Mit Hilfe aus den Golfstaaten bauen Islamisten ihren Einfluss aus Salafisten auf dem Balkan

Sarajevo. Es war einst eine sozialistische Vorzeige-Institution, die den Einsatz für die Jugend widerspiegeln sollte. Das „Haus der Jugend“ in Sarajevo wurde 1969 in funktionellem Beton und Glas gebaut.
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Von Adelheid Wölfl

Sarajevo. Es war einst eine sozialistische Vorzeige-Institution, die den Einsatz für die Jugend widerspiegeln sollte. Das „Haus der Jugend“ in Sarajevo wurde 1969 in funktionellem Beton und Glas gebaut. Ein halbes Jahrhundert später treten dort statt Rockbands zuweilen Salafisten auf. Ein Mann mit Rauschebart füllt diesmal den Saal. Männer und Frauen – sie müssen strikt getrennt sitzen – lauschen andächtig den Worten des Predigers. Almir Kapić weiß genau, wo es lang geht. Er spricht von der „schönen Tradition des Islam“. Dazu gehöre etwa, dass Männer und Frauen, die nicht verwandt sind, nicht in einem Raum sein dürften. Frauen sollten zudem den Schleier tragen. Tatsächlich sind die meisten, die hierher gekommen sind, ohnehin verschleiert.

Das Anliegen von Kapić ist kein spirituelles, sondern ein gesellschaftlich-politisches. Der Westen wolle „uns“ zwingen, dass die Hochzeit von Gleichgeschlechtlichen erlaubt werde, wettert er. Der Westen sei gegen den Islam, denn der Islam sei nun aus den Moscheen herausgekommen. Kapić plädiert gegen einen EU-Beitritt. Und er verweist auf die drohende „Strafe“, falls das Volk den Koran nicht akzeptiere und vom Glauben abfalle. Diese Strafe Gottes könnte die Menschen bereits im diesseitigen Leben treffen. Dann kämen etwa schlechte Politiker an die Macht, warnt er.

Es ist mittlerweile normal geworden, dass männliche Angestellte im öffentlichen Gesundheitswesen aus religiösen Gründen keine Frauen behandeln wollen – oder umgekehrt Frauen sich von ihnen nicht berühren lassen wollen. In öffentlichen Institutionen werden Gebetsräume und Gebetszeiten eingefordert. Zwischen den Säkularen und den Religiösen ist ein Streit im Gange. In einem Staat und in einer Gesellschaft, die ohnehin so wenig gemeinsame Identitätsmöglichkeiten für die Bürger bietet wie Bosnien-Herzegowina, können religiös-politische Bewegungen zur weiteren Spaltung beitragen.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft distanziert sich von Predigern wie Kapić. Sie hat in den vergangenen Monaten versucht, die 64 Gemeinschaften, die außerhalb der Struktur der Islamischen Gemeinschaft (IG) standen, zu integrieren. „Die große Mehrheit hat nun unser System akzeptiert“, erzählt Muhamed Jugo von der IG in Sarajevo. Einige salafistische Gruppen wollen aber weiter nichts mit der etablierten Organisation zu tun haben. Der Großmufti der Muslime in der Region, Husein Kavazović, forderte den Staat nun auf, diese Gemeinschaften außerhalb der IG zu schließen.

Tatsächlich wurden viele salafistische Prediger in den Golf-Staaten ausgebildet. „Dann werden sie nach Bosnien zurückgeschickt, um zu missionieren, oft ohne die speziellen kulturellen Merkmale des Islam in Bosnien anzuerkennen“, erklärt der Wissenschaftler Vlado Azinović, der sich seit vielen Jahren mit islamischem Extremismus auseinandersetzt. „Die finanzielle Unterstützung für dieses Bestreben kommt meistens aus dem Ausland“, so Azinović.

Die meisten Muslime in Bosnien-Herzegowina fürchten sich vor dem radikalen und politischen Islam. In den letzten zwei Jahren, seit immer mehr Touristen aus den Golfstaaten nach Bosnien kamen, äußerten viele ihre Bedenken, dass auch der Salafismus dadurch stärker werden könnte. Vollverschleierte Araberinnen werden in Sarajevo abfällig „Ninjas“ – nach den japanischen Kriegern – genannt. Und über die Feriendörfer für die Araber auf den bosnischen Almen wird mit viel Misstrauen getratscht. Derzeit ist nur 30 Kilometer von Sarajevo entfernt solch ein Projekt geplant, für das 2,3 Milliarden Euro aus den Vereinigten Arabischen Emiraten fließen sollen.

Pro Woche landen nun im Winter zehn Flieger vom Golf in Sarajevo, im Sommer sind es doppelt so viele. An abgelegenen Bergseen flanieren schwarz gekleidete Frauen. Offensichtlich ist, dass lokale salafistische Gruppen von den Besuchern profitieren. Im Sommer war tagtäglich zu beobachten, wie bosnische Wahhabiten die Touristen vom Flughafen abholten, in ihre eigenen Autos verfrachteten und zuweilen auch bei sich selbst unterbrachten. Der Tourismus aus den Golfstaaten habe auch mit den Kriegen in Libyen und Syrien und der Situation in Ägypten zu tun, wo zuvor viele hinreisten, meint Azinović. „Die Tourismus-Geschäfte bringen vielen Salafistenfamilien eine bedeutende Einkommensquelle.“ In jüngster Zeit würden viele Salafisten aus den Dörfern in die Vorstädte oder Städte ziehen.

Azinović verweist darauf, dass das Geld, dass die Wahhabiten als Touristenführer, Fahrer oder Bodyguards verdienen, am regulären Banksystem vorbeiläuft. „Da werden keine Steuern eingefordert“, sagt er. Auch wenn es dafür keine Beweise gebe: Es sei ziemlich plausibel, dass mit diesem Geld auch ideologischer Einfluss einhergehe.

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