Rassismus-Proteste in den USA

Die brennenden Staaten von Amerika

Nach dem Tod eines Afroamerikaners in Folge eines brutalen Polizeieinsatzes kommt es in den USA zu friedlichen Anti-Rassismus-Demonstrationen. Es gibt aber auch Schüsse, Gewalt und Plünderungen.
02.06.2020, 05:00
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Die brennenden Staaten von Amerika
Von Thomas Spang
Die brennenden Staaten von Amerika

Demonstranten ­versammeln sich auf den Stufen vom State House, dem Sitz der Regierung des US-Bundesstaates South Carolina. Die Demonstration richtet sich nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners Floyd durch einen weißen Polizisten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die teils schweren ­Ausschreitungen in ­verschiedenen US-Metropolen ­dauern seit mehreren Tagen an.

Jason Lee/The Sun News/AP/dpa

Pünktlich zu Beginn der nächtlichen Ausgangssperre in der amerikanischen Hauptstadt gingen im Weißen Haus die Lichter aus. Als ob niemand zu Hause wäre, verschwand der Wohnsitz des Präsidenten an der Pennsylvania Avenue gegen 23 Uhr im Dunkel der Nacht, während ein paar Straßenblöcke weiter Geschäfte, Autos und Sternenbanner in Flammen aufgingen.

Die Feuerwehr eilte herbei, um ein Feuer im Keller der historischen St.-John-Kirche zu ­löschen, in der seit 1816 Amerikas Präsidenten beteten. Weder die voll mobilisierte Nationalgarde noch die Polizei schafften es die dritte Nacht in Folge, wütende Demonstranten zu stoppen, die ihrem Frust freien Lauf ließen. Als die Sonne am Pfingstmontag ­wieder aufging, stand auf einem Gebäude nahe des Weißen Hauses ein Graffito, das ­direkt an Donald Trump gerichtet war: „Warum müssen wir dir sagen, dass schwarze Leben etwas wert sind?“

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Statt Trost und Führung in der Doppelkrise einer nicht kontrollierten Pandemie und Rassenunruhen zu zeigen, die sich nach dem Tod des Schwarzen George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten in Minneapolis so schnell verbreiteten wie der tödliche Covid-­19-Erreger, geht der Präsident auf Tauchstation. Sprichwörtlich. Am Freitag brachte der Secret Service Trump und seine Familie in den Bunker des Weißen Hauses, der seit den Tagen nach den Terroranschlägen vom 11. September verwaist war. Angeblich aus Sorge vor Demonstranten, die vom Lafayette-Platz aus versuchten, zu der schwer gesicherten Residenz des Präsidenten vorzudringen.

Während von Boston, New York und Washington, über Miami, Louisville und Chicago bis Houston, Los Angeles und Seattle Hunderttausende Menschen auf die Straßen ­gehen, um – meist friedlich – gegen Polizei­gewalt und den strukturellen Rassismus in den USA zu demonstrieren, ist von Trump nicht viel zu sehen. Mitarbeiter des Präsidenten ließen an die Presse durchsickern, dass von den Demonstranten vor seiner Haustüre zu keinem Zeitpunkt „eine echte Gefahr“ ausgegangen sei. Dennoch sei Trump bis ins Mark verunsichert.

Trump weist Gouverneure zum Handeln an

Bei einer Telefonkonferenz mit den Gouverneuren am Montagnachmittag verlangte er, „das Militär zu benutzen“. Sie seien in dem „Krieg“ bisher „schwach“ gewesen und hätten sich wie „Narren“ verhalten. Die Gouverneure müssten „hart zurückschlagen“ mit „vielen Festnahmen“ und „langen Haftstrafen“.

Ansonsten kommt aus dem Weißen Haus keine Führung, keine Rede aus dem Oval Office an die Nation. Kein Treffen mit Vertretern der Bürgerrechtsbewegung oder den Gouverneuren. Keine öffentliche Anteilnahme für die Betroffenen. Philonise Floyd, der Bruder des vergangenen Montag getöteten 48-jährigen George Floyd, sagte, ein Kondolenz-Anruf des Präsidenten sei „blitzschnell“ vorüber gewesen. „Er hat mir nicht einmal Gelegenheit gegeben, etwas zu sagen.“

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Dabei hätte Philonise Floyd viel zu sagen gehabt. Wie die Demonstranten auf Amerikas Straßen, die erklären könnten, warum das tödliche Covid-19-Virus, die neue Massenarbeitslosigkeit und die Gewalt der Polizei Minderheiten, speziell Afroamerikaner, so überproportional treffen. Zum Beispiel Jimmy Mills, der im Epizentrum der Unruhen, der Midtown-Nachbarschaft von Minneapolis, ein Friseurgeschäft betreibt.

Die Schwarzen, die hier leben, verdienen im Schnitt nur ein Drittel dessen, was ihre weißen Mitbürger in der wohlhabenden Midweststadt nach Hause bringen. Obwohl die Afroamerikaner nur 20 Prozent der Stadtbewohner stellen, machen sie 35 Prozent unter den Infizierten und einen noch höheren Anteil unter den Corona-Toten aus. Mills musste wegen der Pandemie seinen Barbershop vor zwei Monaten schließen. Der Friseur fing sich selber das Virus ein – und überlebte.

„Wie ein Schlag in die Magengrube"

Jetzt sollte es wieder losgehen. Doch daraus wird nun nichts, weil sein Geschäft bei den Unruhen in Flammen aufging. „Erst Corona zu haben und jetzt das, das ist wie ein Schlag in die Magengrube“, sagte er einem Reporter vor Ort. Doch wie viele andere teile er die Wut über den Alltag in Trumps Amerika. „Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, was Leute mitmachen“, schilderte Mohamud Noor die verzweifelte Lage in den von Armut geplagten Nachbarschaften, die er im Staatsparlament von Minnesota repräsentiert.

Wer sein Geschäft angezündet hat, weiß Mills nicht. Der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, bezweifelte, dass es Menschen aus der Nachbarschaft waren. „Wir haben Anlass zu glauben, dass schlechte Akteure von außen die berechtigten Proteste gegen den Mord an George Floyd infiltrieren“, sagte der Demokrat am Sonntag. Und deutete auf weiße Nationalisten und andere Rechtsextremisten als mutmaßliche Krawallmacher hin.

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Einen Beweis dafür lieferte Walz nicht, der wiederholt Zielscheibe giftiger Twitter-­Attacken des Präsidenten war. Doch auch der Präsident bleibt Belege für seine Behauptung schuldig, die Antifa-Bewegung stecke hinter den Unruhen, die in rund 40 Städten zu ­Ausgangssperren geführt und in mehr als 20 Staaten die Nationalgarde auf den Plan ­gerufen hat.

Trump will sich als harter Hund profilieren

„Die Gewalt und der Vandalismus werden von der Antifa und anderen gewaltsamen Gruppen des linken Flügels angeführt“, behauptete Trump und drohte damit, er werde diese als „terroristische Bewegung“ einstufen. Nach Ansicht von Analysten deutet das auf die eigentliche Strategie des Präsidenten hin. Vor den Wahlen will er sich wie einst Richard Nixon während der Unruhen nach dem Tod Martin Luther Kings 1968 als harter Hund ­profilieren. „LAW AND ORDER“, twitterte Trump aus dem Weißen Haus in Großbuchstaben.

Ob das bei den Wählern ankommt, bleibt die offene Frage. Gesundheitsexperten fürchten, die Massenproteste könnten eine zweite Welle der Corona-Pandemie auslösen. Die in seiner Rede zur Amtseinführung beschriebene düstere Fiktion eines Landes, das von Gewalt und Tod geprägt ist, könnte sich während der letzten Monate Trumps im Weißen Haus vor den Wahlen tragisch bewahrheiten.

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