Standpunkt über Schottland

Fliehkräfte im Königreich

Die Wahl in Schottland hat der regierenden Nationalpartei Aufwind gegeben. London reagiert in Panik. Das Königreich zeigt Auflösungserscheinungen, meint London-Korrespondentin Katrin Pribyl.
10.05.2021, 05:00
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Fliehkräfte im Königreich
Von Katrin Pribyl
Fliehkräfte im Königreich

Schottlands Zukunft, Schottlands Wahl: SNP-Chefin Nicola Sturgeon sieht sich nach der Wahl bestätigt in ihrer Absicht, die Schotten in die Unabhängigkeit führen zu wollen.

JEFF J MITCHELL/dpa

Die Schottische National­partei SNP hat die Parlamentswahl vom vergangenen Donnerstag deutlich gewonnen, aber das erklärte Ziel, die absolute Mehrheit, verpasst. Das ist ein Dämpfer, den die Erste Minister Nicola Sturgeon zu überspielen versuchte, in dem sie gewohnt resolut in die Offensive ging. Die SNP-Chefin will ein Unabhängigkeitsreferendum durchsetzen. Das lehnt Premierminister Boris Johnson strikt ab. Edinburgh gegen London, es ist der altbekannte Streit. Die Frage ist: Wie lange kann der britische Regierungschef sein Nein durchhalten kann?

Man kann das Ergebnis drehen und wenden, wie man will, und auch wenn Sturgeon im Vorfeld den Fehler begangen hat, die Erwartungen zu hoch zu schrauben: Unter dem Strich steht, dass es im schottischen Regionalparlament eine Mehrheit für eine erneute Volks­abstimmung gibt. Denn neben der SNP ­wünschen auch die Grünen die Los­lösung vom Königreich. Damit haben die Abspaltungsbefürworter nun ein Mandat.

Diesen Wunsch weiterhin abzubügeln, würde den Unabhängigkeitstraum vieler Schotten nur befeuern. Vielmehr sollten all jene, die an den Wert eines Vereinigten Königreichs glauben, versuchen, für die Union zu kämpfen.

Die Argumente sind überzeugend und zahlreich. Der Brexit etwa hat demonstriert, wie schwierig sich die Abspaltung von einer tief integrierten Gemeinschaft gestaltet. Die Beeinträchtigungen für Schottland, seit 314 Jahren eng verflochten mit England, wären immens. Der Wiedereintritt in die EU könnte die Nachteile kaum auffangen, zumindest nicht in der nahen Zukunft.

Die Schotten gegen ihren Willen wie in einem Gefängnis in dem Arrangement zu halten, stellt jedoch keine Lösung dar. Die kategorische Verweigerung Johnsons ist nicht nur politisch problematisch, sondern hat etwas zutiefst Undemokratisches. Die Schotten verdienen angesichts der aktuellen Parlamentszusammensetzung genauso die Wahl, wie die Briten beim EU-Referendum 2016 die Wahl von der konservativen Regierung erhielten. Boris Johnson weiß das, will aber nicht in die Geschichte eingehen als Premierminister, der Schottland verloren hat. Deshalb setzt er im Fall Schottland nun auf die Verzögerungstaktik – und nutzt dafür die Pandemie. Jetzt sei nicht der richtige Zeitpunkt angesichts der Corona-Krise, heißt es.

Wann aber würde der richtige Moment kommen? Die wirtschaftlichen Folgen werden das Land auf viele Jahre hinaus beschäftigen. Die SNP könnte am Ende ausmanövriert werden und an Momentum verlieren.

Die Auflösungserscheinungen kommen derweil kaum überraschend. Der Brexit hat auf der Insel Fliehkräfte ­entfesselt, die schwer wieder einzu­fangen sind. Johnson könnte neben Schottland auch Nordirland entgleiten, wo die Nationalisten mit einer irischen Wiedervereinigung liebäugeln. Selbst Wales ­präsentiert sich dieser Tage aufmüpfig. Am Ende zeigt sich nun deut­licher als je zuvor, dass es sich beim ­Brexit-Votum vor allem um einen englischen Aufstand handelte. In einigen Kreisen herrscht Nostalgie zum vergangenen Empire, die mit Union-Jack-Flaggen und überdrehtem Patriotismus an­geheizt wird.

Was in England funktioniert, fällt Boris Johnson in Schottland auf die Füße. Dort personifiziert Johnson den verhassten englischen Nationalismus, der als insular und anti-europäisch betrachtet wird. Deshalb dürfte der Premier nun versuchen, die schottischen Rebellen zu beruhigen – mit Aufmerksamkeit, Zugeständnissen und Geld. Er wie auch seine Regierungskollegen werden zudem nicht müde, den Wert der Union zu betonen. Sie prophezeien für den Fall des Auseinanderbrechens ein wirtschaftliches Desaster. Ganz nach dem Motto: stärker als Teil der Gemeinschaft. Diese Ironie der Geschichte dürfte selbst den Brexit-­Hardlinern kaum entgehen, die jahrelang alle Warnungen vor einem Alleingang Großbritanniens als Panikmache abtaten.

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