Stephen Bannon

Sein Traum von einer rechten Internationalen

Stephen Bannon versteht sich zu inszenieren - und sieht seine Zukunft als Führer einer rechten Sammel-Bewegung in Europa.
08.08.2018, 21:17
Lesedauer: 5 Min
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Sein Traum von einer rechten Internationalen
Von Thomas Spang
Sein Traum von einer rechten Internationalen

Lobte die Alternative für Deutschland: Steve Bannon verfolgt konkrete Pläne für Europa.

Hager/Reuters

Schwarze Hemden gehören so sehr zu seinem Image wie die leicht derangierte Frisur und der glasige Blick. Gerne trägt der notorisch schlecht rasierte Polit-Vagabund darüber eine olivgrüne Jacke. Ob als Hohepriester eines neuen Nationalismus, Revoluzzer gegen die „Partei von Davos“ oder als Reinkarnation Thomas Cromwell’s am Hofe der Tudor’s – Stephen Bannon, der Verwegene, versteht sich zu inszenieren.

Der Narzissmus des Tausendsassas, der sich in seiner Karriere mehr als einmal neu erfand, kann mit dem des „Amerika-Zuerst“-Präsidenten mithalten. Weshalb es nur eine Frage der Zeit war, bevor die beiden Egos mit voller Wucht aufeinanderprallten. Als in der Öffentlichkeit der Eindruck entstand, Trump sei die Puppe an der Bannon die Fäden zieht, setzte er ihn vor die Tür.

Bannon habe „geweint und um seinen Job gebettelt“, twitterte Trump nach dem Rausschmiss Anfang des Jahres. Als er kurz darauf auch die Führung der sogenannten Agitprop-Truppen von Breitbart aufgeben musste, höhnte ihm der Präsident hinterher. „Schlamper Steve“ sei von fast allen „wie ein Hund ausgesetzt worden“.

Sitz in Brüssel

Ironischerweise setzt Trump seitdem genau die Rezepte um, die ihm sein Vordenker verschrieben hatte. Er zettelte Handelskriege gegen China, die Nafta-Nachbarn und Europa an, nahm Flüchtlingen an der Grenze zu Mexiko die Kinder weg, hetzte gegen die „Volksfeinde“ in der Lügenpresse, unterminierte die unabhängige Justiz, drohte mit dem Ende der Nato und versuchte, aktiv die Europäische Union zu spalten.

„Flood the Zone“ (zu Deutsch: „den Strafraum fluten“) nennt Bannon diese Strategie der Überwältigung der politischen Gegner, für die er vor allem Verachtung übrig hat. Je mehr sich die Leute aufregen, desto besser aus seiner Sicht. Sein Vorbild ist der Honigdachs, der laut Brehms Tierleben angriffslustig ist, und sich in seinem Blutdurst festbeißt.

Der ehemalige Navy-Offizier, Wall-Street-Banker, Filmemacher, Breitbart-Agitator, Wahlkampf-Manager und Chef-Stratege im Weißen Haus sieht seine Zukunft als Führer einer rechten Sammel-Bewegung in Europa. Die geplante Stiftung mit dem bezeichnenden Namen „The Movement“ („Die Bewegung“) soll ihren Sitz in Brüssel haben – dem Sitz der EU und der Nato. Als wollte er sich für die anmaßende Einmischung erklären, ließ der Rechtsaußen aus Amerika „Die Zeit“ wissen, er habe deutsche Vorfahren. Seine Mutter sei eine „Herr“ und auch bei seinem irischen Vater gebe es deutsches Blut in der Familie.

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Erstes Etappenziel „Der Bewegung“ sind die Europawahlen im kommenden Jahr. Ganz unbescheiden kündigt das Sprachrohr der Neo-Nationalisten an, mit seinen zunächst zehn Mitarbeitern für einen „Erdrutsch“ sorgen zu wollen. Einer von drei Abgeordneten im Europaparlament werde demnächst aus dem Lager der Rechten und Populisten kommen.

Diese versuche er auf eine Einheitsfront einzuschwören, um die verhasste EU von innen lahmzulegen. Dafür will Bannon nach den Zwischenwahlen zum US-Kongress im November seine Wirkstätte zu 50 Prozent nach Europa verlegen. Er plant die meiste Zeit unterwegs zu sein und Überzeugungsarbeit zu leisten. Wie zuletzt, als er für eine Woche Hof im Londoner Nobelhotel „Mayfair“ hielt.

Zusammen mit seinem Mitarbeiter Raheem Kassam, der für ihn bei Breitbart tätig war, gab er Interviews und empfing führende Rechtspolitiker aus Europa. „Jeder“ verstehe, dass es bei den Europawahlen erstmals „zu einem Showdown zwischen dem Populismus und der Partei von Davos kommen wird“. Dies werde ein enorm wichtiger Moment für Europa sein.

Es liegt nicht am Geld

Die „Partei von Davos“ ist ein Schmähbegriff, den Bannon für die Eliten der Globalisierung benutzt, die sich einmal im Jahr in dem Schweizer Skiressort treffen. Ob das Geld für „The Movement“ von rechtsradikalen US-Milliardären stammt oder aus den Schatullen russischer Oligarchen, ließ Bannon offen. Deren Interesse ist dasselbe: Europa zu spalten. Die Revolte der „Lega Nord“ und „Fünf Sterne“ in Italien oder der Brexit hätten darüber hinaus bewiesen, dass es nicht am Geld liege.

„Die haben für sieben Millionen Pfund die fünftgrößte Wirtschaft der Welt aus der EU geführt“, frohlockt Bannon über den Erfolg der Brexit-Kampagne in Großbritannien. In Italien hätten es Politiker sogar mit dem Einsatz ihrer privaten Kreditkarten geschafft, „die siebtgrößte Wirtschaft der Welt zu übernehmen“. Bannon entfaltete den Traum einer rechten Internationalen, lange bevor er Trump entdeckte, 2014 bei einem Forum des „Human Dignity Instituts“ im Vatikan.

Schon damals schwärmte er von einem Bündnis aus britischen Rechtspopulisten der „Ukip“, der französischen „Rassemblement National“, der schweizerischen „SVP“, der österreichischen FPÖ, der niederländischen „Freiheitspartei“, der polnischen PSI und der ungarischen „Fidez“. „Das zentrale Anliegen, das all diese mitte-rechts-populistischen Bewegungen verbindet“, erklärte Bannon, sei die „Sammlung der arbeitenden Männer und Frauen in der Welt, die müde sind, von der ‚Davos‘-Lobby herumkommandiert zu werden“. Die Leute spürten, wie sie entmündigt würden, und lehnten sich überall gegen zentralisierte Regierungen und supranationale Gebilde wie die Europäische Union auf.

Bannons Antwort ist ein Neo-Nationalismus, der sich auf traditionelle Werte zurückbesinnt und Globalisierung Grenzen setzt. „Starke Länder und starke nationalistische Bewegungen machen starke Nachbarn“. Das ist sein Argument für die angestrebte Einheitsfront der Populisten in Europa. Das Bündnis in Italien zeige, dass „Links“ und „Rechts“ ausgediente Kategorien seien. „Beim neuen Paradigma geht es um Populismus und Anti-Establishment gegen das Establishment.“ Mit Trump eint Bannon die Verachtung für Angela Merkel. Die deutsche Bundeskanzlerin werde wegen ihrer Flüchtlingspolitik „als destruktivste politische Figur des 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen“.

Der amerikanische Nationalist setzt auf die Alternative für Deutschland (AfD). Nach einem Treffen mit Alice Weidel und Beatrix von Storch in Zürich lobte er die „fantastischen Persönlichkeiten“ der AfD-Führer. Im Lauf der Zeit würden sie in der Lage sein, die Mittelklasse anzusprechen und einem jungen Publikum Nationalismus näher zu bringen. Bannons Erfolgsbilanz fällt allerdings weniger überzeugend aus, als sein Selbstbewusstsein vermuten lässt. Viele der radikalen Kandidaten, die er in den USA unterstützt hat, bescherten den Demokraten unerwartete Wahlsiege.

Ungeachtet dessen fordern europäische Politiker, Bannon keine Plattform zu bieten. Ex-Grünen-Chefin Renate Künast sprach vielen aus der Seele, als sie forderte, Bannon den längeren Aufenthalt in der EU zu verweigern. Unterschätzt werden sollte der Krawallmacher keinesfalls. Das Schwarzhemd hat mit „Der Bewegung“ ein klares Ziel und ein bewährtes Rezept.

Politik aus den USA importieren

Dieses probierte er erstmals aus, als er seine Seelenverwandtschaft zu Trump entdeckte. Er erkannte in ihm sehr früh einen idealen Botschafter des Neo-Nationalismus, der wie er in klaren Freund-Feind-Mustern denkt. Bannon versucht diese Politik der Polarisierung nun aus den USA zu importieren. Es geht ihm darum, ethnische und religiöse Gegensätze zu schüren, Zynismus über demokratische Institutionen zu nähren, und die freien Medien zu unterminieren. Je mehr Chaos, so das Kalkül des Handelsreisenden in Diensten der rechten Internationalen, desto größer die Sehnsucht nach einem starken Führer.

Bannons Lichtgestalten sind düstere Figuren wie er: Donald Trump, Nigel Farage, Marine LePen, Christoph Blocher, Geert Wilders, Hans Strache oder Viktor Orban. Nationalistische Einpeitscher, die sich gegenseitig an den Kragen gehen könnten. Mit diesen Brandstiftern will er in Brüssel zündeln. Wenn das europäische Haus in Flammen steht, hat der amerikanische Nationalist sein Ziel erreicht. Frei nach dem Motto des Dichters John Milton, den Bannon zitiert. „Es ist besser, in der Hölle zu herrschen, als im Himmel zu dienen.“

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