Kommentar über Rassismus in Frankreich

Ungleichheit darf keine Selbstverständlichkeit sein

Der Rassismus ist in Frankreich noch tief verankert. Statt wie Präsident Macron Symbolpolitik zu betreiben, sollte mehr Pragmatismus her um die bestehenden Ungleichheiten zu beseitigen, meint Birgit Holzer.
26.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Birgit Holzer
Ungleichheit darf keine Selbstverständlichkeit sein

Auch in Paris demonstrierten Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Rafael Yaghobzadeh

Der französische Kinofilm „Die Wütenden – Les Misérables“ von 2019 war ein großer Erfolg. Dabei deckt er, basierend auf wahren Begebenheiten, ein unerträgliches Ausmaß an Gewalt und Perspektivlosigkeit in manchen französischen Vorstädten, den Banlieues, auf. Eine der Hauptrollen spielt darin ein weißer Polizist, der sich aufführt wie ein selbstherrlicher Sheriff und sogar behauptet: „Das Gesetz bin ich.“ Die Rache der missachteten, an kein Gesetz mehr glaubenden Jugendlichen an ihm und seinen Kollegen fällt fürchterlich aus.

Tatsächlich hat Frankreich ein Problem mit polizeilicher Gewalt und Willkür, deren Opfer meist Schwarze und Araber sind. Dies wird sogar staatlich gedeckt, was unter anderem die Fälle der beiden jungen Männer Adama Traoré und Lamine Dieng belegen, die jeweils unmittelbar nach ihren Festnahmen starben. Ihre Familien kämpfen mithilfe medizinischer Gutachten um die Aufdeckung der Wahrheit. Im Fall von Dieng war der Staat nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu einer Entschädigungszahlung in Höhe von 145.000 Euro bereit. Das kommt einem späten Schuldeingeständnis gleich, während die beteiligten Beamten zunächst im Dienst blieben.

Die Ausgrenzung ist real

Doch der Rassismus betrifft nicht nur die Polizei, und er ist dort schwieriger aufzudecken, wo er versteckt und subtil daherkommt. Im Land der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ erscheint es immer noch völlig normal, dass der Zugang zu Jobs, Ausbildung und Wohnungen nicht derselbe für alle ist. Die Ausgrenzung wird selten offen thematisiert, doch sie ist real. Ganz selbstverständlich werden weniger angesehene und schlecht bezahlte Arbeiten, ob im Supermarkt, in Pflegeheimen oder bei der Müllabfuhr, überwiegend von Schwarzen getätigt. Damit gehörten sie während der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus zu denjenigen, die das Land am Laufen hielten und zugleich einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren. In den nordöstlichen Vorstädten von Paris, die zum berüchtigten Departement mit der Nummer 93 gehören, war denn auch die Zahl der Infizierten besonders hoch. Diese Gegenden gehören zu den ärmsten Frankreichs und weisen den höchsten Anteil an Einwanderern auf: Viele von ihnen gingen weiter zur Arbeit, ein bequemes Home Office war nicht möglich, während sie in beengten Verhältnissen wohnen.

Lesen Sie auch

In Frankreich wurden die Verbrechen während der Kolonialzeit nie vollständig aufgearbeitet. Lieber hielt man den Mythos von der Großmacht aufrecht, die der Welt die Zivilisation brachte. Bis heute ist der brutale Algerienkrieg ein Tabu. Der Erfolg der Rechtspopulisten des Rassemblement National, dessen Parteiprogramm auf der Ablehnung von Einwanderern fußt, dient als Merkmal der Unehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Geschichte – einst rücksichtslos die Versklavung ganzer Völker betrieben zu haben, heute aber diejenigen nicht als vollwertige Franzosen anzusehen, die aus ehemals unterdrückten Ländern stammen.

Macrons Versprechungen laufen schleppend

Präsident Emmanuel Macron ist der Versuch zugutezuhalten, dies aufzubrechen. Noch im Wahlkampf bezeichnete er den Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und empörte damit viele. Er versprach ehemaligen Kolonien die überfällige vollständige Unabhängigkeit und ein Ende der früher an den Franc, heute an den Euro gekoppelten afrikanischen Währung CFA-Franc. Außerdem regte er die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter an – die seither allerdings nur schleppend vorangeht. Den Abbau von Statuen einstiger Sklaventreiber lehnte Macron aber ab und beschwor stattdessen wiederum das Gewicht der Geschichte.

Wichtiger als symbolische Aktionen ist in der Tat eine pragmatische Politik zur Bekämpfung der bestehenden Ungleichheiten. Macron hat das angesprochen, doch solange sich nichts ändert, bleibt es bei leerer Rhetorik. Ein dauerhaftes Umdenken, das zur Veränderung führt, beginnt mit einer ehrlichen Position zur eigenen Vergangenheit und Gegenwart, bei den entsprechend angepassten Schulprogrammen – und beim alltäglichen Umgang miteinander. Es wird Zeit, dass die Ungleichbehandlung französischer Bürger nicht mehr länger als Selbstverständlichkeit angesehen wird.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+