Retter im Mittelmeer

Einer nach dem anderen klettern die Menschen mit den orangen Schwimmwesten aus dem schwankenden Schlauchboot an Bord des großen Schiffes. Als sie das sichere Deck betreten, schwanken sie selbst vor Erschöpfung und müssen von den Helfern gestützt werden.
14.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Einer nach dem anderen klettern die Menschen mit den orangen Schwimmwesten aus dem schwankenden Schlauchboot an Bord des großen Schiffes. Als sie das sichere Deck betreten, schwanken sie selbst vor Erschöpfung und müssen von den Helfern gestützt werden.

Es ist nur ein Video, das am Donnerstagabend den Gästen des Vereins SOS Mediterranee in der Bremer Landesvertretung gezeigt wird. Doch die Bilder gehen unter die Haut. Vor einem Jahr wurde der Verein zur Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer in Berlin gegründet – am 9. Mai, dem Europatag, wie der Gründer und Kapitän Klaus Vogel betont. SOS Mediterranee besteht aus Vereinen in Deutschland, Frankreich und Italien und versteht sich als Teil der europäischen Zivilgesellschaft. 671 Flüchtlinge wurden aus Seenot gerettet, seit das Rettungsschiff Aquarius am 26. Februar 2016 zum ersten Mal von Lampedusa ausgelaufen ist. Die Organisation feiert ihr einjähriges Bestehen mit der schmerzlichen Gewissheit, dass ihr Einsatz noch länger ist.

Seit Jahren reißt der Strom von Menschen, die von Libyen nach Italien übersetzen, nicht ab. Die Flüchtlinge stammen aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara, nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in letzter Zeit vor allem aus Ländern wie Nigeria, dem Senegal und der Elfenbeinküste. Klaus Vogel sagt, seit Februar sei ihm noch viel klarer geworden, in welch schrecklicher Lage die Flüchtlinge sich befänden. „Libyen ist für die Menschen die Hölle.“ Sie würden dort von Menschenhändlern gefangen genommen, erpresst, gefoltert und schließlich mit Gewalt auf die seeuntauglichen Schlauchboote gezwungen. „Wir hatten jetzt mehrere Gerettete mit frischen Schussverletzungen“, berichtet Vogel.

Die Zahl der Menschen, die pro Monat nach Italien übersetzen, steigt mit dem besseren Wetter seit Anfang des Jahres wieder an. Eine Zunahme syrischer Flüchtlinge sei dabei trotz der Schließung der Balkanroute bisher nicht zu beobachten, sagt Vogel. Das IOM spricht von etwa 131 000 Ankömmlingen in Italien im Zeitraum vom 1. Januar bis 8. Mai. Rund 1000 Menschen starben auf See. Doch wie viele tatsächlich ertrinken, weiß niemand. Die Route zwischen Libyen und Lampedusa ist für Flüchtlinge die gefährlichste im ganzen Mittelmeer. Zählen kann man nur die Überlebenden.

Als im Oktober 2014 das Rettungsprogramm der italienischen Regierung Mare Nostrum wegen mangelnder Unterstützung der europäischen Länder eingestellt wurde, beschloss Klaus Vogel, SOS Mediterranee zu gründen. Auch der Bremer Gerd Knoop konnte sich damals das Massensterben nicht länger untätig ansehen. „Für einen Seemann ist es unerträglich, Menschen wissentlich ertrinken zu lassen“, sagt der gelernte Schiffsingenieur. Als Geschäftsführer der parallel gegründeten gemeinnützigen GmbH von SOS Mediterranee ist er zuständig für die Schiffslogistik und pendelt jede Woche zwischen Bremen und Berlin. „Das ist kein Abenteuer, sondern eine wichtige humanitäre Aufgabe, der ich mich angeschlossen habe.“

Eine zivile europäische Rettungsorganisation im Mittelmeer, die durch Spenden finanziert wird – dieses Ziel sei inspiriert von der Geschichte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGZRS). Vor 150 Jahren wurde sie gegründet, um Europäer, die sich auf den Weg in die Neue Welt gemacht hatten, aus Seenot in der Nordsee zu retten. Die Flüchtlinge aus Afrika seien in der gleichen Situation, sagt Knoop: „Wir haben Menschen, denen nicht zugestanden wird, in ihrer Heimat in Frieden zu leben und die sich über das Mittelmeer aufmachen ins gelobte Land.“

Nach der Gründung von SOS Mediterranee dauerte es aber noch viele Monate, bis ein geeignetes Schiff gefunden war. Die Aquarius ist ein rund 77 Meter langes Fischereischutzboot aus der Vegesacker Lürssen-Werft. Kapitän Klaus Vogel sagt, das vergangene Jahr sei das härteste Jahr seines Lebens gewesen. Noch eine Woche bevor der Chartervertrag der Aquarius unterschrieben wurde, wusste niemand, ob das Geld ausreichen würde, um die ersten drei Monate zu bezahlen. 11 000 Euro benötigt SOS Mediterranee pro Tag, um das Schiff zu betreiben. Doch sie hätten sich einfach nicht erlaubt, es nicht zu schaffen, erklärt Vogel. Denn stets saß ihnen die Gewissheit im Nacken, dass Menschen im Mittelmeer ertranken. „Dadurch hat man praktisch keine andere Wahl – man muss vorangehen.“

Ohne die Finanzierung gibt es keine Rettung – doch die größte mentale und körperliche Herausforderung liegt auf See. Immer drei Wochen am Stück kreuzt die Aquarius in der sogenannten Rettungszone vor der libyschen Küste. Danach liegt sie für ein langes Wochenende im Hafen auf Sizilien. Die Besatzung brauche diese Pause, um sich zu erholen und andere Bilder in den Kopf zu bekommen, sagt Gerd Knoop.

Es fällt ihm schwer, die Belastung in Worte zu fassen. Es sei das Elend der Menschen, das man direkt vor Augen und in Händen habe. Von offiziellen Stellen werde ihnen geraten, die Flüchtlinge immer zuallererst auf Waffen abzutasten. Völlig unsinnig sei das. „Wenn überhaupt haben die Geretteten gerade das bei sich, was sie am Leibe tragen. Dazu gehören in aller Regel nicht einmal Schuhe.“

Die Aquarius ist nicht die einzige humanitäre Organisation, die Flüchtlinge im Mittelmeer rettet. Auch Ärzte ohne Grenzen – seit Anfang Mai auch Partner von SOS Mediterranee – sowie die Organisationen Sea Watch und Sea Eye sind mit Schiffen vor der Küste Libyens präsent. Sie alle erhalten Hinweise auf Flüchtlingsboote von der Rettungsleitstelle in Rom und bringen die Geretteten nach deren Anweisungen in Italien an Land. Auch die Marineschiffe der europäischen Operation Sophia sind vor Ort. Offiziell haben sie nur den Auftrag, Schlepper zu bekämpfen. De facto retten auch sie regelmäßig Flüchtlinge. Wie das Militär die Schlepper-Boote zerstören wolle, sei ihm ohnehin nicht klar, meint Gerd Knoop. Denn entweder befänden sich die Boote am libyschen Strand – oder sie seien voll mit Flüchtlingen.

Trotz der scheinbaren Dichte von Rettungsschiffen in diesem Gebiet kommen die Helfer nicht immer rechtzeitig. Erst vor wenigen Wochen ertranken Flüchtlinge vor den Augen der Besatzung der Aquarius. „Das ist sehr hart, weil man weiß, dass diese Menschen nicht hätten sterben müssen“, sagt Klaus Vogel. „Sie hätten nicht sterben müssen, wenn es eine grundsätzlich andere Politik gäbe.“ Die europäische Abschottung sei das Problem.

Die Erfahrung hat den Kapitän für immer verändert. Nach den ersten Wochen Einsatz, in denen schon 190 Menschen gerettet wurden, sei er nach Hause gekommen und die Leute hätten ihn beglückwünscht, erzählt Vogel. „Ich habe mich gefragt: Wofür eigentlich? Man kann das nicht fühlen, was man da möglicherweise geschafft hat.“

„Lybien ist für die Menschen die Hölle.“ Klaus Vogel, Kapitän
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