Kommentar über Ramadan und Corona

Das Morgenland macht dicht

Normalerweise ist der Ramadan ein geselliger Monat. Doch dies Jahr ist alles anders, analysiert unsere Korrespondentin Birgit Svensson.
21.04.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Morgenland macht dicht
Von Birgit Svensson
Das Morgenland macht dicht

So belebt ging es 2019 während des Ramadan in Bagdad zu. Dieses Jahr wird alles anders.

Ameer Al Mohammedaw/DPA

Der heilige Fastenmonat Ramadan ist für alle Muslime dieser Welt etwas ganz Besonderes. Normalerweise wird wochenlang darauf hingearbeitet, werden Rezepte ausgetauscht für das erste Mahl des Tages bei Sonnenuntergang. Während zum Fastenbrechen bescheiden eine Dattel und ein Glas Wasser gereicht werden, wird danach umso üppiger aufgetischt. Die Händler verzeichnen in dem Monat ein enormes Umsatzplus, die Geschäfte sind die ganze Nacht geöffnet, bis der Muezzin zu erneuter Enthaltsamkeit aufruft. Enthaltsamkeit in jeglicher Hinsicht: Essen, Trinken, Rauchen und Sex. Erst wenn die Sonne untergeht, ist wieder alles erlaubt.

In den ersten zwei von vier Wochen gilt das Fastenbrechen der Familie, dann erst wird außerhalb gegessen. Der Ramadan ist ein geselliger Monat. Die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, steht im Vordergrund. Man geht traditionell zusammen in die Moschee, danach zum Essen und ins Theater oder Konzert. Die Armen kommen ebenfalls nicht zu kurz. Vor allem in Ägypten gibt es Sponsoren, die lange Tafeln für Bedürftige decken lassen. Doch dieses Jahr ist alles anders. Das Morgenland macht dicht.

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Das hatte es zuletzt während des Sechs-Tage-Krieges von 1967 gegeben: Heute ist es das Coronavirus, das zur Schließung fast aller Flughäfen im Nahen und Mittleren Osten geführt hat. Nachdem sich zunächst Saudi-Arabien und Kuwait von der Außenwelt abschotteten, folgten Beirut, Kairo, Damaskus und Bagdad. Überdies haben die libanesische und irakische Regierung landesweite Ausgangssperren verhängt.

Die wurden von der Bevölkerung allerdings zunächst ignoriert. Spaziergänger und Jogger waren bei Sonnenschein auf der Beiruter Corniche (die von Palmen gesäumte Strandpromenade) unterwegs. In Bagdad gingen die Besucher mit Mundschutz in die offiziell geschlossenen Schischa-Bars. Kein Wunder also, dass ein heftiger Streit darüber tobt, wie die Regeln während des Ramadan gehandhabt werden sollen. Die meisten Muslime in der Region müssen sich auf einen wenig erfreulichen Fastenmonat einrichten.

Zunächst diskutierte die Al-Azhar-Universität in Kairo, die höchste sunnitische Instanz der Muslime, ob der Ramadan verschoben werde, da er nicht den Geist verbreiten könne, der ihm obliegt. Doch damit wäre der gesamte muslimische Kalender ins Rutschen geraten. Die Schiiten waren dagegen und auch der Rat der Höchsten Religionsgelehrten in Saudi Arabien – das die heiligen Stätten Mekka und Medina beherbergt und sich dadurch manchmal für wichtiger hält als der ägyptische Großmufti in Kairo – lehnte ab. Stattdessen hat das Königreich am Golf dazu aufgerufen, wegen des Coronavirus dieses Jahr zu Hause zu beten. Schluss mit dem dichten Gedränge beim rituellen Nachtgebet in den Moscheen.

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„Muslime sollten Ansammlungen von Menschen vermeiden, weil sie als Hauptgrund für die Zunahme von Infektionen gelten", so die offizielle Begründung. Das als „Tarawih“ bekannte Nachtgebet im Ramadan solle zu Hause stattfinden, sofern die religiösen Instanzen des jeweiligen Landes dies erlaubten. Auch vom abendlichen Fastenbrechen im großen Kreis wird abgeraten. Aus Sorge vor einer weiteren Ausbreitung des Virus haben die meisten islamisch geprägten Länder ihre Moscheen bereits geschlossen. Saudi-Arabien ist im arabischen Raum am stärksten vom Virus betroffen, gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar.

Ob die Empfehlungen von den Gläubigen eingehalten werde, darf jedoch bezweifelt werden. Allah sei größer als das Virus – so heißt es von Kairo bis Riad. Wenn der Allmächtige das Virus geschickt habe, um die Kranken und Schwachen zu töten, dann sei das sein Wille, dem man sich nicht widersetzen dürfe. Ein weiterer Beweis für die Macht des Stärkeren, die in der arabischen Mentalität stark ausgeprägt ist. Risikogruppen haben hier keine Chance. Wenn jetzt plötzlich die autokratischen Herrscher Menschenleben retten wollen, so wird dies von ihren Untertanen eher mit Argwohn betrachtet, denn mit Respekt. Die Regelverstöße müssen deshalb auch als Widerstand gegen die eigenen Machthaber gewertet werden.

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