Frauen in der Politik Sarah Ryglewski: In der Bundespolitik ist der Ton manchmal sehr rau

Als sie im Bundestag angefangen habe, habe sie sich manchmal dumme Sprüche gefallen lassen müssen, sagt Sarah Ryglewski - und erläutert, warum Strukturen in der Politik es Frauen schwer machen können.
12.11.2018, 13:05
Lesedauer: 2 Min
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Sarah Ryglewski: In der Bundespolitik ist der Ton manchmal sehr rau
Von Lisa-Maria Röhling

Sarah Ryglewski: Natürlich muss man sich als Frau vieles anhören: Im Bundestag hat mich mal jemand darauf angesprochen, ob mein Partner damit klar komme, dass ich jetzt Karriere mache. Oder Menschen haben mir gesagt, ob es nicht schade sei, dass ich jetzt keine Kinder haben könne. Und das, obwohl mein Vorgänger Carsten Sieling sogar drei Kinder hat. Das vermittelt den Eindruck, für uns gäbe es nur eines: Karriere oder ein erfülltes Privatleben.

Als ich im Bundestag angefangen habe, habe ich manchmal Sprüche gehört wie „Ich lasse mir gerne was von jungen Kolleginnen beibringen“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass junge Männer mit ähnlichen Sprüchen konfrontiert sind. Klar ärgere ich mich darüber. Aber man muss einen Weg finden, damit umzugehen. Ich reagiere darauf schlagfertig und indem ich meinem Gegenüber auf Augenhöhe begegne. Frauen haben oft höhere Ansprüche an sich und ihre Arbeit. Männer trauen sich öfter, sich zu Themen zu positionieren, in die sie gar nicht eingearbeitet sind.

"Junge Männer werden eher ernst genommen"

Aber gerade wenn man jünger ist, hat man es als Frau nicht einfach. Junge Männer werden eher ernst genommen, haben es leichter, Anerkennung zu bekommen. Dieser Eindruck beeinflusst Frauen in ihrer Arbeit, weil man sich stärker hinterfragt. Aber ich habe mich davon als Politikerin frei gemacht; schließlich wollen die meisten Leute ja etwas von mir und wer mich nicht ernst nimmt, hat es bei mir eben auch schwerer.

Ich bin im Finanzausschuss des Bundestages, da sind wir Frauen in der Unterzahl. Von 41 ordentlichen Mitgliedern sind gerade mal neun Frauen. Besonders in diesen Fachgremien habe ich manchmal das Gefühl, dass ich mehr als die Kollegen geben muss. Dabei ist es wichtig, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse und Perspektiven von Männern und Frauen abgebildet werden. Gleichstellung ist etwas, wovon die ganze Gesellschaft profitiert und deshalb sollte es auch nicht nur als Aufgabe von Frauen verstanden werden, sich dafür einzusetzen.

In der Bundespolitik ist der Ton manchmal sehr rau und hart. Dort werden Schwächen eher ausgenutzt, da braucht man ein dickes Fell. In Bremen ist das anders, das hat mit den lokalen Strukturen zu tun: Jeder kennt jeden, das sorgt für Balance und Wertschätzung. Wenn man allerdings nicht dazugehört, hat man es sicherlich noch schwerer.

"Als Frau muss man sich mehr anstrengen"

Das Gefühl, dass mir in meiner Karriere mein Geschlecht direkt im Weg gestanden hat, hatte ich nicht. Wohl aber, dass man sich als Frau mehr anstrengen muss, um sich Respekt zu erarbeiten; man muss besser sein, muss Positionen anders ausfüllen. Die Parlamentsstrukturen sind noch stark männlich geprägt. Das merke ich im Bundestag: Da werden manchmal zu später Stunde schmutzige Witze von männlichen Kollegen erzählt, die für anwesende Frauen nicht witzig sind. Wenn man einschreitet, sind sie meist sichtlich schockiert – weil sie sich der Wirkung nicht bewusst sind. Oder beim Wahlkampf zur Bundestagswahl, da hat ein Moderator die Kandidatinnen vorgestellt mit der Feststellung, dass viele Blondinen und eine Brünette auf der Bühne stehen.

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Auch in Bundestagsdebatten ist der Umgang mit Frauen oft nicht sachlich: Zwischenrufe beziehen sich auf die Tonlage der Frauen, je höher ihre Stimme, desto schwerer haben sie es oft. Das habe ich bei Männern noch nie erlebt. Aber es geht eigentlich nicht um einzelne Situationen, sondern um die Strukturen, die sich dahinter verbergen und die zu selten hinterfragt werden. All das macht es für Frauen oft schwerer und das sollte im Sinne einer wirklichen Gleichstellung heute nicht mehr so sein.

Info

Zur Person:

Sarah Ryglewski (35) ist SPD-Politikerin und sitzt seit 2015 im Deutschen Bundestag. Zuvor war sie vier Jahre Mitglied der Bremischen Bürgerschaft.

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