Kommentar über das Homeoffice

Aus einem Feldversuch kann Alltag werden

„Staatliche Gängelei“ nennt Wirtschaftsminister Altmaier den Vorstoß von Arbeitsminister Heil für ein Homeoffice-Gesetz. Dabei ist das ein richtiger Schritt zur richtigen Zeit, findet Jean-Pierre Fellmer.
29.05.2020, 05:00
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Aus einem Feldversuch kann Alltag werden
Von Jean-Pierre Fellmer
Aus einem Feldversuch kann Alltag werden

In Zeiten von Corona für viele Beschäftigte Alltag: die Arbeit im Homeoffice.

Daniel Naupold /dpa

Die einen jubeln über die Arbeit im Homeoffice und wollen am liebsten gar nicht ins Büro zurück. Andere verzweifeln, weil sie neben der Vollzeitstelle ihren Nachwuchs hüten müssen. Das Problem mit der Kinderbetreuung wird sich von selbst lösen, wenn die Kindertagesstätten und Schulen wieder öffnen. Das Homeoffice aber sollte bleiben. Facebook und Google weisen die Richtung: Sie erlauben vielen Mitarbeitern, bis zum Jahresende daheim zu arbeiten, obwohl eine Rückkehr ins Büro ab Juni möglich wäre. Und Twitter stellt seinen knapp 5000 Angestellten prinzipiell frei, wo sie zukünftig arbeiten wollen.

Laut einer Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik aus dem April sind 79 Prozent der Frauen zufrieden mit der Arbeit daheim, bei den Männern sind es 85 Prozent. Um diesem Trend in der Gesellschaft gerecht zu werden, möchte Arbeitsminister Hubertus Heil im Herbst ein Gesetz vorlegen, das einen Rechtsanspruch auf Homeoffice schafft. Wirtschaftsminister Peter Altmaier nennt das „staatliche Gängelei“, es brauche weniger und nicht mehr Bürokratie. Dabei ist Heils Vorschlag ein richtiger Schritt zur richtigen Zeit.

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Sicherlich eignen sich nicht alle Branchen für die Arbeit von zu Hause aus. Zu Recht nennt Altmaier als Beispiel Betriebe, bei denen der persönliche Kontakt wichtig sei. Wo das Homeoffice allerdings problemlos möglich wäre, vom Arbeitgeber aber nicht gewünscht wird, braucht es einen Rechtsanspruch. Vorgesetzte sollten bei dem Thema nicht ohne Mitsprache ihrer Beschäftigten entscheiden. Der Arbeitsmarkt ist anspruchsvoller geworden, viele müssen lange Fahrtwege in Kauf nehmen. Ein Anspruch auf Homeoffice würde den Arbeitnehmern eine gewisse Entlastung bringen.

Es ist nicht plausibel, wenn Arbeitgeber mangelnde Produktivität als Argument gegen das Homeoffice anführen. Laut einer Untersuchung norwegischer Wissenschaftler ist die Produktivität daheim gleich, sie steigt unter den richtigen Voraussetzungen sogar. Das ist einleuchtend: Wer anfällig für Lärm ist, fühlt sich in einem Großraumbüro nicht wohl.

Klarheit schaffen

Ein Recht auf Homeoffice ist aber nicht gleichbedeutend mit einer Pflicht. Wer weiter ins Büro gehen will, sollte das auch dürfen. Um das Teamgefühl zu stärken, können die Kollegen sich zu Aktionen wie einem gemeinsamen Frühstück verabreden. Wie wichtig das ist, zeigt die derzeitige Lage: Manche Beschäftigte vereinsamen im Heimbüro, weil ihnen wegen der Pandemie die Wahlmöglichkeit fehlt. Nicht umsonst empfiehlt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, nur einen oder zwei Tage pro Woche im Homeoffice zu arbeiten. Dafür braucht es Absprachen, um für Beschäftigte und Arbeitgeber Klarheit zu schaffen. Wann kann das Diensthandy stumm geschaltet werden?

In Betriebsvereinbarungen müssen solche Fragen beantwortet werden. Der Gesetzgeber sollte aber Spielraum lassen: Ein Recht auf Homeoffice sollte eher als Signal denn als strikte Vorgabe verstanden werden – muss aber in jedem Fall Themen wie den Versicherungsschutz klären.

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Der Arbeitgeber muss seine Beschäftigten auch im Homeoffice ausstatten – im Büro macht er das schließlich auch: Wer einen ergonomischen Stuhl und eine schnelle Internetleitung hat, kann vernünftig arbeiten. Twitter zeigt, wie es geht: Das Unternehmen erlaubt seinen Mitarbeitern, für bis zu 1000 Dollar ihr Heimbüro einzurichten. Kompensieren können Unternehmen die Mehrkosten, indem sie weniger Bürofläche anmieten, die oft teuer ist. Strom- und Internetkosten könnten steuerlich abgesetzt werden – im Gegensatz zur Pendlerpauschale ist das nur ein kleiner Betrag.

Ein ungewollter Feldversuch

Die Pandemie ist für viele Angestellte und Vorgesetzte ein ungewollter Feldversuch in Sachen Homeoffice. Dort, wo die Heimarbeit gut funktioniert, sollte sie auch weiterhin ermöglicht werden – zumindest an einzelnen Tagen.

Das Lager der Arbeitgeber reagierte bislang zurückhaltend auf Heils Vorstoß, Wachstum und Flexibilität dürften nicht beschränkt werden. Das ist kein gutes Argument: Wer flexible Beschäftigte fordert, sollte auch selbst flexibel sein. Der Wunsch der Arbeitgeber nach ständiger Anwesenheit im Büro darf kein genereller Hinderungsgrund sein. Das wäre, mit Altmaiers Worten gesagt, nämlich auch Gängelei.

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