Nur noch 20 Cent für einen Liter Milch

Preisverfall: Tausenden Milchbetrieben droht das Aus

Nur noch 20 Cent erhalten Bauern in Niedersachsen durchschnittlich für einen Liter Milch - zu wenig, um davon leben zu können. Sterben die Milchbetriebe aus? Antworten soll ein Milchgipfel Ende Mai bringen.
18.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Jürgen Hinrichs Philipp Jaklin

Nur noch 20 Cent erhalten Bauern in Niedersachsen durchschnittlich für einen Liter Milch - zu wenig, um davon leben zu können. Sterben die Milchbetriebe aus? Antworten soll ein Milchgipfel Ende Mai bringen.

Sie haben sich das mal ausgerechnet. „An jedem Tag im Stall verlieren wir 1500 Euro“, sagt Anja Clausjohannes. Zusammen mit ihrem Sohn betreibt sie in Riede, einem Dorf zwischen Bremen und Bruchhausen-Vilsen, einen Hof mit rund 650 Kühen. Das ist viel und soll eigentlich noch mehr werden, bis zu 1400 Tiere, der Platz dafür ist da.

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Doch zurzeit sind die Sorgen wegen der Abwärtsspirale beim Milchpreis so groß, dass die Landwirte eher daran denken müssen, wie sie den Betrieb retten können, als weiter auf Expansion zu setzen. „Selbst wenn die Ställe abbezahlt wären, könnte man von so einem niedrigen Milchgeld nicht leben“, sagt die Bäuerin. Bei ihr drücken die Schulden. Pro Kuh und Stellplatz musste sie bei der Erweiterung ihres Hofs rund 8500 Euro investieren – zusammengerechnet mehr als fünf Millionen Euro.

Gerade im Norden haben die Milchbauern zu kämpfen

Mutter und Sohn sind in Riede vor zwei Jahren ins Risiko gegangen. „Solange noch eine drei davor steht, ist es okay“, hatten sie damals gesagt. Das war zu einer Zeit, als der Preis von 40 Cent gerade in Richtung 30 Cent absackte. Nun ist er noch in ganz anderen Regionen gelandet. „Wenn das so weitergeht, wird es in einem Jahr nicht mehr viele Betriebe geben“, befürchtet Anja Clausjohannes.

Die drei ist weit entfernt, zumindest für norddeutsche Höfe. Wie viel die Landwirte für ihre Milch erhalten, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Molkerei zu Molkerei. Und gerade im Norden haben die Milchbauern zu kämpfen.

30 Cent pro Liter gelten als Untergrenze, um zu überleben

Laut Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) liegt die Spanne derzeit zwischen 17 Cent pro Liter in manchen Regionen Norddeutschlands und 29 Cent in Bayern. „Der Durchschnitt liegt bei 23, 24 Cent“, sagt der BDM-Vorsitzende Romuald. In Niedersachsen sind es aktuell nur noch etwa 20 Cent.

Um dauerhaft überleben zu können, bräuchten die Milchbauern deutlich mehr: Etwa 30 Cent pro Liter gilt für Höfe, die nach Investitionen aus jüngerer Zeit Kredite abzubezahlen haben, als Untergrenze. Wer weniger erhält, macht Verlust.

Hauptgrund der Milchkrise nach einhelliger Meinung die Überproduktion. Vor gut einem Jahr lief die EU-Milchquote aus, die bis dahin die Erzeugung drosselte. Seitdem melken die Bauern nicht nur in Deutschland auf Rekordniveau. Auch andere EU-Staaten wie Dänemark, die Niederlande oder Irland überschwemmen die Märkte.

Russisches Importverbot für EU-Molkereiprodukte

Zudem liefern die Farmer in Amerika und Neuseeland mehr denn je. Zugleich schwächelt die Nachfrage nach Milch, aber auch nach Käse, Butter, Joghurt und Milchpulver. Russland verhängte als Reaktion auf die Sanktionen der EU ein Importverbot für Molkereiprodukte sowie Rind- und Schweinefleisch, Gemüse und Obst aus der Europäischen Union.

In China dämpft die ungewohnte Konjunkturschwäche den Verbrauch. Die Volksrepublik hat zudem 2014 und 2015 große Mengen Milchpulver auf Lager gelegt und zehrt nun von diesen Reserven. Weil der Ölpreis ebenfalls gefallen ist, leisten sich auch die Golfstaaten weniger. Der Export kann damit die Not der geplagten deutschen Bauern kaum lindern.

Verbraucherzentrale: „Befürchten, dass regionale Milchprodukte Seltenheitswert bekommen“

Manche machen auch den Einzelhandel und die hohe Konzentration in der Branche für die schwierige Situation der Lieferanten verantwortlich. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat in diesem Zusammenhang die Entscheidung von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) kritisiert, die Fusion der Supermarktketten Edeka und Kaiser`s Tengelmann trotz der Bedenken durch das Kartellamt zu genehmigen. „Kleine Bauern haben gegen die Handelsriesen kaum eine Chance“, so Schmidt. Andererseits nutzen Aldi, Lidl und Edeka nur das Überangebot aus, das wie in jedem anderen Markt auch die Preise drückt.

Ist also der Verbraucher der Gewinner? So scheint es auf den ersten Blick, wenn ein Liter Milch beim Discounter nur noch 42 oder 46 Cent kostet. Doch Verbraucherschützer warnen vor allzuviel Euphorie. „Wir befürchten, dass immer mehr heimische Milchbetriebe aufgeben müssen und regionale Milchprodukte Seltenheitswert bekommen“, sagt Annabel Oelmann, Chefin der Verbraucherzentrale Bremen.

Nur noch halb so viele Milchbetriebe wie vor 20 Jahren

Das Problem: Bei Milch ist die Angabe der Herkunftsregion nicht vorgeschrieben. „Auf der Milchtüte darf auch der Abfüller stehen, und die Milch könnte aus Osteuropa kommen“, sagt Oelmann. Sie rate Verbrauchern, darauf zu achten, dass die Milch aus Deutschland komme. Biobetriebe mit dem Demeter oder Biolandsiegel produzierten umweltfreundlich und böten weiterhin Produkte aus der Region an. Allerdings sei dies „natürlich eine Frage des Geldbeutels.“

Sollte der Trend zur Billigmilch anhalten, dürfte ein weiteres Höfesterben programmiert sein. Etwa 75.000 Milchbetriebe gab es zuletzt in Deutschland, etwa halb so viele wie vor zwanzig Jahren. Die Politik hat aufgeschreckt reagiert, konnte aber bisher die Krise nicht wirklich entschärfen. Am Dienstag berieten die EU-Agrarminister in Brüssel über Auswege. Für Ende Mai hat die Bundesregierung Landwirtschaftsverbände, Molkereien und den Handel zu einem nationalen Milchgipfel geladen.

„Wir müssen die Produktion eindämmen“, sagte Minister Schmidt der „Süddeutschen Zeitung“. „Nur wenn weniger Milch auf den Markt kommt, steigt der Preis.“ Darin bekommt Schmidt sogar die Unterstützung von kritischen Bauern wie Ulrich Jasper von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Auch er stellt fest: „Die einzige Möglichkeit ist, die Menge zu begrenzen.“

„Da muss was von oben kommen“

Doch wie lassen sich die Mengen senken, bevor noch mehr Bauern einfach aufgeben und ihren Betrieb stilllegen? Eine Rückkehr zur Quote lehnt Schmidt strikt ab. Dies werde es mit ihm nicht geben. Unvergessen sind die Butterberge und Milchseen, die Brüssel erst mit viel Geld förderte, um sie dann mit noch mehr Geld wieder los zu werden. Schmidt setzt auf freiwillige Branchenlösungen, die er mit Steuererleichterungen, Liquiditätshilfen und Bürgschaften für Kredite unterstützen möchte. Im Gespräch sind Hilfszahlungen bis zu 100 Millionen Euro.

Ein Weg könnte auch sein, die Betroffenen bei der Landwirtschaftlichen Unfallversicherung zu entlasten. Den Weg zu den freiwilligen Absprachen zur Produktionsdrosslung machte die EU im März frei. Sie räumte den Bauern eine Ausnahme von den Kartellregeln ein. Sie dürfen zeitlich befristet untereinander vereinbaren, die Produktionsmengen herunterzufahren. Bisher aber führte dies in Deutschland noch nicht zu konkreten Ergebnissen. Und die Zweifel wachsen, dass sich dies rasch bessern könnte. „Das kann angesichts der völlig unterschiedlichen Interessen überhaupt nicht funktionieren“, heißt es dazu beim BDM.

Für Bäuerin Clausjohannes aus Riede ist klar: „Da muss was von oben kommen.“ Dass die Preise nach oben gehen, erwartet sie nicht mehr. Der Milchgipfel? „Das ist der Strohhalm, einen anderen sehe ich nicht“. Vielleicht erst einmal Bürgschaften, doch mehr als eine Überbrückung könne das nicht sein. „Mein Sohn und ich haben schon überlegt, was wir in dieser Situation täten, wenn wir Politiker wären“, sagt die Landwirtin. „Viel ist uns nicht eingefallen.“

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