Kommentar über Corona in Portugal Portugal: Ein Land im Tal der Tränen - und wie es dazu kam

Überfüllte Krankenhäuser, erschöpfte Ärzte und Schwestern, Leichencontainer vor den Hospitälern: Portugal ist momentan der Corona-Brennpunkt der Welt. Warum? Ralph Schulze kommentiert.
07.02.2021, 05:00
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Portugal: Ein Land im Tal der Tränen - und wie es dazu kam
Von Ralph Schulze

Als Corona-Wunderland hatte sich Portugal noch während der ersten großen Viruswelle, im Frühjahr 2020, feiern lassen. Damals kamen die Portugiesen mit überraschend wenigen Infektionen über die Runden, während zum Beispiel beim Nachbarn Spanien die Zahl der Infizierten und Covid-19-Kranken explodierte.

Offenbar hoffte die portugiesische Regierung, dass auch die neue Welle das am südwestlichen Rand Europas liegende Land nur streifen würde. Wohl deswegen gab es in den vergangenen Monaten lediglich vergleichsweise lockere Corona-Regeln. So waren zum Beispiel die Bars, Restaurants und Geschäfte geöffnet und gerammelt voll mit Menschen.

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Und das, obwohl die Infektionskurve in Portugal auch nicht besser aussah als in Deutschland und anderen Staaten, die sich zu diesem Zeitpunkt schon im Lockdown befanden. Portugal machte Shops und Schankwirtschaften erst Mitte Januar dicht, als sich die Corona-Welle bereits in einen Tsunami verwandelt hatte. Angesichts des heutigen Dramas im Land gibt der sozialistische Regierungschef António Costa zu, dass es wohl ein Fehler war, die Zügel derart schleifen zu lassen.

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Doch die Reue kommt spät. Denn die Nachlässigkeit im Umgang mit Corona hat sich böse gerächt. Und sie hat das Land, das wegen seiner lockeren Lebensart und seinen Traumstränden zu einem der beliebtesten Urlaubsziele Europas wurde, in ein tiefes Tal der Tränen gestürzt.

In den vergangenen Wochen wurde Portugal von einer gigantischen Corona-Welle überrollt. Nach Berechnungen der amerikanischen Johns Hopkins Universität lag die 7-Tage-Inzidenz von Neuansteckungen auf einem geradezu apokalyptischen Niveau: und zwar bei mehr als 600 Fällen pro 100.000 Einwohner; vorübergehend kletterte die Inzidenz sogar auf mehr als 800.

Die dramatische Lage Portugals spiegelt sich in langen Schlangen von Krankenwagen, die mit ihren Patienten vor den Hospitälern bis zu einem Tag lang warten müssen, weil die Notaufnahmen überfüllt sind. Einige Kranke mussten in den vergangenen Tagen sogar die Nacht im Rettungswagen verbringen. Eine Notlage mit tragischen Folgen: Da die Ärzte nicht allen helfen können, die eine Intensivbehandlung benötigen, sterben immer mehr Patienten.

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Die Opferzahlen steigen entsprechend in horrende Höhe. Allein im Januar wurden nahezu 5600 Corona-Tote in Portugal registriert. Das sind 43 Prozent aller 13.000 portugiesischen Todesopfer, die seit Beginn der Pandemie vor annähernd einem Jahr gemeldet wurden. Inzwischen müssen vor immer mehr Spitälern in Lissabon Kühlcontainer aufgestellt werden, weil es in den Leichenkellern der Krankenhäuser zu eng wird. „Wir befinden uns in einer Situation wie im Krieg“, so beschreiben Ärzte mittlerweile die Lage.

Ein Leidensweg, der noch nicht zu Ende ist. Die britische Corona-Variante breitet sich in Portugal schneller aus als in anderen Ländern auf dem Kontinent. Bis zu 50 Prozent aller portugiesischen Fälle werden bereits auf diese Mutation zurückgeführt, die zum Infektionstreiber geworden ist. Ein beunruhigendes Szenario, das auch noch anderen europäischen Staaten blühen könnte.

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Umso leichtsinniger war es, dass Lissabon die Flugverbindungen nach Großbritannien, dem Land, aus dem die meisten nach Portugal kommenden ausländischen Touristen stammen, erst vor Kurzem gestoppt hat. Dabei war schon länger klar, dass die britische Virus-Variante mit dem Reiseverkehr eingeschleppt wurde.

Die Lage in den Hospitälern, in denen zu allem Unglück auch noch Ärzte und Krankenschwestern fehlen, ist inzwischen so katastrophal, dass die Regierung das Ausland um Hilfe bitten musste. Deutsche Unterstützung landete bereits in Lissabon. Auch andere Staaten – etwa Österreich, die Schweiz oder Luxemburg – zeigten sich zur Hilfe bereit. Das ist lobenswert. Und dies beweist, dass die europäische Solidarität weiterhin gut funktioniert. Zugleich mahnt der Fall Portugal, dass mit dem Virus nicht zu spaßen ist.

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