Trier Polizeitechnik wirft Fragen auf

Ferngesteuerte Technikkästen, die auf Rädern oder Ketten in die Gefahrenzone fahren und verdächtige Pakete untersuchen oder Bomben unschädlich machen: Das kennt man. Ein funkgesteuertes Gerät aber, das Sprengstoff heranrollt, um einen Verbrecher außer Gefecht zu setzen, das ist neu.
10.07.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Basil Wegener und Martin Bialecki

Ferngesteuerte Technikkästen, die auf Rädern oder Ketten in die Gefahrenzone fahren und verdächtige Pakete untersuchen oder Bomben unschädlich machen: Das kennt man. Ein funkgesteuertes Gerät aber, das Sprengstoff heranrollt, um einen Verbrecher außer Gefecht zu setzen, das ist neu.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass Polizisten so ein Gerät als Liefermechanismus tödlicher Gewalt eingesetzt hätten“, sagt Juraprofessor Seth Stoughton von der Universität South Carolina, ein früherer Polizist. „Dies ist ein neuer Horizont für Polizeitechnologie. Er wirft einige Fragen auf.“ Der Roboter hatte C 4-Sprengstoff zu dem in einem Parkhaus verschanzten Attentäter gebracht.

Deutschlands Polizeigewerkschaften halten den Einsatz von Bomben-Robotern wie in Dallas hierzulande derzeit für undenkbar und unnötig. „Das ist bei uns unvorstellbar“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, am Sonnabend in Berlin. „Unsere Spezialeinheiten sind auch für Geisellagen und Befreiungen gut trainiert und ausgestattet“, sagte der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow. Weder Malchow noch Wendt sehen Bedarf, hier mit ferngesteuerten Waffen oder Bomben aufzurüsten.

Nach den Todesschüssen auf fünf Polizisten in der US-Stadt Dallas war der Angreifer mit einem Roboter getötet worden, an dem ein Sprengsatz angebracht war. In Deutschland sei die Lage völlig anders – schon allein weil viel weniger Waffen im Umlauf sind. Laut Wendt gibt es hier eine andere „Polizeikultur“. Malchow sprach von einem anderen „Menschenbild“. Die Polizei-Ausbildung sei auf Deeskalation ausgerichtet. Selbst bei Einsätzen etwa gegen bewaffnete Banden machten Polizisten kaum von der Schusswaffe Gebrauch. „Das ist nur das letzte Mittel“, sagte Malchow.

Zulässig sind als Polizeiwaffen Schlagstock, Pistole, Revolver, Gewehr und Maschinenpistole, in einigen Bundesländern auch Handgranaten und Maschinengewehre. Bewaffnete Drohnen oder Roboter sähen die Polizeigesetze nicht vor, sagte Malchow. Sprengstoff werde gegen Menschen nicht eingesetzt, sondern nur gegen Hindernisse.

Ferngesteuerte Roboter kommen in Deutschland nur zum Einsatz, wenn zum Beispiel Sprengsätze entschärft werden müssen. Die von Sprengexperten gesteuerten „Explosive-Ordnance-Disposal-Roboter“ agieren in engen Räumen und können auch über Treppen hinweg bewegt werden. Mit ihren Greifarmen nehmen sie verdächtige Gegenstände aus sicherer Entfernung auf, um sie zu entschärfen oder sie an einem geeigneten Ort zur Explosion zu bringen.Sprengroboter wie die deutsche Entwicklung „tEODor“ haben jede Menge Technik an Bord: Röntgenkamera, Wasserwerfer, Vereisungsanlage und Videokameras für eine optimale Navigation.

Malchow stellt klar, die deutsche Polizei dürfe im Grundsatz nur angriffs- oder flucht­unfähig schießen. „Es geht nicht darum, einen Straftäter zu vernichten, sondern einem Gerichtsverfahren zuzuführen.“ Nach der blutig beendeten Geiselnahme israelischer Olympia-Sportler 1972 in München wurde das Konzept des finalen Rettungsschusses entwickelt, um Menschen zu retten, wenn es keine anderen Mittel gibt.

Zahlen zeigen, wie unterschiedlich die Verhältnisse sind: In den USA werden nach Schätzungen jährlich hunderte Menschen von Polizisten erschossen. In Deutschland wurden laut Polizeiwissenschaftler Clemens Lorei 2015 acht Menschen von der Polizei getötet. Hauptgrund für den relativ seltenen Schusswaffengebrauch: In Deutschland sehen sich Polizisten in der Regel Unbewaffneten gegenüber.

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