„SEA-WATCH“: FREIWILLIGE RETTEN FLÜCHTLINGE – DIRK SCHOLZ IST EINER VON IHNEN

Im normalen Leben betreibt Dirk Scholz zusammen mit seiner Frau auf der idyllischen Nordsee-Insel Wangerooge ein Jugendgästehaus. Damit ist er mehr als ausgelastet.
30.08.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„SEA-WATCH“: FREIWILLIGE RETTEN FLÜCHTLINGE – DIRK SCHOLZ IST EINER VON IHNEN
Von Michael Lambek

Im normalen Leben betreibt Dirk Scholz zusammen mit seiner Frau auf der idyllischen Nordsee-Insel Wangerooge ein Jugendgästehaus. Damit ist er mehr als ausgelastet. Aber irgendwie gehört er auch zu denen, die angesichts der Bilder von den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer keine Ruhe finden. Für Scholz ist nicht zu akzeptieren, dass eine „ganze Rettungskavallerie“ in Marsch gesetzt wird, wenn in der Kieler Bucht ein Surfer abgetrieben werden könnte, angesichts Tausender ertrunkener Flüchtlinge im Mittelmeer aber allenfalls bedauernd mit den Schultern gezuckt wird. „Da geraten fast täglich Hunderte auf der Flucht von Krieg und Verelendung auf ihren Schlauchbooten in schwere Seenot. Da kannst du nicht immer nur zuschauen. Da musst du was tun, man muss einfach helfen“, sagt er.

Scholz weiß, wovon er spricht. Er war selbst schon einmal in Seenot, „und es war verdammt knapp“, sagt er. Im September 2014 sank seine Jolle, mit der er von Harlesiel nach Wangerooge gesegelt war, 200 Meter vor der Insel, „in Sichtweite seines Hauses“, erinnert sich der 51-Jährige. Der Versuch, nach Hause zu schwimmen scheiterte an der Strömung, die ihn schnell auf die offene Nordsee hinauszog. Als ihn die Besatzung eines Schiffes der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) schließlich an Bord holte, war Scholz eine gute Stunde im Wasser, entkräftet und vor allem völlig unterkühlt. Eine Rettung buchstäblich in letzter Minute.

Vor dem Hintergrund dieses Erlebnisses und weil Scholz von frühester Jugend an gesegelt ist und immer mit dem Wasser in Verbindung stand, hat er seine Dienste als Schiffsführer auf der „Sea Watch“ angeboten. Der fast 100 Jahre alte umgebaute Fischkutter ist sei Mai vor der libyschen Küste unterwegs, wo die kleine, alle paar Wochen wechselnde Besatzung Schiffbrüchigen hilft.

Anfang des Jahres hatte der Brandenburger Geschäftsmann Harald Höpner das Schiff für rund 60 000 Euro in Hamburg gekauft und für einen ebenso großen Betrag für seine künftige Verwendung ausgestattet: Auf dem Kutter wurde ein kleines Schnellboot untergebracht, große Rettungsinseln für rund 400 Personen, Schwimmwesten, Ausstattung für erste medizinische Versorgung. Außerdem wurden zwei Kabinen für eine neun Mitglieder starke Besatzung eingerichtet.

Die Aufgabe der Crew: Sie soll in einem relativ überschaubaren Seegebiet, das etwa die Bucht vor Tripolis beschreibt, nach Flüchtlingsschiffen Ausschau halten, die in Seenot geraten könnten, oder bereits in Not sind. In diesem rund 100 Kilometer breiten Küstenstreifen starten die Flüchtlinge laut Scholz ihre ungewisse Reise von vorgelagerten Inseln aus – in aller Regel auf Schlauchbooten, die weder für die Belastung von 100 Menschen ausgelegt, noch für eine Fahrt übers offene Meer geeignet sind. Aufnehmen kann die „Sea-Watch“ die Menschen nicht. „Dazu ist sie viel zu klein“, sagt Scholz, der Anfang August als Kapitän zur vierten Mannschaft gehörte, die von Lampedusa aus Kurs auf die libysche Küste nahm. Die Aufgabe der „Sea-Watch“-Besatzungen ist es daher lediglich, die Menschen zu finden und ein Notsignal an die italienischen Behörden abzusetzen. Damit stößt die Organisation genau in die Lücke, die mit dem Ende des „Mare-Nostrum-Programms“ im vergangenen Jahr aufgerissen wurde. Die Operation „Mare Nostrum“ war von der italienischen Marine und der Küstenwache organisiert worden, nachdem im Herbst 2013 innerhalb weniger Tage 400 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken waren. Die Marine war bis Ende Oktober 2014 mit vier Schiffen im Einsatz.

Beteiligt an der permanenten Such- und Rettungsaktion waren außerdem das italienische Heer, die Luftwaffe, die Carabinieri, der Zoll und die Küstenwache.

Die Operation endete am 31. Oktober 2014 und wurde von „Triton“ abgelöst, einer Mission der europäischen Agentur Frontex, die im Auftrag der EU die Sicherung der europäischen Grenzen in Italien gewährleisten soll.

„Die Italiener fahren zwar weiterhin zu Rettungseinsätzen, wenn sie ihnen gemeldet werden, aber sie suchen von sich aus nicht mehr nach havarierten Flüchtlingsschiffen“, so Scholz. Das übernimmt die „Sea Watch“. Das Seegebiet vor Tripolis sei inzwischen wie leergefegt, die Handelsschiffe machten in aller Regel darum einen großen Bogen um das Gebiet, um möglichen Verpflichtungen zur Seenotrettung von vornherein aus dem Weg zu gehen.

Wenn die Besatzung der „Sea Watch“ Flüchtlinge auf ihren schwachen Booten gefunden haben, leistet sie erste Hilfe. Die Menschen werden mit Trinkwasser und Schwimmwesten versorgt. Sie können die schlingernden Boote verlassen und in die Rettungsinseln wechseln. Die Männer und Frauen der „Sea Watch“ bleiben bei Ihnen, bis die alarmierten Rettungskräfte von Lampedusa eingetroffen sind und die Flüchtlinge aufnehmen können. „Das dauert etwa fünf bis sechs Stunden“, sagt Scholz und erinnert sich an seine eigene Notsituation: „Ich habe damals jede Minute gewusst, was mit mir passiert und was ich tun muss um möglichst lange durchzuhalten. Die Flüchtlinge kennen das Meer nicht. Die wenigsten können schwimmen. Wenn sie schiffbrüchig werden, sterben sie einfach.“

Zur Zeit ist die fünfte Crew vor der libyschen Küste. Der Einsatz von Scholz als Skipper der vierten Crew im Mittelmeer war kurz. Anders als die drei Teams vor ihm, konnte seine Crew sich an Rettungen nicht beteiligen. Schon 30 Stunden nach Ankunft im Einsatzgebiet zwang ein Maschinenschaden die „Sea Watch“ am 7. August zur Umkehr zur Basisstation auf Lampedusa. Zu diesem Zeitpunkt, so vermerkt Scholz in seinem Logbucheintrag, hat das „Sea-Watch“-Projekt 700 Flüchtlinge aus Seenot gerettet.

Am Donnerstag, 27. August sollten weitere 500 Menschen dazukommen (siehe Bericht unten). Scholz will im nächsten Frühjahr wieder dabei sein.

Rettungsbericht der „Sea-Watch“-Basisstation

27. August, 10:30 Uhr: Anruf per Satellitentelefon von André (Skipper des fünften Törns) bei Sandra: Einsatz!

Schlechte Kommunikationsverbindung. Die Mannschaft hat drei Schlauchboote gesichtet und MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre, Koordinationsleitstelle zur Seenotrettung, Redaktion) Rome informiert. Erste Zählungen und Angaben: Auf zwei Booten befinden sich 230 Personen, das dritte wird gerade durchgezählt. Rettungswesten werden ausgegeben. Zwei Rettungsinseln, eine 25er und eine 65er ausgebracht, Frauen und Kinder darauf gesichert.

Rückmeldung von der Guardia Costiera (italienische Küstenwache, Redaktion): sie treffen in etwa fünf bis sechs Stunden ein. Haben zwei weitere Schlauchboote gesichtet, das RIB (Festrumpf-Schlauchboot auf der „Sea-Watch“, Redaktion) fährt raus.

12:30 Uhr: Die drei Boote liegen weiterhin bei der „Sea-Watch“. Das vierte Boot konnte an einem Frachter (Nina S) befestigt werden. Darin befinden sich mehrere Verletzte und zwei Tote. Das medizinische Team (Markus, Sascha und Nanni) ist dort. Eine weitere 25er Insel muss raus – narkotisierter, verletzter Mann wird darin gelagert. Das fünfte Boot wird gerade vom RIB zur “Sea-Watch“ gebracht. Die Teams an Land telefonieren, schreiben untereinander, es herrschen Anspannung, Sorge, Stolz. Camp-Leiterin Sandra steht in permanenter Verbindung mit der Guardia Costiera, die sind mit drei Schiffen zur „Sea-Watch“ unterwegs.

16:50 Uhr: Das Schiff empfängt wieder unsere Nachrichten per Satellitentelefon – und sie haben direkten Funkkontakt mit der CP 906 von der Guardia Costiera, die in etwa einer Stunde da ist. Laut Markus ist der Schwerverletzte inzwischen stabil.

Der eingetroffene Frachter Mina F hat die Insassen aus Boot fünf mitgenommen. Die beiden Toten übernimmt später die Costiera. Aktuell sind etwa 450 Personen bei der „Sea-Watch“. Das Trinkwasser ist restlos aufgebraucht. Die Crew hat alles unter Kontrolle. Sie wissen nun, dass die Costiera bald kommt, das motiviert, das stärkt.

17:40 Uhr: Die CP 906 beginnt die Bergung der Flüchtlinge.

23:00 Uhr: endlich die Information: „… duschen, essen und dann los“. Die „Sea-Watch“ musste alle an Bord verbliebenen Rettungsmittel (Schwimmwesten und Rettungsinseln) einsetzen, die Trinkwasserreserven wurden restlos aufgebraucht. Die „Sea-Watch“ musste daher ihren Einsatz vor Ort abbrechen, um auf Lampedusa neue Rettungsmittel aufzunehmen. Wir wünschen der Crew Gute Heimfahrt! Sie wird gegen Mitternacht auf Lampedusa eintreffen.

Einfach helfen

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+