Rekord an Neuinfektionen

Wie das Coronavirus die USA aufwühlt

Die Anzahl der Corona-Infizierten in den USA steigt rapide. Präsident Trump führt dies auf das gute Testverhalten zurück und erntet Kritik von Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.
04.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karl Doemens, Lena Klimkeit und Jörg Vogelsänger
Wie das Coronavirus die USA aufwühlt

Testen am Drive-in-Schalter: Wie hier am Miami Beach Convention Center gibt es in den USA eine große Nachfrage nach Coronatests.

mpi04/MediaPunch

Mit bunten Paraden, Open-­Air-Konzerten, Barbecues im Freundeskreis und abendlichem Böllern ist der 4. Juli in den USA normalerweise ein heiterer Feiertag. Am Independence Day, dem Unabhängigkeitstag, freut man sich des Sommers, zeigt patriotisch viel rot-weiß-blauen Stoff und bürgert Tausende Immigranten ein. Doch dieses Jahr ist alles anders: Die großen Feuerwerke in New York und Los Angeles sind abgesagt, die Party-Strände in Miami geschlossen, und die Grenzen des Einwanderungslandes dicht. Die Corona-Pandemie, der wirtschaftliche Absturz und die Konfrontation mit dem Rassismus in der Gesellschaft trüben die Stimmung. Nur noch 17 Prozent der Amerikaner sind nach einer aktuellen Umfrage des Pew-Instituts stolz auf ihr Land.

Trump lässt sich am Mount Rushmore ablichten

Die amerikanische Nation ist aufgewühlt. Nur ihr oberster Repräsentant im Weißen Haus feiert ungehemmt seine vermeintliche eigene Größe. Schon am Vorabend des Unabhängigkeitstages ist er nach South Dakota zum Mount Rushmore geflogen, um sich neben den in Fels gemeißelten monumentalen Porträtköpfen seiner Vorgänger George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln fotografieren zu lassen. Weder die Proteste von Umweltschützern noch von Epidemiologen gegen die Veranstaltung ohne Abstands- und Maskenpflicht konnten ihn beeindrucken. Im Gegenteil: Mit einem Großfeuerwerk lockt er an diesem Sonnabend auch in Washington die Massen auf die National Mall.

Angesichts der dramatischen Zunahme an Fallzahlen versucht Trump erneut zu beschwichtigen. „Es gibt eine Zunahme der Coronavirus-Fälle, weil unser Testverhalten so massiv und so gut ist, viel größer und besser als in jedem anderen Land“, schrieb er auf Twitter. Dies seien „großartige Neuigkeiten“. Außerdem sei die Sterblichkeitsrate zurückgegangen, und jüngere Menschen erholten sich viel leichter und schneller.

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Trump hat die Zunahme der Fallzahlen wiederholt mit der Ausweitung der Tests begründet. Kritiker werfen ihm vor, das Infektionsgeschehen herunterspielen zu wollen. Sie verweisen auf eine steigende Zahl von Krankenhauseinweisungen. Sie machen außerdem geltend, dass bei einer Ausweitung der Tests der Anteil positiver Resultate zurückgehen oder zumindest gleichbleiben müsste, wenn Trumps These stimmen sollte. Auch Vize-Gesundheitsminister Brett Giroir wies am Donnerstag bei einer Anhörung im US-Senat daraufhin, dass der Anteil positiver Testungen steige. „Das ist also eine tatsächliche Zunahme an Fällen“, sagte er.

Diese Gegenstimmen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mehren sich: Nach Berechnung von US-Medien haben mindestens 20 Staaten infolge der rapide steigenden Infektionszahlen die phasenweise Wiedereröffnung der Wirtschaft gebremst, pausiert oder Lockerungen gar zurückgenommen. In Texas vollzog beispielsweise Gouverneur Greg Abbott angesichts des dramatischen Anstiegs der Neuinfektionen eine Kehrtwende. Der Republikaner ordnete am Donnerstag eine Maskenpflicht für alle Bezirke mit 20 oder mehr Corona-Fällen an. Damit könne die Ausbreitung des Virus nicht nur verlangsamt, sondern auch die Wirtschaft am Laufen gehalten werden, erklärte Abbott. Er folgte damit der Linie von mehr als einem Dutzend Bundesstaaten. Der Schritt war dennoch bemerkenswert. Abbott hatte im Juni noch gesagt: „Die Regierung kann nicht vorschreiben, dass Einzelpersonen Gesichtsmasken tragen müssen.“

Wirtschaftsvertreter appellieren an das Weiße Haus

Führende Wirtschaftsvertreter appellierten gleichzeitig an das Weiße Haus, es müsse in Zusammenarbeit mit den Gouverneuren Regelungen für das verpflichtende Tragen von Masken in der Öffentlichkeit ausarbeiten. Die vergangenen Wochen hätten bewiesen, dass auf Freiwilligkeit basierende Richtlinien nicht ausreichten, um die Gesundheit der Menschen zu schützen, hieß es in einem offenen Brief, der unter anderem vom Vorstandsvorsitzenden der US-Handelskammer unterzeichnet wurde. Ohne stärkere Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung drohe Amerika eine „weitere Runde an Shutdowns, weitreichenden Beschränkungen für nicht essenzielle Betriebe und irreparablen wirtschaftlichen Schaden“.

Donald Trump aber scheint um buchstäblich jeden Preis Normalität vorgaukeln zu wollen und übertüncht damit die düsteren Bilder von Corona-Kranken auf der Intensivstation, Schlangen vor kostenlosen Armenküchen und Polizeigewalt. „Es kommen große Monate. Das nächste Jahr wird das beste der Geschichte sein“, twitterte er am Freitag – natürlich nur, wenn er die Wahl gewinnt.

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Doch das ist plötzlich nicht mehr sicher. In der Krise des Landes wirkt der Populist zunehmend ratlos und entfremdet von der Mehrheit der Bevölkerung. Seine Parolen („Keep America Great“) klingen hohl, seine notorischen Drohungen beeindrucken das Coronavirus nicht, und seine tägliche Ego-Show entbehrt jeglicher Empathie. Während sich zwei Drittel der Amerikaner einen entschiedeneren Kampf gegen die Pandemie wünschen, verweigert der Präsident die simpelste Vorsorge – eine Maske.

Gleichzeitig bekommt Trumps Macher-­Image Kratzer: Das Coronavirus werde von selbst verschwinden, behauptet er seit Wochen. Tatsächlich ist die tägliche Infektionszahl in den USA inzwischen auf mehr als 50.000 hochgeschossen. Und kein ernsthafter Ökonom glaubt mehr an einen steilen Aufschwung.

Aktuelle Umfragen zeigen, dass der Druck auf Trump wächst. Die Zustimmungswerte für ihn sind auf magere 39 Prozent gesunken. Im direkten Vergleich liegt sein Herausforderer Joe Biden inzwischen rund zehn Punkte vorne. Zwar sind das Momentaufnahmen, bis zur Wahl im November sind es noch vier Monate. Doch an diesem Nationalfeiertag erleben die Amerikaner einen Präsidenten, der gegen seinen Absturz kämpft. Darüber kann selbst das größte Feuerwerk der Welt nicht hinwegtäuschen.

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