigen Essens-Lieferanten. Chouviat filmt die Situation mit dem Handy, eine Polizistin tut es ihm nach. Beide Videos werden später bedeutsam sein, um nachzuvollziehen, was genau passiert ist und warum Chouviat diese Routine-Kontrolle nicht überlebt hat.

Er bezeichnet die vier Beamten als „Clowns“ und als sie ihn dazu auffordern, sein Nummernschild zu säubern, verlangt er vom Chef des Teams, Michaël P., ein „bitte“. „Glauben Sie, dass ich auf alle viere gehe? Dass ich Ihnen auch noch den Schwanz lutsche?“, gibt der zurück. Als Chouviat P. ihn schließlich einen „armen Typen“ nennt, ordnet dieser die Festnahme des Rollerfahrers an.

Die Beamten drücken ihn daraufhin mit dem Gesicht nach unten auf den Boden, während Chouviat noch seinen Rollerhelm trägt. P. wird in der Folge über die Situation aussagen, er habe keinen Druck auf den Hals des Mannes ausgeübt, doch Passanten, die der Szene beiwohnten, widersprachen ihm später. Auch im unabhängigen Polizeibericht ist die Rede von einer „Würgung von hinten“.

Familienvater stirbt an Kehlkopfbruch

„Ich ersticke“, wiederholt Chouviat noch mehrmals, bevor er dann in Ohnmacht fällt. Eineinhalb Minuten lang drücken ihn die Polizisten weiter nach unten auf den Boden, während sie ihm die Handschellen anlegen. Nachdem sie bemerkt haben, dass der Festgenommene bewusstlos ist, vergehen weitere drei Minuten, bis sie mit einer Herzmassage beginnen. Cédric Chouviat, Vater von fünf Kindern, stirbt schließlich zwei Tage später im Krankenhaus an den Folgen eines Kehlkopfbruchs.

Die Polizisten wurden daraufhin nicht vom Dienst suspendiert, doch gegen drei von ihnen laufen Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung. Nun veröffentlichten Medien den Untersuchungsbericht, der sich neben Videos auf Zeugenaussagen und Kameraaufzeichnungen der Stadt stützt.

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Demnach gingen nicht nur die Beamten äußerst rabiat mit dem Mann um. Sondern sie – sowie ein weiterer Kollege, der den Vorfall über Polizeifunk durchgab – versuchten im Anschluss, diesen umzudeuten, um die Beamten zu entlasten, ja deren Brutalität zu vertuschen. So war zunächst von einem Herzstillstand Cédric Chouviats infolge seines Widerstands gegen die Festnahme die Rede.

Der Vater des Opfers, Christian Chouviat, fordert öffentlich die Suspendierung der Polizisten. „Wie ist es möglich, dass in einer Demokratie wie Frankreich Leute, die einen Bürger töten, weiter ihren Beruf ausüben?“, fragt er anklagend.

Tatsächlich erschüttern diese Vorfälle das Vertrauen in die französische Polizei noch mehr. Vor allem während der monatelangen Proteste der „Gelbwesten“ ab dem Winter 2018 kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und Demonstranten, die selbst teilweise, aber nicht immer gewalttätig waren. Durch die Verwendung von Hartgummigeschossen, die in vielen anderen Ländern verboten ist, verloren zahlreiche Menschen ein Auge.

Polizisten protestierten

Die Anti-Rassismus-Demonstrationen in den USA – infolge der Tötung des schwarzen US-Amerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten – hatten in Frankreich ein sehr lautes Echo. Denn auch französischen Polizisten wird regelmäßig ein besonders brutales Vorgehen gegen Schwarze vorgeworfen. 2016 starb der 24-jährige Adama Traoré bei einer Festnahme. Auch er wurde in Bauchlage am Boden fixiert und klagte noch über Atemnot.

Inzwischen wurden seitens der Polizei sowie auch Traorés Familie bereits mehrere medizinische Berichte angefertigt, um die Todesursache des jungen Mannes, der möglicherweise an Vorerkrankungen litt, herauszufinden.

Als der frühere französische Innenminister Christophe Castaner im Juni bestehende Missstände deutlicher als zuvor ansprach und „eine Null-Toleranz-Linie“ gegenüber Polizeigewalt und rassistischen Ausfällen in den Reihen der Polizei ankündigte, organisierten diese Proteste, da sie sich durch die Aussagen unter Generalverdacht gestellt fühlten.

Castaner wurde dann bei der Regierungsumbildung Anfang Juli mit dem bisherigen Budgetminister Gérald Darmanin ausgetauscht. Diesem bleibt jetzt die schwere Aufgabe, das Vertrauen in die französische Polizei zu erhöhen.

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