Grüne auf neuen Wegen Raus mit Applaus – Anja Piel bleibt in Hannover

Bei der Wahl zur neuen Chefin der Grünen unterliegt Piel mit 34,8 Prozent überraschend deutlich der Brandenburger Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock.
27.01.2018, 20:38
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Raus mit Applaus – Anja Piel bleibt in Hannover
Von Peter Mlodoch

Nach neun Minuten zündet endlich der Funke. „Wir können nicht nur Beethovens Neunte, wir können auch politischen Pogo, liebe Freunde“, ruft Anja Piel am Sonnabend kämpferisch in die Eilenriede-Halle des Kongresszentrums Hannover hinein. Bei den 800 Delegierten des grünen Bundesparteitages löst die Anleihe der niedersächsischen Fraktionsvorsitzenden an die Punkmusik neben der Europa-Hymne freudiges Gegröle und viel Applaus aus.

Doch just in diesem Moment versagt Piels Stimme, ein Hustenanfall ereilt die seit Tagen erkältete Kandidatin. Den Rest ihrer zehnminütigen Vorstellungsrede und die anschließende Fragerunde schafft Piel, die bis dahin tapfer ihre angeschlagene Gesundheit verschwiegen hat, nur mit Mühe. Eine Viertelstunde später ist der Vorstoß der 52-jährigen Kauffrau aus Hameln in die große Bundespolitik ganz gestoppt.

Bei der Wahl zur neuen Chefin der Grünen unterliegt Piel mit 34,8 Prozent überraschend deutlich der Brandenburger Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock. Die 37-jährige Klimaexpertin hatte zuvor leidenschaftlich grüne Ur-Themen bedient und dabei auch geschickt die soziale Karte – eigentlich Piels Stärke – gespielt. Begeisterte Jubelstürme sind der Lohn.

Lesen Sie auch

Der seit Jahrzehnten von den Grünen gepflegte Flügel-Proporz, das Gleichgewicht zwischen Fundis und Realos, nutzt der Parteilinken beim Heimspiel in Niedersachsen nichts mehr. Die Basis setzt lieber auf Neuanfang mit einer frischen, unverbrauchten Doppelspitze, selbst wenn diese künftig mit zwei bekennenden Realos bestückt ist.

„Anja steht eben nicht für Aufbruch“, übt sich eine Bremer Parteikollegin in Erklärungsversuchen und spricht offenbar vielen anderen Landesverbänden aus der Seele. Die Niedersachsen dagegen tragen tiefe Trauer. Auch Bremens Grünen-Chefin Alexandra Werwarth bedauert Piels Niederlage, lobt aber den „sehr fairen Umgang“ der beiden starken Kandidatinnen untereinander – ohne das bei vielen Männern übliche „Platzhirschgehabe“.

Piel selbst verfolgt die Bekanntgabe des Ergebnisses scheinbar ungerührt, lässt sich von ihrer Fraktionskollegin Julia Hamburg und der bisherigen Bundeschefin Simone Peter trösten, bevor sie der Siegerin Baerbock freundschaftlich gratuliert. Danach spurtet sie, abgeschirmt von ihrer 27-jährigen Tochter und zwei engen Mitarbeitern, aus der Halle.

Spannende Leute an der Spitze

Die Vorstellungsrede des künftigen Parteichefs Robert Habeck will sie sich in diesem bitteren Moment nicht antun. „Anja, wo immer du bist, deinen Dickkopf und deine Meinung wirst du hoffentlich behalten“, ruft ihr der Kieler Umweltminister aufmunternd hinterher. „Anja muss erst mal runterkommen“, entschuldigt sich einer ihrer Vertrauten.

Nach Habecks Kür und einem Schlückchen Sekt aus einem Plastikbecher kehrt das Lächeln zurück. Piels erster Blick gilt im Gespräch mit dem WESER-KURIER der Siegerin Baerbock, die sich „richtig gut“ präsentiert habe, der zweite der Zukunft ihrer Partei: „Wir haben jetzt zwei spannende Leute an der Spitze. Das ist mal ein anderes, eben nicht typisches Angebot. Ihr eigenes Ergebnis könne sich durchaus sehen lassen, zumal wenn man ihren „Blitzstart in die Kandidatur“ berücksichtige.

Das Risiko habe sie gern in Kauf genommen. „Ich wusste ja, dass ich auch verlieren konnte.“ Konsequenzen für ihr Amt in Niedersachsen schließt Piel denn auch aus. „Ich bin gerne Fraktionsvorsitzende und will es auch bleiben.“ Dabei verweist sie selbstbewusst auf ein prominentes Beispiel. Habeck sei ja auch nicht als Umweltminister zurückgetreten, nur weil er die Urwahl um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl verloren habe.

Ständiges Feilen an den Vorstellungsworten

Erst vor drei Wochen, als Baerbock längst bundesweit Aufmerksamkeit erlangt hatte, warf die Hamelnerin als zweite Kandidatin ihren Hut in den Ring. „Diesen Vorsprung konnte sie nicht aufholen“, meint eine niedersächsische Delegierte. Piel probierte es trotzdem, nachdem sie sich mit ihrer Familie und engen Parteifreunden – wie der Bremer Fraktionschefin Maike Schaefer – beraten hatte.

„Es erleichtert das Engagement, wenn du Leute hast, die dich voll dabei unterstützen“, sagt Piel. Sie kniet sich rein, absolviert eine Ochsentour, in Dresden, in Hamburg, in Berlin, zuletzt in Hannover. Noch am Morgen vor dem Personalentscheid beackert sie die bayrischen Delegierten. Und sie feilt ständig an ihren Vorstellungsworten.

„Abends bin ich mit meiner Rede ins Bett gegangen und morgens mit meiner Rede aufgestanden.“ Wichtige Sätze, sagt Piel, müsse man immer im Augenkontakt mit den Adressaten rüberbringen. Das gelingt ihr gut, aber eben nicht gut genug. „Anja hätte eine Chance gehabt, wenn sie eine super Rede und Annalena eine nur gute Rede gehalten hätte“, sagt eine Delegierte aus Hannover. „Leider war es umgekehrt.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+