Kommentar über EU-Rückholaktionen Schlechte Koordination

Dass es in Zeiten der Corona-Pandemie immer noch nicht gelingt, so etwas wie eine koordinierte Luftbrücke für EU-Bürger einzurichten, ist kaum zu begreifen, meint Detlef Drewes.
24.03.2020, 07:30
Lesedauer: 2 Min
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Schlechte Koordination
Von Detlef Drewes

Nein, die Koordination funktioniert nicht. Seit Tagen schicken die EU-Staaten ihre ohnehin nicht ausgelasteten Flieger um die Welt, um die eigenen Bürger zurückzuholen. Ungenutzte Sitzplätze bleiben frei, auch wenn am gleichen Airport EU-Bürger aus einem Nachbarland warten. Das Verständnis für die in der Anfangszeit der Krise überforderten Regierungen sinkt. Dass es immer noch nicht gelingt, so etwas wie eine koordinierte Luftbrücke für EU-Bürger einzurichten, ist kaum zu begreifen. Zumal die Staats- und Regierungschefs diesen Schritt schon vor einigen Tagen angekündigt hatten.

Die unglückliche oder wenig kompetente Rolle der EU rückt immer stärker in den Vordergrund. Zwar meldet sich Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beinahe täglich mit Botschaften in drei Sprachen zu Wort. Auch gestern forderte sie wieder eine zügige Abfertigung von Lastwagen mit Versorgungsgütern an den Übergängen zwischen den Mitgliedstaaten. Maximal 15 Minuten dürften die Trucks an den Kontrollstellen aufgehalten werden. Bisher schert sich aber kaum jemand darum. Die Vorstellung, dass dringend benötigte Lebensmittel und mehr noch medizinisches Material an den Schlagbäumen aufgehalten wird, während es in den Kliniken in Frankreich, Spanien oder Italien dringend erwartet wird, ist einfach nur erschreckend.

Nun ist die EU-Kommission keine Regierung, sie bleibt immer auf die Mitwirkung der Mitgliedstaaten angewiesen. Ihre Appelle müssen gehört und ernst genommen werden. Dass dies zumindest nicht überall geschieht, ja, dass die Kommissionschefin an manchen Tagen mit fast schon bedauernswerter Hilflosigkeit die Regierungen daran erinnern muss, dass die von jedem benötigte Unterstützung durch die eigenen Grenzkontrollen behindert werden, ist bitter. Es zeigt, dass die Panik immer noch die Oberhand hat und nicht nüchtern und durchdacht reagiert wird.

Niemand will die einzelnen Länder und ihre Katastrophenschutz-Bemühungen bevormunden oder lenken. Und dies ist auch der falsche Zeitpunkt, um über eine bessere Machtverteilung zwischen Brüssel und den Hauptstädten zu streiten. Aber dass gegenseitige Unterstützung nicht gefährdet, sondern hilft, müsste eigentlich jedem einleuchten. Da haben alle am Anfang Fehler gemacht – auch Deutschland.

Nun mehren sich die solidarischen Initiativen, wenn beispielsweise nicht belegte Intensivbetten dem überlasteten Nachbarland angeboten werden. Und wenn zwar benötigte, aber derzeit an anderer Stelle dringender gebrauchte Hilfsmaterialien erst einmal dorthin gebracht werden, wo es längst um Leben und Tod geht. Das Bewusstsein für den Gewinn, den europäische Zusammenarbeit bringt, ist noch immer zu wenig ausgeprägt. Und das behindert den Kampf gegen die Auswirkungen gegen das Virus in einem geradezu sträflichen Ausmaß.

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