Immer mehr Menschen mit Depressionen finden im Rückzugshaus Ruhe und einen Ansprechpartner / Ambulante Versorgung mit Erfolg

Schutz in Zeiten psychischer Krisen

Bremen. Das Haus ist eigentlich eine Insel: Warm ist es hier und einladend. Weitab von Alltag, mobbenden Kollegen oder schreienden Kindern.
05.04.2015, 00:00
Lesedauer: 8 Min
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Schutz in Zeiten psychischer Krisen
Von Antje Stürmann

Das Haus ist eigentlich eine Insel: Warm ist es hier und einladend. Weitab von Alltag, mobbenden Kollegen oder schreienden Kindern. Psychisch kranken Menschen dient das Rückzugshaus der Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste (Gapsy) in Krisenzeiten als Rückzugsort. Hier finden sie Schutz und offene Ohren. Auch professionelle Hilfe – wenn sie mögen. Wer sich vom Facharzt hierher überweisen lässt, kann in einem von sechs Einzel- und Doppelzimmern übernachten – aber tagsüber zur Arbeit gehen, seinen Haushalt machen oder die Familie versorgen. Mit diesem ambulanten Angebot erspart die Gapsy vielen die Klinik.

Ein Platz im Rückzugshaus ist, was Ricardo hin und wieder braucht. Nicht immer, aber wenn es ihm schlecht geht. So wie heute. Ricardo sitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer. Die Luft ist schwer von Zigarettenqualm. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Haufen zerpflückter Glimmstängel und es stehen zig benutzte Kaffeebecher herum. Auf einem Teller liegen vertrocknete Apfelgriepsche. Zu viel Nikotin hat Ricardos schlanke Finger dunkelgelb gefärbt. Anzeichen dafür, dass es dem 44-Jährigen überhaupt nicht gut geht. Er raucht zu viel. Ricardo schaut auf den Boden. Seine Arme verschränkt vor dem Bauch, als könnten sie ihn schützen. Die Last der Gedanken wiegt Zentner. Ricardo treibt auf dem offenen Meer. Nur flüchtig schaut er auf, während er nach langem Überlegen eine Frage beantworten kann. Wann hat er gemerkt, dass etwas nicht stimmt? Bei den Gedanken an die ersten Ungereimtheiten im Job, an die Vorwürfe des Chefs, den Stress fangen seine Lippen an zu zittern und er seufzt unruhig. Es sind diese Knackpunkte in seinem Leben. Dinge, die ihn nicht loslassen und immer wieder in die Tiefe ziehen.

Alternative zur Psychiatrie

Ricardo leidet an Schizophrenie. Sein Kopf hat eine eigene Biografie entworfen. Die Fakten darin erscheinen ihm so echt, dass er nicht glauben kann, was ehemalige Kollegen, die Polizei und Begleiter über den alten Ricardo von früher wissen. Seither verfällt der sonst witzige und adrett gekleidete Mann immer wieder ins endlose Grübeln, in krankhaften Schwermut. Er lässt sich gehen: „Dann rauche ich nur noch und pule den Tabak aus meinen Kippen“, sagt er, „ich esse nix mehr, sitze den ganzen Tag in der Bude und rasiere mich nicht.“ Spätestens an diesem Punkt erinnert ihn Sophie Urban-Gertler von Gapsy daran, dass es das Rückzugshaus gibt. Dorthin kann er flüchten, wenn ihn zu Hause alles erdrückt. Dort hört ihm jemand zu. An der Helgolander Straße kann er seine Gefühle und Gedanken ordnen. Schon sieben Mal hat er diese Möglichkeit genutzt, manchmal für zwei, ein andermal sechs Wochen lang. Eine Alternative zur Psychiatrischen Abteilung im Klinikum Ost.

Das Rückzugshaus ist eingebettet in einen ganzen Pool von Möglichkeiten. Regelmäßige Anrufe gehören dazu, das Begleiten zu Ämtern, die Arbeit von Nervenärzten, Ansprechpartner sind rund um die Uhr verfügbar. „Die Gapsy vereinbart mit jedem individuell, was er benötigt“, sagt Geschäftsführerin Katrin Scherer. Jeder Patient entscheide selbst, was er von uns braucht, damit es ihm besser geht. Jeden Monat begleiten die 88 Mitarbeiter der Gapsy bis zu 650 psychisch beeinträchtigte Menschen. Tendenz steigend. Das Team besteht aus 16 Nervenärzten und Psychiatern, aus Pflegern, Psychiatern und Sozialarbeitern. Die Rückzugsräume an der Helgolander Straße nutzen jedes Jahr 200 Betroffene. Es sind so viele, dass Leiter Hermann Tolle auf der Stelle eine dritte große Wohnung anmieten würde – wenn es denn so zentral eine geeignete, barrierefreie Immobilie gäbe.

Mehr Problemlagen als anderswo

Gapsy-Geschäftsführer Helmut Thiede geht davon aus, dass in Bremen jedes Jahr um die 11000 Menschen akut psychisch erkrankt sind. „In Bremen leben viele sozial benachteiligte Menschen“, sagt er, „deshalb haben wir hier mehr Problemlagen als anderswo, die psychische Erkrankungen begünstigen“. Die Anzahl der Aufnahmen in die Psychiatrie ist in Bremen laut Gesundheitsbehörde trotz zusätzlicher ambulanter Angebote zwischen 2009 und 2013 permanent um insgesamt 876 (11,8 Prozent) auf jährlich 8278 Fälle angestiegen. Besonders gravierend ist die Zunahme in der Gruppe der 45- bis 60-Jährigen.

Die Hälfte derer, die bei Gapsy begleitet werden, leiden an Depressionen. Gut ein Drittel kämpft mit Schizophrenie. Vor zehn Jahren war es umgekehrt. Im Rückzugshaus können bis zu acht Personen gleichzeitig übernachten. Die Räume sind gelb, hellblau und orange gestrichen und einfach eingerichtet. Es riecht nach frisch bezogenen Betten. Die weißen Kissen sind aufgestellt und gefalzt. Wie in einem Hotel. „Das ist Absicht“, sagt Begleiterin Claudia Hawranke-Behrens, „unsere Gäste sollen sich hier wohlfühlen.“ Es ist nachmittags und ausnahmsweise ist schon Betrieb in den Räumen des zweiten Obergeschosses über dem Café Klatsch. Hin und wieder bietet Gapsy einen Kochnachmittag oder einen Backnachmittag an. Heute wird gekocht. Wer Lust hat, darf Gemüse schnippeln. Ein Angebot, um anzukommen, abzuschalten, ins Gespräch zu finden. Schritt für Schritt tasten sich zwei Frauen in die Küche. Beide tragen kurz geschorene Haare, blicken kaum auf.

Normal ist das Rückzugshaus erst ab 17 Uhr geöffnet. Bis 9 Uhr am Morgen dürfen die Gäste bleiben. Sie entscheiden, wann sie kommen, ob sie nur abends für ein paar Stunden vorbeischauen, ob sie das Schlafen im Rückzugshaus eine Nacht ausprobieren oder erst am nächsten Morgen zum Frühstück vorbeikommen. Viele derer, die im Rückzugshaus Schutz suchen, sind krank, weil sie traumatisiert sind, erklärt der Leiter des Rückzugshauses Hermann Tolle. Gewalt spiele oft eine Rolle, auch in der Kindheit erlebte Ängste, die nicht verarbeitet worden sind. Ein Geruch genüge, um die Seele in die alten schmerzlichen Erfahrungen zurückzukatapultieren. Die Folge sind heftige Reaktionen, deren Ursprung die Betroffenen nicht benennen und mit denen sie nicht umgehen können. „Andere suchen einen Zufluchtsort, um eine sich anbahnende Krise zu vermeiden“, sagt Hermann Tolle. „Wir bieten dafür den stabilisierenden Rahmen, schützen diese Menschen vor sich selbst, vor den Krankheitssymptomen oder lenken sie ab, damit sie nicht Tag und Nacht Gedanken wälzen.“ Wieder andere, sagt Claudia Hawranke-Behrens, möchten tagsüber weiter funktionieren, die Schule besuchen oder dem Job nachgehen. Nachts können sie nicht allein sein und brauchen einen Rückzugsort.

Panikattacken bestimmen Alltag

Auch Heiner* kommt an diesem Tag ins Rückzugshaus. Er trägt Jeans und ein weiß-blau-gestreiftes Hemd, ist rasiert und plaudert mit einem Lächeln im Gesicht. Dem 56-jährigen, vierfachen Vater geht es momentan gut. Das war nicht immer so. Vor zehn Jahren hat ihn die erste schwere Panikattacke überrollt. Er leidet an Depression und Angstzuständen. In schlimmen Zeiten haben ihn bis zu drei Panikattacken am Tag gepackt. „Ich habe nicht mehr geschlafen, nicht mehr gegessen, konnte nicht vor die Tür gehen“, beschreibt Heiner. In einem Anfall von Todesangst hat er den Rettungsdienst gerufen. Vier Wochen war er in der geschlossenen Abteilung des Klinikums Ost. Sein Zustand besserte sich. Er wurde entlassen. Doch: „Schon nach zwei Tagen ging es mir wieder schlecht.“

Ein Nervenarzt hat ihn im vergangenen Jahr ins Rückzugshaus geschickt. „Nach zwei Tagen hatte ich das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Die Angst war weg und ich habe hier gut geschlafen“, sagt der ehemalige Handwerker. Geholfen habe ihm vor allem die Gewissheit, dass er jederzeit wiederkommen könne. Und die Gesellschaft: „Man sitzt hier abends zusammen, spricht, spielt gemeinsam oder guckt Fernsehen.“ Jetzt kommt er nur noch abends für ein paar Stunden. Zweimal in der Woche besucht ihn ein Begleiter von Gapsy. „Ich bin wieder selbstbewusster, geordnet und zufriedener“, sagt der Mittfünfziger. In die Klinik möchte er nach Möglichkeit nicht mehr. „Dort lebt man wie unter einer Käseglocke“, sagt Heiner, „im Alltag stehe ich wieder allein da“. Nämlich dann, wenn es heißt einkaufen zu gehen, obwohl Ängste die Füße lähmen. Morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, obwohl das Grübeln keinen Platz lässt für Gedanken ans Anziehen, ans Kaffeetrinken und daran, den Bus zu kriegen.

Im Rückzugshaus, sagt Ricardo, gebe es keinen therapeutischen Firlefanz. Aber Hilfe. „Es herrscht keine Autorität. Wenn jemand in Ruhe gelassen werden will, dann macht er nicht mit. Man kann sich seine Auszeit gönnen.“ Für Ricardo ist jetzt wichtig, wieder aufzutauchen: „Im Rückzugshaus geht es mir besser, weil es dort jemanden gibt. Ich werde von der Umwelt wieder wahrgenommen“, sagt er. Ob er heute oder morgen Schutz sucht, entscheidet er selber. Auf jeden Fall ist Land in Sicht.

*Namen von der Redaktion geändert

Ambulant spart Kosten

Das Rückzugshaus hilft nicht nur Erkrankten, es ist auch ein Gewinn für die Krankenkassen. Diese sparen vor allem bei teuren Klinikaufenthalten. Studien belegen, dass die ambulante Versorgung nach dem Modell des „Home Treatment“ auf Dauer effizienter sein kann als der Klinikaufenthalt. Ein Tag im Krankenhaus kostet laut Experten rund 350 Euro. „Von 100 Menschen, die sich bei der Gapsy melden, werden letztlich nur fünf bis sieben im Krankenhaus behandelt“, sagt Geschäftsführer Helmut Thiede. In Bremen beteiligen sich darum immer mehr Kassen an der Finanzierung ambulanter Angebote.

Eine der ersten, die mit an Bord war, ist die Handelskrankenkasse (hkk). „Wir sind mit dem Konzept Rückzugsraum und ambulante Versorgung sehr zufrieden“, sagt der Leiter Versorgungsmanagement, Christoph Vauth. Er ist überzeugt, dass mit Hilfe der ambulanten Angebote Klinikaufenthalte vermieden werden. „Außerdem wird von vornherein das Risiko in eine Klinik zu müssen, abgesenkt.“ Vauth sieht in dem Modell großes Potenzial: „Wenn es mehr solcher Angebote gäbe, könnte die Anzahl der Klinikaufenthalte (8278 im Jahr 2013) halbiert werden.“

Dazu fehle es jedoch an Angeboten, sagt Helmut Thiede. Er spricht von einer Unterversorgung im ambulanten Bereich. Allein in Bremen, schätzt er, sind jährlich um die 11.000 Menschen psychisch krank. Gapsy - als Solist im Bereich der kassenfinanzierten ambulanten Leistungen – versorgt derzeit monatlich bis zu 650 Patienten. Vor 14 Jahren waren es 50 Hilfe Suchende. Das Land Bremen hält derzeit rund 700 Betten bereit, um psychisch Kranke stationär behandeln zu können. Thiede gibt zu bedenken: „Dass wir immer mehr Menschen begleiten, hat nicht dazu geführt, dass weniger Krankenhausbetten belegt sind.“

Nach Angaben der hkk sind die Fehlzeiten von versicherten Arbeitnehmern im Nordwesten aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2008 und 2012 um 70 Prozent gestiegen. Zuletzt ist die Anzahl der Tage, an denen Arbeitnehmer aufgrund von psychischen Erkrankungen nicht arbeitsfähig waren, innerhalb eines Jahres um mehr als ein Drittel auf 1,2 Tage je Versicherten (2014) angestiegen. „Damit belegten die psychischen Erkrankungen Platz zwei nach Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems“, teilt die hkk mit. In Bremen haben die Arbeitnehmer häufiger gefehlt als in Niedersachsen. Wer einmal wegen psychischer Probleme arbeitsunfähig geschrieben war, kam im Durchschnitt erst nach mehr als 40 Tagen wieder zur Arbeit.

Die Bertelsmann Stiftung geht davon aus, dass inzwischen zwei Prozent der Deutschen akut seelisch erkrankt ist. Ursachen für einen Klinikaufenthalt sind im Land Bremen nach Angaben der hkk vor allem Psychische Störungen aufgrund von Suchterkrankungen sowie Depressionen und Schizophrenie.

Rückzugshaus

◼ Das Rückzugshaus gibt es mittlerweile seit elf Jahren. Es ist Teil eines Netzwerks, das psychisch beeinträchtigten Menschen in Bremen ohne lange Wartezeiten an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr Hilfe anbietet. Studien belegen, dass die ambulante Versorgung nach dem Modell des „Home Treatment“ (Behandlung zu Hause) psychisch beeinträchtigter Menschen auf Dauer effizienter und effektiver sein kann als der Aufenthalt in einer Klinik. Finanziert werden die Angebote von zehn Krankenkassen. Bei Gapsy werden monatlich 650 psychisch beeinträchtigte Menschen versorgt. Das Land Bremen hält rund 700 Betten bereit, um psychisch Kranke stationär behandeln zu können. Eine ambulante Versorgung ist nicht bei jeder Erkrankung angezeigt. Ob eine psychische Erkrankung ambulant behandelt werden kann, sollte ein Facharzt entscheiden. Die Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste ist erreichbar unter der Telefonnummer: 0421/16501-0

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