„Russland zu lange unterschätzt“

Susanne Schattenberg studierte Geschichte, Slawistik und Psychologie in Hamburg, Leningrad und Konstanz. Seit 2008 ist sie Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen.
31.03.2016, 00:00
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Susanne Schattenberg

studierte Geschichte, Slawistik und Psychologie in Hamburg, Leningrad und Konstanz. Seit 2008 ist sie Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen.

Vaclav Havel, Präsident der damaligen Tschechoslowakei, pries am 31. März 1991 die Vision eines „geeinten, demokratischen, gerechten und friedlichen Europa“. Wie viel dieser Hoffnung hat sich erfüllt?

Susanne Schattenberg: Eine ganze Menge, zumindest wenn man sich Ostmitteleuropa anschaut. Tschechien, die Slowakei, Polen, Ungarn und das Baltikum beispielsweise sind in die EU und in die Nato integriert. In diesen Ländern gilt die friedliche, freiheitliche Grundordnung. Nicht eingetroffen ist ein reibungsloses Miteinander mit den weiter östlich gelegenen Ländern, vor allem mit Russland. Auch die Lage in der Ukraine, in Georgien und im Kaukasus bleibt schwierig.

Aus russischer Sicht hätte sich 1991 auch die Nato auflösen müssen: War dieser Vorschlag völlig abwegig?

Ich denke nicht. Die Nato wurde ja als Reaktion auf die vermeintliche oder auch tatsächliche Gefahr aus der Sowjetunion gegründet. In dem Moment, als der Warschauer Pakt wegfiel, wäre es auch logisch gewesen, das westliche Bündnis aufzulösen. Dass das nicht geschah, hat natürlich ein bisschen mit Siegerpsychologie zu tun, nach dem Motto: Das „Böse“ ist untergegangen, das „Gute“ herrscht weiter.

Sind die Ängste Russlands, was die Nato-Osterweiterung angeht, nicht verständlich? Immerhin stehen nun Truppen des Bündnisses auf Gebieten des früheren Warschauer Paktes?

Objektiv gesehen eindeutig nein. Es gibt keine Bedrohung, die aus dem Westen kommt. Subjektiv kann man sich natürlich in die Psyche von Kremlchef Wladimir Putin hineinversetzen. Es geht hier mehr um die Frage der Weltmachtstellung. Moskau spielt heute eine wesentlich unbedeutendere Rolle als zu den glorreichen Sowjetzeiten, will aber weiter ein mächtiges Land sein. Deshalb wird ein Popanz aufgebaut: Der Westen bedroht uns. Diese Art der Kalten-Kriegs-Psychologie kommt in der russischen Bevölkerung weiter ganz gut an.

Hat es der Westen nicht verstanden, Russland in eine europäische Sicherheitsordnung einzubeziehen?

Das glaube ich nicht. Es gab ja viele institutionalisierte oder auch inoffizielle Gesprächskreise zwischen der Nato und Moskau. Die G 7 ist zur G 8 mit Russland erweitert worden. Es gab viele Zugeständnisse, etwa die Zusage, dass bestimmte Länder nicht in die Nato eingeladen werden, obwohl sie es wollen – etwa die Ukraine. Der Westen hat also mit Verständnis auf die Befindlichkeit einer ehemaligen Großmacht und etwaige Phantomschmerzen reagiert.

Verweigert sich also Moskau der sicherheitspolitischen Integration?

Ja, das würde ich eher sagen. Es war ja Russland unter Putin, das sich aus diesen Gesprächskreisen zurückgezogen und eher die Konfrontation gesucht hat. Putin hat sehr deutlich gemacht, dass Russland sich nicht als Teil des Westens versteht, sondern einen eigenen Weg geht.

Ist eine Rückkehr zu einer Konfrontation wie im Kalten Krieg denkbar?

Der Verlauf der Geschichte lässt sich immer schwer voraussagen. Was auffällt: Die Rhetorik aus dem Kalten Krieg wird wieder öfter verwendet und alte Klischees leben wieder auf, wenn von „den Russen“, „dem Westen“ die Rede ist. Da fehlt oft das Verständnis für die andere Seite. Dass es tatsächlich zu einer neuen Blockbildung kommt und zu einer starken militärischen Konfrontation, bei der man sich mit Atomwaffenarsenalen gegenübersteht, glaube ich aber nicht. Das will niemand mehr, da hat man aus dem Kalten Krieg gelernt.

Was kann der Westen zu einem besseren Verhältnis beitragen?

Moskau wurde lange Zeit unterschätzt. Viele westliche Politiker, gerade US-Präsidenten, haben es sich abgewöhnt, sich mit Russland intensiv zu beschäftigen. Zu vermeiden ist unbedingt, Russland verbal zu provozieren, wie es Barack Obama getan hat, als er das Land als Regionalmacht bezeichnete. Die Politiker müssen einerseits zu verstehen geben, dass sie Russland akzeptieren und dem Land die Stellung zubilligen, die es beansprucht. Andererseits müssen sie in der Sache hart bleiben und deutlich machen, dass die Annexion der Krim völkerrechtswidrig war und die Ukrainekrise gelöst werden muss. Am besten funktioniert das, wenn Vertrauen zwischen zwei Staatsführern entstanden ist. Putin muss sich wertgeschätzt fühlen. Zugeständnisse dürfen nicht als Niederlage erscheinen, sondern sie müssen als gemeinsame gute Lösung verstanden werden.

Das Gespräch führte Norbert Pfeifer

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