Kommentar über den Fall Khashoggi Retourkutsche unter Despoten

Der türkische Präsident Erdogan nutzt den Fall des ermordeten Regimekritikers Khashoggi für seine Zwecke. Das hat auch historische und religiöse Gründe, betont unsere Korrespondentin Birgit Svensson.
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Retourkutsche unter Despoten
Von Birgit Svensson

Das ganze Ausmaß saudischer Politik zeigt sich im Fall Jamal Khashoggi. Nicht nur, dass die Grausamkeit seiner Ermordung Parallelen zu brutalen Hinrichtungen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aufweist. Experten gehen ohnehin davon aus, dass der IS seinen blutigen Ursprung im sunnitischen Wahabismus Saudi Arabiens gefunden hat. Die Deckungsgleichheit liege bei etwa 75 Prozent. Auch die Dschihadisten von IS oder früher Al Kaida haben ihre Opfer oft erwürgt oder erhängt, aber meistens sind die Leichname dann beerdigt oder in Massengräbern verscharrt worden.

Ganz anders sind die Saudis mit dem Blogger und Journalisten umgegangen. Türkische Ermittler gaben bekannt, dass seine Leiche zerstückelt und verscharrt worden sei, um ja keine Spur mehr von ihm übrig zu lassen. Riad hat dies bis jetzt nicht kommentiert. Wie überhaupt vieles, was mit dem spurlosen Verschwinden Khashoggis zu tun hat. Nur scheibchenweise wird die Wahrheit zugegeben und das auch nur, wenn es gar nicht anders geht. Hier allerdings gibt es dann doch einen Unterschied zwischen der Vorgehensweise Saudi-Arabiens und dem IS. Die Terrormiliz hat sich stets mit ihren Gräueltaten gebrüstet und hat nicht davor zurückgeschreckt, sie als erste zu veröffentlichen. Die Saudis hingegen versuchen ihre Gräueltaten zu vertuschen, so lange es eben geht.

Comeback auf die westliche politische Bühne

Dass die Ermordung Khashoggis nun international Wellen schlägt, ist Recep Tayyip Erdogan zu verdanken. Ausgerechnet der türkische Staatspräsident, der auch nicht gerade zimperlich mit seinen Kritikern umgeht, schwingt sich nun zum Retter der Pressefreiheit auf. Gekonnt inszeniert, versucht er ein Comeback auf die westliche politische Bühne, wo Menschenrechte noch nicht ganz unter den Teppich gekehrt sind.

Erdogan ist aber auch aus anderen Gründen daran gelegen, einen Richtungswechsel in Saudi Arabien herbeizuführen. Der Khashoggi-Clan ist weitverzweigt und einflussreich. Jamals türkisch-stämmiger Großvater Mohammed Khashoggi war der Leibarzt des ersten Saudi-Herrschers Ibn Saud, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Wüstenstämme einte und vom Westen im Kampf gegen das Osmanische Reich unterstützt wurde. Jamals Onkel Adnan Khashoggi stieg in den 1970ern mit Waffendeals zum Multimilliardär auf. Die türkischen Wurzeln der Familie erklären das persönliche Motiv von Erdogan, den Mordfall aufzuklären. Aber nicht nur das.

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Khashoggi war ein Freund der Muslimbrüder, die auch Erdogan gut findet und seit Jahren unterstützt. In Ägypten verfolgt und als Terroristen bezeichnet, haben das Emirat Katar und die Türkei viele von ihnen als Exilanten aufgenommen. Saudi Arabien dagegen hasst sie, weil sie sich nicht nur als islamistische Partei, sondern als sunnitisch-fundamentalistische Bewegung verstehen, die Königreiche als unislamisch ablehnen. Hier liegt also der Hase im Pfeffer.

Während der saudi-hörige Militärherrscher in Kairo, Abdel Fattah al-Sisi, das Vorgehen Riads im Fall Khashoggie verteidigt und sich im Kampf gegen die Muslimbrüder dort stets Unterstützung in Form von Milliarden US-Dollar holt, stehen Katar und die Türkei auf der anderen Seite und stellen die Vorherrschaft Saudi Arabiens im Mittleren Osten immer mehr in Frage. Nachdem der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman die treibende Kraft hinter der Verhängung der Blockade gegen Katar im Juni 2017 gewesen sein soll bezichtigte, kommt jetzt die Retourkutsche. Die Ermordung des Regimekritikers sei staatlicher Terrorismus, heißt es unisono aus Ankara und Doha. Bin Salmans Thron wackelt.

Zu weit gegangen

Maßgeblich wird jetzt die Haltung der Amerikaner sein. Die Freundschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien, die beim historischen Treffen am Suezkanal 1945 zwischen König Ibn Saud und US-Präsident Franklin D. Roosevelt durch das Quincy-Abkommen besiegelt wurde, steht auf der Kippe. Denn Donald Trump scheint erkannt zu haben, dass der saudische Kronprinz allzu übermütig wurde, seitdem der US-Präsident mit ihm den Säbeltanz in Riad aufgeführt hat.

Danach glaubte bin Salman, alles machen zu können, da er die Unterstützung der Amerikaner habe. Dass er im Fall Khashoggi zu weit gegangen ist, dämmert ihm jetzt vielleicht. Vor allem aber seinem Vater, König Salman ibn Abdel Aziz. Er beorderte Mohammeds jüngeren Bruder Khalid, der Botschafter in Washington ist, nach Hause zurück. In Riad wird gemutmaßt, dass Khalid schon bald auf Mohammed folgen könnte.

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