Kommentar über die Heimat-Debatte

Scharfe Debatte über einen unscharfen Begriff

Jegliches Gefühl von Heimat stiftet Identität. Es ist völlig sinnlos, die Heimat zu verleugnen, findet Joerg Helge Wagner.
14.10.2017, 21:14
Lesedauer: 3 Min
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Scharfe Debatte über einen unscharfen Begriff
Von Joerg Helge Wagner
Scharfe Debatte über einen unscharfen Begriff

Ob Gartenzwerg, röhrender Hirsch oder Kuckucksuhr – Deutschland als Heimat hat viele, manchmal kitschige Bilder.

dpa

Geschichte ist ein prägender Bestandteil des unscharfen Begriffs Heimat. Die sechs Buchstaben benennen eher eine Wortwolke, bestehend aus Orten, Personen, Sprache, Sitten und Gebräuchen, Schöpfungen aller Art von der Hoch- bis zur Esskultur, Eindrücken und Empfindungen. Unsere Geschichte aber ist nicht nur brutal und blutig – das ist die Chronik nahezu aller Nationen – sondern auch mit einem beispiellosen Verbrechen und entsprechender Schuld verbunden. Deshalb tun wir uns so schwer damit, alles in einem umfassenden Heimatbegriff zusammenzubringen und zu akzeptieren.

Nur so ist die sehr deutsche Debatte zu erklären, die derzeit im Land geführt und außerhalb seiner Grenzen wahrscheinlich als bizarr empfunden wird. Natürlich sind es Spätfolgen der Nazi-Barbarei, dass wir uns so selbstquälerisch mit dem Begriff „Heimat“ plagen: Er steht in gewissen Milieus quasi unter immerwährendem Nationalismus- und Revanchismus-Verdacht. Und natürlich ist das völliger Blödsinn.

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Denn gerade an einer unmittelbaren Folge des von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkrieges lässt sich der Unterschied zwischen Nationalismus und Heimatliebe gut herausarbeiten. Die Deutschen aus Ostpreußen, aus Schlesien und dem Sudetenland haben immer großen Wert darauf gelegt, dass sie „Vertriebene“ und nicht etwa „Flüchtlinge“ seien.

Was zunächst wie Wortklauberei wirkt, ist tatsächlich ein fundamentaler Unterschied: Man wäre auch unter einem unfreundlichen Regime in Elbing, Breslau oder Komotau geblieben, man hätte dafür andere Pässe angenommen, selbst den eigenen Familiennamen anders geschrieben. Die Nation war unwichtig oder zumindest nachrangig, entscheidend war die Heimat.

Eher geografische als ideologische Gründe

Doch diese Menschen waren dort nicht mehr erwünscht, sie sollten verschwinden – allein wegen ihrer Abstammung, ihrer Identität. Heute würde man von „ethnischer Säuberung“ sprechen und schreiben. Dass die konservativen Parteien CDU und vor allem die CSU nach dem Krieg quasi zu Schutzmächten der Vertriebenen wurden, hat eher geografische als ideologische Gründe: In den ländlichen Gebieten Bayerns, Baden-Württembergs und Niedersachsens wurden nun einmal besonders viele Vertriebene aufgenommen.

Aber auch eine Grünen-Politikerin wie Antje Vollmer erkannte, wie unfair es war, das Schicksal der Heimatvertriebenen quasi als gerechte Strafe für die Verbrechen des Nazi-Regimes zu betrachten – als hätten sich SS und Gestapo nur aus Schlesiern, Ostpreußen und Sudetendeutschen rekrutiert.

Vollmer hatte für ihre Haltung vor gut zwei Jahrzehnten einiges auszustehen: Sowohl in der eigenen Partei durch verbohrte Linke als auch bei unversöhnlich-misstrauischen Vertriebenen, die sie 1995 in München auspfiffen und niederschrieen, als wollten sie den Verdacht, ausnahmslos reaktionär zu sein, mit Macht erhärten.

Heimat stiftet Identität

Ideologische Konflikte lodern erneut auf, befeuert durch die Flüchtlingskrise und die politischen Erfolge der AfD und ähnlicher Parteien in ganz Europa. Wenn prominente Grüne beteuern, dass auch sie selbstverständlich ihre Heimat lieben, will die Grüne Jugend lieber den ganzen Begriff ächten. Er grenze aus, so ihre Begründung.

Das ist bemerkenswert in einer Partei, die sonst der kulturellen Identität jedes Menschen sehr hohen Wert zuspricht. Denkt man die Linie der Grünen Jugend zu Ende, dann müsste man auch dem Geflüchteten aus Syrien oder Eritrea die Liebe zu seiner Heimat verwehren, denn die grenzt ja aus – in diesem Fall die Bevölkerung im Zufluchtsland.

Wahr ist, dass jegliches Gefühl von Heimat Identität stiftet. Die aber ist zunächst höchst individuell und eben nicht beliebig teilbar. Ja, es grenzt Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund und anderen Erfahrungen aus. Aber ist das schlimm? Nein, es verdient vielmehr Respekt, zumindest Toleranz, und zwar völlig ungeachtet der jeweiligen Herkunft.

Heimat ist wie Familie

Abgesehen davon kann man Heimatliebe ja in mehrfacher Hinsicht empfinden. Das ist nicht schizophren, sondern vielmehr ein Zeichen geistiger Beweglichkeit: „Man kann Bayer, Deutscher und Europäer sein“, sagte der frühere britische Handelsminister Stephen Green jüngst gegenüber dem WESER-KURIER.

Er spricht anerkennend davon, dass für Deutsche „viele Schichten von Identität möglich sind“. Damit sollte man doch parteiübergreifend prima leben können. Heimat ist eben wie Familie: Man kann sie sich nicht aussuchen und sie ist manchmal schwierig – aber es ist völlig sinnlos, sie zu verleugnen.

joerg-helge.wagner@weser-kurier.de

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