Prozessauftakt zum Anschlag von Halle 40 Nebenkläger zugelassen

Einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte wird von diesem Dienstag an in Magdeburg verhandelt.
20.07.2020, 19:18
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Hannes Heine

Das öffentliche Interesse ist enorm, die Sicherheitsvorkehrungen auch. Wenn an diesem Dienstag der Prozess gegen den Attentäter von Halle startet, werden fast 80 Journalisten im Magdeburger Landgericht dabei sein. Die Verhandlung ist in die Landeshauptstadt verlegt worden, weil im zuständigen Oberlandesgericht Naumburg der Platz nicht ausreicht. Dem 28 Jahre alten Stephan B. wird zweifacher Mord, vielfacher Mordversuch, räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung und Volksverhetzung vorgeworfen. Bislang sind 18 Verhandlungstage angesetzt, das Urteil könnte Mitte Oktober fallen. Die Anklage führt die Bundesanwaltschaft, das ist bei Staatsschutzverfahren dieser Bedeutung üblich.

Die Tat hatte weltweit Entsetzen hervorgerufen. Am 9. Oktober 2019 versuchte B., in die Synagoge im Paulusviertel in Halle einzudringen. Dort feierten 50 Gläubige gerade Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag. B. übertrug seinen Angriff mit einer Helmkamera live ins Internet. Beim Versuch in die Synagoge einzudringen, scheiterte er. Die drinnen verschanzten Gäste riefen die Polizei. Vor dem Gemeindehaus erschoss der Attentäter eine 40 Jahre alte Passantin, dann raste er in einem Mietwagen davon, stoppte an einem Döner-Lokal und tötete dort einen jungen Maler. B. lieferte sich ein Feuergefecht mit anrückenden Beamten, entkam aber vorerst. Auf der Flucht schoss der Täter ein Paar nieder, um ein Auto zu rauben. Bei Zeitz rammte er einen Lastwagen und wurde festgenommen.

In seinen Vernehmungen durch das Bundeskriminalamt sprach B. davon, er habe Juden töten wollen. Sie seien für allerlei Übel verantwortlich, führte der Angeklagte aus, nicht zuletzt die Flüchtlingskrise. In einem elf-seitigen Pamphlet, das er vor der Tat in einem einschlägigen Internetforum veröffentlichte, gab sich B. als rechtsextremer Verschwörungsideologe zu erkennen. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt sah in der Tat einen Beleg für einen aggressiver werdenden Antisemitismus.

Vertreten wird B. von Hans-Dieter Weber. Der Anwalt aus Karlsruhe, wo die Bundesanwaltschaft ihren Sitz hat, sagte dem Südwestrundfunk, sein Mandant sei intelligent, aber sozial isoliert. B. lebte seit der Trennung seiner Eltern bei seiner Mutter. Nach einer Grundausbildung bei der Bundeswehr begann er ein Chemie-Studium, das er nach gesundheitlichen Problemen abbrach. Den Sicherheitsbehörden fiel der erwerbslose Mann, der seine Zeit meist in seinem Zimmer in der mütterlichen Wohnung verbrachte, offenbar nicht auf. Zu anderen Rechtsextremen hatte B. wohl nur virtuellen Kontakt.

In dem Prozess sind mehr als 40 Nebenkläger zugelassen worden: Besucher der Synagoge, des Döner-Lokals, dazu diejenigen, die B. auf seiner Flucht angegriffen hatte. Im forensischen Gutachten ist von einer komplexen Persönlichkeitsstörung die Rede, die Schuldfähigkeit des Angeklagten sei dennoch nicht beeinträchtigt gewesen. Wird B. schuldig gesprochen, droht neben einer lebenslangen Haftstrafe die Anordnung einer Sicherungsverwahrung.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+